Zwischenruf zum Thema Wedel: Wenige wissen was, aber viele reden mit

Zwischenruf von Christopher Göbel zur "Affäre Wedel"

Über die Schlagzeilen, die um den Ex-Festspielintendanten Dieter Wedel gerade unfreiwillig macht, schreibt Redakteur Christopher Göbel.

Anschuldigungen sind schnell geäußert. Ich möchte hier nicht von „Rufmord“ sprechen, denn bei einem solchen wissen die Ankläger meist, dass ihre Behauptungen unwahr sind. „Rufmord“ wird begangen, um einen Menschen absichtlich mit Lügen zu schädigen. Was damals zwischen Dieter Wedel und so manchen Schauspieler­innen passiert ist, weiß ich nicht. Falls etwas vorgefallen ist, wissen das nur die möglicherweise Beteiligten. Keine Journalisten und auch nicht diejenigen, die bei sozialen Netzwerken in den vergangenen Wochen ihren Senf abgegeben haben, sind komplett im Bilde.

Ich bin mir sicher, dass Herr Wedel in seiner langen Karriere nicht jeden Schauspieler, Beleuchter, Mikrofonhalter und Drehbuchschreiber mit Samthandschuhen angefasst hat. Das passt nicht zu seinem Naturell, zumindest nicht zu dem, das ich in persönlichen Begegnungen mit ihm kennengelernt habe. Er ist sicherlich dem ein oder anderen auf die Füße getreten. Und er ist sicherlich auch laut geworden, wenn etwas nicht so lief, wie er es sich als Regisseur vorstellte. Abgesehen von den Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs gibt es dann bestimmt auch den einen oder die andere, die ein Hühnchen mit ihm zu rupfen haben. Und weil sich drei Schauspielerinnen in der „Zeit“ vorgewagt haben, sprangen immer mehr auf den fahrenden Zug auf.

Neue Anschuldigungen

Diese Woche legte die „Zeit“ in ihrem Magazin nach, die Vorwürfe werden schwerer, die Verdachtsmomente konkreter. Zumindest laut dieser Zeitung. Ich kann mir nicht denken, dass das Blatt diese beiden Artikel veröffentlicht hätte, wenn ihnen nicht irgendetwas Handfestes vorliegen würde. Aber es glaubte auch niemand, dass ein renommiertes Magazin auf gefälschte Tagebücher eines Diktators hereinfallen würde. Von uns hatten viele schon mal einen Vorgesetzten, der einen schikaniert hat. Einen, der seine Macht ausspielte. Einen, der auf neudeutsch „gemobbt hat“ (Ich habe so einen Chef nicht ;-) ). Problematisch wird es, wenn der Chef eine Berühmtheit ist, die einen Ruf zu verlieren hat. Ich möchte damit keinesfalls Wedel in Schutz nehmen, denn ich kann mir kein Urteil darüber erlauben, ob er die besagten Schauspielerinnen im Bademantel zum Casting empfangen hat. Hat er das getan, dann gibt es dafür keine Entschuldigung. Auch alle anderen Vorwürfe, die nun gegen Wedel im Raum stehen, wären verwerflich – so sie denn tatsächlich geschehen sind. Aber es gibt auch heute keinen Beweis mehr, dass es so passiert ist. Und auch kein Gericht der Welt würde heute noch stichhaltige Beweise dafür oder dagegen finden können.

"Anti-Wedel-Kampagne"

Ich habe den Eindruck, dass die „Anti-Wedel-Kampagne“ zahlreiche Anhänger unter denen gefunden hat, die meinen, sich an ihm „rächen“ zu wollen. Dass der Ruf eines Mannes (ja, ich sage absichtlich „Mannes“ und nicht „Menschen“) damit auf ewig zerstört ist, scheint die Ankläger dabei nicht zu interessieren. Nochmal: Sollte sexueller Missbrauch passiert sein, dann sollte Wedel sich in Grund und Boden schämen und büßen müssen. Aber so lange nichts bewiesen ist, gilt in unserem Rechtsstaat „in dubio pro reo“.

Was Wedel widerfahren ist, ist zunächst eine Vorverurteilung ohne Beispiel. Mir tut es leid für ihn, denn seine Arbeit für die „Bad Hersfelder Festspiele“ war keine schlechte. Er hat den Ruf des renommierten Theaterfestivals weit über die Grenzen einer normalen deutschen Kleinstadt hinaus gefestigt. Er hat Promis nach Bad Hersfeld geholt und den Festspielen ein bisschen mehr Glanz verliehen, als es vielleicht seine Vorgänger getan haben. Er hat erfolgreiche Filme gedreht und sich einen Namen im Showbusiness erarbeitet. Und mit zwei (angeblichen) Enthüllungsartikeln ist ein Lebenswerk zerstört.

Seriöser Journalismus?

Das sollte nicht die Aufgabe des Journalismus sein. Das sehen wir in der Redaktion auch so, denn bevor wir Anschuldigungen erheben, möchten wir beide Seiten hören. Das ist aus unserer Sicht seriöser Journalismus. Wir wollen nicht über Vorgänge berichten oder ungefiltert Behauptungen verbreiten, die niemand mehr beweisen kann. Denn ansonsten brauchen wir uns nicht zu wundern, dass Schwachköpfe „Lügenpresse“ rufen.

Dass die Staatsanwaltschaft München nach einem Anfangsverdacht nun gegen Wedel ermittelt, ist auch kein Beweis für Schuld oder Unschuld. Die sehr lebendigen Schilderungen der Schauspielerin Esther Gemsch in der „Zeit“ jedoch sind ein anderes Kaliber. Das, was sie erzählt, ist anscheinend auch bei einem öffentlich-rechtlichen Sender, der damals über Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit Wedel informiert gewesen sein soll, dokumentiert. Die Kernfrage lautet: Warum wurde damals nicht gehandelt?

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Hier geht es zum aktuellen Online-Artikel über die Vorgänge in Bad Hersfeld von unserer Partnerzeitung "Kreisanzeiger"

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