Gastgewerbe in der Region: Jeder Fünfte ist weg -
Gewerkschaft fordert bessere Arbeitsbedingungen

Im Zuge der Corona-Pandemie verzeichnen die Hotels und Gaststätten in der Region eine dramatische Abwanderung von Fachkräften.
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Im Zuge der Corona-Pandemie verzeichnen die Hotels und Gaststätten in der Region eine dramatische Abwanderung von Fachkräften.

Innerhalb des vergangenen Jahres haben im Landkreis rund 550 Köche, Servicekräfte und Hotelangestellte dem Gastgewerbe den Rücken gekehrt

Landkreis. Impfzentrum oder Supermarktkasse statt Biertheke: Im Zuge der Corona-Pandemie verzeichnen die Hotels und Gaststätten in der Region eine dramatische Abwanderung von Fachkräften. Innerhalb des vergangenen Jahres haben im Landkreis rund 550 Köche, Servicekräfte und Hotelangestellte dem Gastgewerbe den Rücken gekehrt – das ist fast jeder fünfte Beschäftigte der Branche, wie die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) unter Berufung auf jüngste Zahlen der Arbeitsagentur mitteilt.

Andreas Kampmann, Geschäftsführer der NGG-Region Nord-Mittelhessen: „Viele Menschen schätzen es, nach langen Entbehrungen endlich wieder essen zu gehen oder zu reisen. Aber ausgerechnet jetzt fehlt einem Großteil der Betriebe schlicht das Personal, um die Gäste bewirten zu können“, so Kampmann.

Sudhaus-Gastronom schildert aktuelle Lage

Yannick Klütsch, Betreiber vom Sudhaus berichtet: „Durch die Pandemie sind mir natürlich die Teilzeitkräfte weggefallen. Viele arbeiten jetzt für 18 Euro pro Stunde in Impfzentren. Die kommen natürlich erst mal nicht wieder in die Gastro zurück.“ Klütsch hat durch sein eigenes Netzwerk und Aufrufe in sozialen Medien zwar wieder einige Mitarbeiter gefunden. „Ich bin aber noch offen für Anfragen. Wer Lust hat, im Team mitzuarbeiten, kann sich gerne melden.“

Für die Lage macht Gewerkschafter Kampmann insbesondere die Einkommenseinbußen durch die Kurzarbeit verantwortlich: „Gastro- und Hotel-Beschäftigte arbeiten sowieso meist zu geringen Löhnen. Wenn es dann nur noch das deutlich niedrigere Kurzarbeitergeld gibt, wissen viele nicht, wie sie über die Runden kommen sollen.“ Wenn die gut ausgebildeten Fachkräfte in Anwalts- oder Arztpraxen die Büroorganisation übernehmen oder in Supermärkten zwei Euro mehr pro Stunde verdienen als in Hotels und Gaststätten, dürfe es niemanden überraschen, dass sich die Menschen neu orientierten. „Schon vor Corona stand das Gastgewerbe nicht gerade für rosige Arbeitsbedingungen. Unbezahlte Überstunden, ein rauer Umgangston und eine hohe Abbruchquote unter Azubis sind nur einige strukturelle Probleme. Die Unternehmen haben es über Jahre versäumt, die Arbeit attraktiver zu machen. Das rächt sich jetzt“, kritisiert Kampmann.

Arbeitsbedingungen: Kulturwandel gefordert

Wirte und Hoteliers hätten nun die Chance, die Branche neu aufzustellen. Zwar seien viele Firmen nach wie vor schwer durch die Pandemie getroffen. Doch wer künftig überhaupt noch Fachleute gewinnen wolle, müsse jetzt umdenken und sich zu armutsfesten Löhnen und besseren Arbeitsbedingungen bekennen. Dazu seien Tarifverträge unverzichtbar, unterstreicht Kampmann: „Am Ende geht es um einen Kulturwandel. Servicekräfte haben Anspruch auf eine anständige Bezahlung – unabhängig vom Trinkgeld.“ Die Gewerkschaft NGG verweist zudem auf die umfassenden Finanzhilfen des Staates für angeschlagene Betriebe. So können sich Hotels und Gaststätten im Rahmen der Überbrückungshilfen in diesem Monat bis zu 60 Prozent der Personalkosten bezuschussen lassen, wenn sie Angestellte aus der Kurzarbeit zurückholen (Restart-Prämie).

Im Landkreis Kassel waren zum Jahreswechsel 2.349 Menschen in der Gastronomie beschäftigt In 2020 waren es noch 2.894. Im Schwalm-Eder-Kreis arbeiteten zum Jahreswechsel 2.176 Menschen in der Gastro. Im Jahr 2020 waren es 2.572.

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