Angst an vorderster Virus-Front steigt

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Dr. med. Thomas Stiller, Landarzt im Landkreis Göttingen.

Lieferprobleme bei Schutzkleidung und Sterilium: COVID-19 aus Sicht eines Landarztes

Landkreis Göttingen. In der Gemeinde Adelebsen praktiziert Landarzt Dr. med. Thomas Stiller. Der Facharzt für Allgemeinmedizin sieht Hausärzte an vorderster Virus-Front. Mit dem Auftreten des Corona-Virus (COVID-19) in deutschen Regionen hat sich in Stillers Arbeitsalltag einiges verändert: „Seit vierzehn Jahren bin ich Landarzt und habe schon einiges erlebt. Eine Situation wie jetzt ist neu. Am Anfang der Coronavirus-Epidemie in China habe ich eine Spezialseite auf meiner Praxishomepage angelegt, um gut zu informieren und vorbereitet zu sein. Ohne zu ahnen, wie schnell es sich entwickeln würde.“

So läuft es an der „Virus-Front“ ab

Als Hausarzt an der vordersten Kontaktlinie zu Patienten und deren Infektionen käme es Stiller merkwürdig vor einen Infozettel an die Praxistür zu hängen, damit Patienten mit Infektanzeichen und möglichem Kontakt zu Corona-Virusinfizierten sich erst telefonisch ankündigen müssten. „Ich habe in der vergangenen Woche mehrmals Infektpatienten die typischen Fragen nach Corona-Kontakt gestellt. Einen Verdacht auch als Abstrich eingesendet. Bisher waren alle negativ. Mein Eindruck ist: Die meisten waren leicht erbost bei den Fragen. Wer möglicherweise in Quarantäne muss – die Medien zeigen es ja – wird sich jetzt vielleicht erst gar nicht mehr vorstellen und Kontakt mit einer Praxis aufnehmen“, befürchtet Stiller. Und weiter: „Viele könnten schon infiziert sein durch unbewussten Kontakt im ÖPNV, beim Einkaufen und an stark frequentierten öffentlichen Plätzen. Wir sollten daher viel mehr Abstriche bei Patienten mit Grippesymptomen machen, um ein schärferes Bild der Lage zu erhalten, auch wenn es jetzt mehr kostet. Wir sparen sonst wieder am falschen Ende.“

Es gebe bei der Corona-Virusinfektion eine Symptomatik, die klinisch wie ein grippaler Infekt ablaufe. Diese Symptomatik habe allerdings aktuell jeder dritte Patient in der Praxis. „Was soll ich also tun? Alle vor der Tür stehen lassen? Die Schlange ginge weit bis auf die Straße“, erklärt der Landarzt achselzuckend. Alle Patienten zu Hause besuchen könne er nicht, das würde viel zu lange dauern. Er müsste bis tief in die Nacht arbeiten.

Geschäft mit der Angst der Menschen

Der Corona-Virus habe Spuren hinterlassen, auch logistischer Art: „Mein Medizintechnik- und Praxisbedarfs- großhändler, der im Raum Südniedersachsen fast alle Praxen versorgt, hat keine Schutzmaske und keine Schutzkleidung mehr. Er liefert mir nächste Woche die letzte Charge Desinfektionsmittel.“ Alles käme aus China und verbleibe dort wegen des Eigenbedarfs, erklärt er den Engpass. Einen hohen Preis würden nun um wahrsten Sinne viele Bürger für Schutzmasken – bis 30 Euro und mehr pro Stück – im Internet zahlen. Geschürt mit Angst würden die Geschäfte sicher gut laufen.

Nah am Corona-Virus würden Tag für Tag aber Ärzte mit ihrem Personal in der Praxis stehen. Sie müssten als erste berücksichtigt werden: „Wir brauchen Schutzkleidung, wenn wir zur Diagnostik Abstriche machen sollen. Wir brauchen Desinfektionsmittel. Es werden Sonderkontingente an Schutzausrüstung für die Praxen auf Reserve benötigt. Was wir dagegen nicht brauchen ist die Beschwichtigung alles sei unter Kontrolle, denn für die Kontrolle sorgen wir. Nicht zuletzt brauchen wir Mut zum Handeln. Uns läuft die Zeit davon“, klagt Stiller.

„Vorräte an Schutzmitteln werden langsam knapp“

Er fragt: „Was nützt uns ein toller Ablaufplan zu zielgerichteter Diagnostik, wenn ich mich und meine Mitarbeiter mangels Schutzausrüstung nicht selbst schützten kann? Was wäre, wenn jetzt alle Praxen mal wegen Ausrüstungsmangel zwei Wochen Urlaub machen würden? Noch stehen wir jeden Tag und behandeln. Die Vorräte werden aber langsam knapp. Wie lange soll das so weitergehen? Bis zur letzten Schutzmaske? Bis zum letzten Milliliter Desinfektionsmittel? Wir sollten uns fragen, ob wir uns in Sachen Medikamente weiterhin vom Ausland abhängig machen oder sie nicht endlich selbst herstellen wollen. Dann gibt es auch weniger Lieferschwierigkeiten.“ Und Stiller sehe noch ein weiteres Problem auf Deutschland zurollen: „Seit Jahren habe ich Schwierigkeiten für Notfallpatienten ein Krankenhausbett zu erhalten, nachdem viele Krankenhausbetten abgebaut wurden. Ich frage mich, ob es jetzt besser läuft und wo es Platzreserven gibt. Die Politik sollte mutig entscheiden und vielleicht die Osterferien vorverlegen, oder tatsächlich mal ein bis zwei Wochen alle Schulen und öffentliche Einrichtungen schließen. Die zuständigen Politiker senden stattdessen die Botschaft, dass alles unter Kontrolle sei. Die Bevölkerung dagegen stimmt schon jetzt auf ihre Weise ab, indem sie gerade die Läden leer kauft. Verehrte politisch Verantwortliche, lasst uns nicht allein!“

Lesen Sie auch: Erster Patient im Landkreis Kassel - 54-Jähriger infizierte sich in Südtirol

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