Lebensretter: Buch über gebürtigen Mündener Karl Laabs erschienen

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Das Gehöft von Karl Laabs in Krenau/Chrzanów. Im Vordergrund das Blockhaus, unter dem die Juden versteckt wurden.

"Stiller Held" rettete aus Menschlichkeit dutzende Leben und brachte sich damit selbst in Gefahr

Hann. Münden. Millionen Leben wurden während der Nazizeit in den Konzentrationslagern in Polen systematisch vernichtet. Eines der Lager war Auschwitz. Dort starben über eine Million Menschen. Vor 75 Jahren befreiten sowjetische Soldaten die letzten Überlebenden. Noch heute fragt man sich: Haben alle bei dieser Massenvernichtung tatenlos zugesehen? Gab es keinen Widerstand gegen den Naziterror? Doch, es gab ihn. Viele der Widerstandskämpfer wurden von der Gestapo und der SS verhaftet und getötet. Und es gab Menschen, die im „Stillen“ aus reiner Menschlichkeit geholfen haben, Leben zu retten.

Einer davon ist Karl Justus Richard Laabs, Architekt, Prokurist und Baurat, geboren 1896 in Hann. Münden. Bereits Anfang 2018 berichteten wir über ihn. Reinhold Lütgemeier-Davin hat ein Buch über diesen „stillen Helden“ geschrieben. Darin zahlreiche Fotos von Münden und den Örtlichkeiten in Chrzanów/Krenau, ebenso Dokumente über den Lebensweg und den beruflichen Werdegang von Laabs. Lütgemeier-Davin war Studiendirektor an einem Oberstufengymnasium in Kassel, seine Fächer Geschichte und Deutsch. Er hat zahlreiche historische Bücher und wissenschaftliche Aufsätze veröffentlicht und ist Mitbegründer des „Arbeitskreises für Historische Friedensforschung“. Das ist ein Netzwerk von Forschern im In- und Ausland zu Fragen der historischen Friedens- und Konfliktforschung. Laabs war Soldat im ersten Weltkrieg. Im zweiten Weltkrieg wurde der 45-Jährige als Kreisbaurat im Landratsamt Krenau bzw. Chrzanów dienstverpflichtet, einem 20 Kilometer von Auschwitz entfernt gelegenen Ort. „Hier erlebte er zum ersten Mal hautnah die Diskriminierung von Juden, die in einem ghettoähnlichen Viertel leben mussten“. Die Verfolgung von Polen und Juden als „rassisch Minderwertige“ mitzuerleben war für ihn vermutlich das „Schlüsselerlebnis“. Er erwarb ein „abgelegenes, unauffälliges großes Grundstück“ zwischen Hauptstraße und einer Bahnstrecke nach Auschwitz. Dort beschäftigte er „formal“ Zwangsarbeiter und stellte Quartiere „zum zeitweiligen Unterschlupf“ der Juden bereit. Für viele besorgte er Essen, Geld und Kleidung damit sie fliehen konnten.

Kühne Aktion mit großem Risiko

Im Februar 1943 stand eine „Umsiedlung“ von Juden nach Auschwitz bevor. Laabs beschaffte zwei Lastwagen, bestach die Fahrer mit „Geschenken“ und weihte einen Offizier ein. Auf seinem Grundstück stellte er einen „Sammeltransport“ von ungefähr 100 polnischen Juden zusammen, die angeblich ins nahe gelegene Konzentrationslager gebracht werden sollten. Als „Feldwebel“ getarnt schickte Laabs sie jedoch „nach Mislowitz in der Gewissheit, dass die Menschen dort fürs Erste sicher sind“. Es ist eine kühne Aktion, die ihn in persönliche und berufliche Bedrängnis brachte. Er stand unter „politischer Überwachung“, denn er galt als „Freund der Polen und Juden“. Um Menschenleben zu retten musste er sich verstellen, vermeintlich mit den Machthabern kollaborieren, „verdeckt“ handeln und forsch auftreten. Dazu gehört unter anderem „Selbstbewusstsein, Unverfrorenheit, Dreistigkeit, Unverschämtheit und auftrumpfender Wagemut“.

Nach Kriegsende musste er, der nie NSDAP-Mitglied war, ein Entnazifizierungsverfahren durchlaufen, um überhaupt wieder Arbeit zu finden. Geholfen haben ihm dabei Zeugnisse von Geretteten, die zweifelsfrei seine verdeckte Widerstandstätigkeit nachwiesen. Ferner ein Dokument, das seine Rettungsaktionen eindeutig belegen konnte sowie ein Dankschreiben einer Jüdin. 1972 erhielt Laabs für seine Rettungstat das Verdienstkreuz erster Klasse. 1980, 40 Jahre danach, wurde er posthum durch Yad Vashem geehrt. Die Auszeichnung „Gerechter unter den Völkern“ erhalten Nichtjuden, die aus humanitären Gründen und unter Lebensgefahr Juden uneigennützig das Leben gerettet haben. Dessen Ehefrau und Tochter durften in der zentralen Gedenkstätte Yad Vashem in Israel einen Baum pflanzen. Für Laabs war seine Handlungsweise ein Akt „reiner Menschlichkeit“. Als Motive gab er „Menschlichkeit, fester Wille und Fähigkeiten“ an.

Das Buch „Karl Laabs - ein Juden- und Polenretter in Krenau/Chrzanów“ von Reinhold Lütgemeier-Davin, ist im Schüren Verlag Marburg erschienen (ISBN 978-3-7410-0268-7). Unterstützt hat dabei das Stadtarchiv in Zusammenarbeit mit der Stadt Hann. Münden.

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