Reuter: „Bin nicht gern in Quarantäne“

Stay Home, stay safe: Landrat Bernhard Reuter wendet sich aus seiner häuslichen Quarantäne mit einer eindeutigen Geste an alle Bürgerinnen und Bürger.
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Stay Home, stay safe: Landrat Bernhard Reuter wendet sich aus seiner häuslichen Quarantäne mit einer eindeutigen Geste an alle Bürgerinnen und Bürger.

Interview vom notgedrungenen Homeoffice aus: Göttingens Landrat über seinen derzeitig eingeschränkten Arbeitsalltag, seine großen Sorgen angesichts der Corona-Krise und den Tod von Finanzminister Thomas Schäfer. Zum Schluss richtet er eine eindeutige Botschaft an alle Bürger

Göttingen. Auf Empfehlung des Gesundheitsamtes begab sich Landrat Bernhard Reuter vergangene Woche freiwillig in häusliche Quarantäne: Reuter war Teilnehmer einer Sitzung, bei der eine Person anwesend war, der später eine Coronavirus-Infektion nachgewiesen wurde. Wir stellten ihm einige Fragen zu seiner Rolle im vorübergehenden „Exil“.

Mündener Rundschau (MR): Herr Reuter, wie geht es Ihnen aktuell? Haben Sie sich auf eine mögliche Virus-Infektion testen lassen? 

Reuter: Mir geht es gesundheitlich sehr gut, inzwischen bin ich vorsorglich getestet worden, das Testergebnisse war negativ, dennoch hat mir das Gesundheitsamt empfohlen, bis zum Ablauf der 14-tägigen Inkubationszeit in häuslicher Quarantäne zu bleiben, was ich selbstverständlich befolge, aber ehrlicherweise gesagt nicht gern.

MR: Wie sieht einer Ihrer Arbeitstage in Quarantäne aus und welche Kommunikationsmittel nutzen sie dabei? 

Reuter: Dank der heutigen Technik kann ich meine Amtsgeschäfte im vollen Umfang wahrnehmen. Per Mail und Telefon bin ich fortlaufend in die Arbeit des Stabes „SAE Covid-19“ eingebunden. Darüber hinaus findet täglich eine Telefonkonferenz der Verwaltungsleitung statt. Geplante Sitzungen sind zum Teil verschoben oder werden zurzeit als Telefonkonferenz abgehalten. Als Normalität kann man es nicht bezeichnen, aber es funktioniert erstaunlich gut.

MR: Als Landrat gehört es normaler Weise zu Ihrem Alltag Außentermine wahrzunehmen bzw. mit vielen Menschen persönlich in Kontakt zu treten. Wie sehr vermissen Sie all das derzeit? 

Reuter: Die persönlichen Begegnungen vermisse ich sehr. Aber persönlicher Kontakt ist das Eine, aber Kommunikation kann und muss anders ablaufen, vor allem ist sie in diesen Zeiten wichtiger denn je. Was ich aber bemerke, ist das man durch E-Mail und Telefonkontakt disziplinierter kommuniziert. Insbesondere bei den Telefonkonferenzen müssen sich aller Teilnehmer sehr am Riemen reißen.

MR: Welche Anliegen und Aufgaben beschäftigen Sie derzeit besonders? Inwiefern beschäftigen Sie sich auch mit der Corona-Krise? 

Reuter: Mit den Stäben in Landkreis und Stadt und einem gemeinsamen Stab sind wir gut organisiert, vernetzt und sprechen uns in der Verwaltungsleitung ganz eng ab. Dadurch bin ich trotz räumlicher Entfernung in die Entscheidungen eingebunden. Ich weiß, was die Mitarbeiter in den Stäben zurzeit leisten. Das ist enorm. Große Sorge mache ich mir um die Situation in den Alten- und Pflegeheimen. Wenn in mehreren Heimen bei Bewohner und Mitarbeiter der Virus ausbricht, können die Lücken nicht mehr geschlossen werden. Jederzeit kann auch im Landkreis Göttingen das passieren, was in Wolfsburg oder Würzburg geschehen ist.

MR: Der Suizid des hessischen Finanzministers Thomas Schäfer erschüttert derzeit die Politik auf allen Ebenen. Was fühlen Sie angesichts solch trauriger Nachrichten?

Reuter: Mein Mitgefühl gehört seiner Familie. Die Nachricht ist erschütternd. Es zeigt, dass auch das Spitzenpersonal verletzbar ist und bei permanenter Überforderung auch Verzweiflungshandlungen nicht ausgeschlossen sind.

MR: Welche allgemeine Botschaft möchten Sie auf diesem Weg den Bürgerinnen und Bürgern zukommen lassen? 

Reuter: Mir wird berichtet, dass es insbesondere in manchen Supermärkten nach wie vor zu Drängeleien und Nichteinhalten der Abstandsregeln kommt. Ich appelliere dringend an die Bevölkerung sich angesichts der bedrohlichen Entwicklung äußerste Disziplin aufzuerlegen. Alle Einzelhändler fordere ich auf, ordnend einzugreifen, wie viele das schon tun. Ich danke allen, die weiterhin den Alltag am Laufen halten. Den Müllwerkern, den Postdienstleistern, den Mitarbeitern in Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen und sonstigen sozialen Einrichtungen, den Mitarbeitern im Lebensmittelbereich, jeder helfenden Hand im Rahmen der Nachbarschaftshilfe, Danke an alle, die für andere in dieser Zeit da sind. Und die größte Bitte nochmal an alle: wenn irgend möglich, bleiben Sie zu Hause!

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