Angst davor, dass der Vorhang für das Staufenberger Puppentheater für immer fällt

Puppenbühne mit Räuber Hotzenplotz, Kasper und Seppel.
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Werden Räuber Hotzenplotz, Kasper und Seppel Kinderherzen auch in Zukunft höher schlagen lassen?

Künstler*innen haben es in der Corona-Krise besonders schwer. Auftritte, Shows, Engagements - alles wird seit Monaten abgesagt und verschoben. Auch die Staufenberger Puppenspiel-Familie Nolting trifft diese Situation besonders hart. Eine Jahrhunderte alte Tradition steht auf dem Spiel. Die Noltings stehen für eine ganze Reihe Betroffener, die derzeit um ihre Existenz bangen müssen.

Staufenberg. Die Kulturbranche liegt in Corona-Zeiten am Boden. Viele Künstler stehen vor dem Aus oder mussten sich in der Krise eine andere Arbeit suchen – sofern die in diesen Zeiten überhaupt zu finden ist. Andreas (52), Nicole (46), Selina (22) und André (29) Nolting aus Staufenberg kämpfen ebenfalls ums wirtschaftliche Überleben. In der fünften Generation tourt die Familie mit ihrem Puppentheater, ein traditioneller Familienbetrieb, durch die Republik. Ihre Vorfahren fuhren bereits vor über 200 Jahren mit Pferd und Wagen durch die Pfalz und das Elsass, boten Menschen- und Puppentheater dar, musizierten. Nun droht diese gehegte Tradition zu zerbrechen.

Rund 100 Vorstellungen wurden abgesagt

Das sozial engagierte Theater hat sich in ganz Mitteldeutschland einen Namen gemacht und ist auch in der nordhessischen und niedersächsischen Region bei Groß und Klein beliebt. Die Bühne bleibt jedoch bis auf weiteres leer, da bis heute rund 100 Vorstellungen abgesagt werden mussten. Noch zu gut ist die erste Absage aufgrund der Corona-Krise in Erinnerung: „Wir hätten am 13. und 14. März 2020 ‚Neues vom Räuber Hotzenplotz‘ im Kasseler Philipp-Scheidemann-Haus gespielt. Der Auftritt wurde vom Gesundheitsamt abgesagt“, bedauert Andreas Nolting. An Einnahmen sei seitdem nicht mehr zu denken gewesen. Dabei haben es die Inszenierung mit den Puppen finanziell in sich: Figuren, Puppenköpfe, die aufwendigen Kulissen und Requisiten und nicht zuletzt die passenden Kostüme kosten zwischen 12.000 und 15.000 Euro – pro Inszenierung versteht sich. Und Noltings haben ein breit gefächertes Repertoire, so spielen sie unter anderem ‚Der Eierdieb‘, ‚Räuber Hotzenplotz‘, ‚Die kleine Hexe‘ oder ‚Verhexte Weihnachten‘. Viel Liebe ließen die Noltings in ihre Arbeit rund um die Puppenbühne fließen, Zukunft ungewiss. Befreundete Bühnen in Bayern und Nordrhein-Westfalen hätten anfangs noch versucht mit Hygienekonzepten zu arbeiten. Herausgekommen seien Auftritte vor sieben Zuschauern. Davon könne man allerdings nicht leben.

Wegen der Corona-Pandemie in Not: Die Staufenberg Puppenspieler-Familie Andreas, Nicole, Selina und André Nolting.

Wirkliche finanzielle Hilfen gab es seit dem ersten Lockdown keine, wie der 52-Jährige erklärt: „Das Land Niedersachsen hat von Grund auf abgelehnt, den Künstlern unter die Arme zu greifen. Ich habe viel telefoniert, ja sogar beim Ministerium angerufen – ohne Erfolg. Ich wurde stattdessen an eine Bank verwiesen. Dort hat man mir lediglich einen Kredit angeboten. Leider ist das mit der Hilfe für Künstler so eine Sache und wird in Deutschland je nach Region recht unterschiedlich gehandhabt. Wir wissen von Bühnen in anderen Bundesländern, die Hilfen bekommen haben.“

Ohne Mama Nicoles Teilzeitjob würde gar nichts mehr gehen, er hält die Familie noch über Wasser. Anfangs habe man Masken für Firmen selbst nähen können, wofür es Geld gegeben habe. Doch die Zeit ist nun vorbei. Untätig blieben die Noltings deshalb nicht. Aktuell habe man die Bühne zuhause aufgebaut, Ausbesserungsarbeiten an Puppen und Bühnenbildern gemacht. Und Ideen für neue Stücke entwickelt. Die Hoffnung auf die Einkehr der Normalität ist trotz allen Rückschlägen noch nicht gestorben. Eine sehr unangenehme Situation für jemanden, der im Arbeitsalltag vom Applaus lebt und zehrt. So werden neben den Einnahmen auch die Auftritte selbst schmerzlich vermisst: „Die Interaktion mit dem Publikum und der Kontakt mit den Menschen fehlt uns wirklich sehr. Wir wissen ja auch noch nicht, wie es weitergeht, ob man unsere Auftritte in Zukunft wieder unbeschwert besuchen kann. Zu Beginn der Pandemie, Anfang Februar 2020, konnte man beobachten, dass die Menschen sehr vorsichtig wurden und wir immer weniger Besucher hatten. Die Angst vor Ansteckung war unübersehbar. Nun steht die Befürchtung im Raum, dass es noch einige Zeit so bleibt und dass sich die Einstellung zu solchen Veranstaltungen grundlegend verändert hat“, so Andreas Nolting.

Damit das traditionsreiche Theater überleben kann, sammeln die Puppenliebhaber online auf der Plattform „GoFundMe“ Spenden. Mehr zum Aufruf und dem aktuellen Spendenstand erfährt man auf https://gofund.me/de41d71d. Spendenkonto: Andreas Nolting, IBAN: DE42 1001 0010 0080 0011 28, Verwendungszweck: Staufenberger Puppentheater - Spende.

Schon jetzt sagt Familie Nolting von Herzen „Danke!“. Sie hofft ganz fest darauf, Kinderaugen sobald wie möglich mit ihren Auftritten wieder zum Leuchten zu bringen.

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