Zusammenhalt macht Mut: Chor ohne Proben

Ein Interview mit Chorleiterin Anne Rill vom Stadtpfarrchor St. Simplizius zur Coronakrise.

Fulda - Neben Konzertchören ist auch Kirchenchören und Kantorein derzeit wegen der Corona-Pandemie das gemeinsame Proben untersagt. „Fulda aktuell“ sprach mit Anne Rill, der Leiterin des „Stadtpfarrchores St. Simplizius Fulda“ über die Auswirkungen der Krise.

FULDA AKTUELL: Seit wann liegt die Chorarbeit „auf Eis“?

ANNE RILL: Wir hatten unsere letzte Chorprobe am Mittwoch, den 11. März. Seitdem mussten wir über lange elf Wochen und auch über die sonst sehr intensive Chorzeit um Ostern mit festlichen Gottesdiensten in Stadtpfarrkirche und Dom pausieren, was für mich bis dahin undenkbar erschien.

FA: Wie viele Chormitglieder sind in Ihren Chören von der „Zwangspause“ betroffen?

RILL: Im „Stadtpfarrchor St. Simplizius Fulda“ singen aktuell rund 60 Sänger. Auch der Kinder- und Jugendchor der Innenstadtpfarrei, die „Chöre an der Modell- und Gesamtschule Obersberg“ in Bad Hersfeld und die „Chöre am Dom“ pausieren momentan.

FA: Können Sie abschätzen, wann wieder mit der Chorarbeit begonnen werden könnte?

RILL: Dies kann wohl niemand so richtig voraussagen, da dies ja von mehreren Faktoren abhängt. Wie entwickelt sich die allgemeine Situation mit dem Virus? Welche weiteren wissenschaftlichen Erkenntnisse gibt es speziell in Bezug auf das Singen? Wie verändert sich der rechtliche Rahmen dadurch?

FA: Falls irgendwann eine Erlaubnis möglich ist: Könnten Sie sich vorstellen, dass die Arbeit zuerst in kleineren Gruppen/Ensembles stattfinden könnte?

RILL: Ich denke schon, dass man hier auch zunächst bereit sein muss, neue Wege zu gehen. Vorstellen könnte ich mir konkret die Probenarbeit mit kleineren Gruppen in Stimmgruppen oder auch gemischt mit entsprechendem Abstand. Um überhaupt wieder zusammenkommen zu können, könnte ich mir auch vorstellen, dass man zur Sommerzeit Proben im Freien durchführt – aber das ist natürlich keine Dauerlösung.

FA: Gibt es in Ihrem Chor Möglichkeiten, Literatur alleine zu erarbeiten und nutzen Sie diese Möglichkeit?

RILL: Im „Stadtpfarrchor St. Simplizius“ nutzen wir diese Möglichkeit aktuell so nicht. Ich denke, das Besondere am Singen in unserem Chor ist das gemeinsame Agieren und Gestalten in der Gruppe mit konkreten Zielen und nicht zu unterschätzen auch der gesellschaftliche Aspekt. Dies lässt sich für mich so nicht alleine und auch nicht über digitale Chorproben erreichen.

Ich bin aber in engem Kontakt mit unserer Ersten Vorsitzenden Anja Knapp.

Wir versuchen regelmäßig mit unseren Chormitgliedern in Kontakt zu bleiben und durch Grußbotschaften zum Teil mit musikalischen Aufnahmen des Chores oder kreativen Beiträgen einzelner Chormitglieder den Chorgeist auch in dieser Zeit spüren zu lassen. Dies erweckt viel Dankbarkeit und positive Resonanz und tut auch für einen selber wirklich gut. Wir planen aktuell, dass wir uns vor der Sommerpause noch einmal zu einem Gottesdienst im Freien treffen wollen.

FA: Erfahrungsgemäß gehört ein Großteil der Chormitglieder zur sogenannten Risikogruppe. Werden alle Chormitglieder bei einem Neubeginn von Anfang an dabei sein (können) oder würden Sie älteren Sängern empfehlen, die Proben zunächst nicht zu besuchen?

RILL: Es ist, denke ich, schon sinnvoll, dass Personen mit größerem Risiko für einen schweren Krankheitsverlaufs zunächst vorsichtig sind. Ich denke aber, dass jeder für sich selbst abwägen sollte, wie er sich verhalten möchte. Bei einem Neubeginn sollte sehr gut überlegt werden, wie man generell das Risiko für alle Beteiligten möglichst gering halten kann. Mir wäre wichtig klar zu machen, dass es selbstverständlich vollkommen in Ordnung ist, wenn man für sich entscheidet, den Chorproben aus benannten Gründen erst einmal fernzubleiben.

FA: Es sind viele Konzerte in diesem Jahr ausgefallen. Können diese nachgeholt werden oder müssen Sie nach Corona „bei Null“ anfangen?

RILL: Wir sind sehr dankbar, dass wir ein größeres Konzert, auf das wir sehr lange hingearbeitet hatten, an einem der quasi letztmöglichen Termine im März noch unbeschwert durchführen konnten. Normalerweise würde jetzt schon die Planung für das zweite Halbjahr laufen. Eine Planung ist aber in diesem Jahr wie in anderen Bereich auch wenn überhaupt nur kurzfristig möglich und erfordert viel Flexibilität, da ja immer von der allgemeinen Situation abhängt, ob eine geplante Veranstaltung überhaupt stattfinden kann. Das ist schon ein Problem, aber der Zusammenhalt, den ich momentan im Chor auch über die Distanz spüre, macht mir Mut, dass wir da Wege finden werden.

FA: Es gibt wohl Studien, nach denen Chorsingen „nicht so gefährlich“ sei. Sehen Sie das auch so?

RILL: In Bezug auf das Singen las man zunächst nur von sehr kritischen Einschätzungen und von einzelnen Chören, in denen sich der Corona-Virus nach nur einer Probe rasant ausgebreitet hatte. Ich bin sehr froh, dass es nun auch diese Einschätzungen gibt und finde sie in den wesentlichen Punkten auch plausibel. Es bleibt nun zu hoffen, dass weitere Untersuchungen diese Einschätzung bestätigen.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern gutes Durchhaltevermögen, beste Gesundheit und ganz viel Vorfreude auf die Zeit, in der wir die Musik wieder teilen können und diese dann vielleicht noch viel intensiver und dankbarer erleben werden.

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