„Der Corona-Deckel wächst unaufhaltsam“

Zweimal demonstrierten die Gastronomen auf dem Mündener Rathausplatz, und machten mit ihrer Aktion „Leere Stühle“ auf ihre schwierige Situation aufmerksam.
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Zweimal demonstrierten die Gastronomen auf dem Mündener Rathausplatz, und machten mit ihrer Aktion „Leere Stühle“ auf ihre schwierige Situation aufmerksam.

Der Mündener Gastronom Antonio Iannibelli über die Perspektivlosigkeit in der Krise

Hann. Münden. Seit einer Woche dürfen die Gastronomen in Niedersachsen wieder Gäste empfangen. Wir sprachen mit Antonio Iannibelli vom Restaurant „Die Reblaus“, bundesweit bekannt durch das Fernsehformat „Mein Lokal, dein Lokal“ des Senders Kabel 1. Über ihn hatten wir wegen der Aktion „Leere Stühle“ berichtet. Hier machten betroffene Gastwirte aus Hann. Münden auf ihre schwierige Situation während der Corona-Krise aufmerksam.

EXTRA TIP (ET): Herr Iannibelli, seit einer Woche dürfen Sie wieder Ihr Restaurant „Die Reblaus“ öffnen. Wie ist es angelaufen?

Iannibelli: Im Vorfeld der Wiedereröffnung gab es viele Fragezeichen. Der Eindruck einer „Hau-Ruck-Aktion“ des Landes Niedersachsens bestätigte sich für uns insofern, dass es erst sehr spät greifbare Informationen zu den Bedingungen einer Öffnung gab. Da wir aber die ganze Zeit schon versuchen, uns auf dem neuesten Stand zu halten, kamen die Auflagen nicht sehr überraschend. Die erste Woche lief leider erwartungsgemäß. Wir bewegen uns bei ca 35 bis 40 Prozent des regulären Umsatzes, Caterings sind dabei nicht berücksichtigt. Der Verwaltungsaufwand ist immens. Von Gästeseite ist so ziemlich alles dabei: totale Unterstützer, Verunsicherte, Unbelehrbare, Unwissende, Spontan-Reservierer.

Antonio Iannibelli vom Restaurant „Die Reblaus“.ET: Könnten Sie uns die Situation in Ihrem Gastronomie-Betrieb kurz schildern? Wie haben Sie sie wahrgenommen und wie haben Ihre Gäste reagiert? 

Antonio Iannibelli vom Restaurant „Die Reblaus“.

Iannibelli: Ein großes Problem liegt in den unterschiedlichen Regelungen der Bundesländer. Viele Gäste rufen an und berufen sich auf Bedingungen aus anderen Bundesländern. Viele Gäste haben viel Verständnis für unsere Situation, andere setzen bereits wieder eine gewisse Normalität voraus. Für uns ergibt sich aus der neuen Situation eine Arbeitssituation, die außerordentlich belastend, und auf diese Art nicht lange umsetzbar ist.

ET: Welche Vorkehrungen unter dem Gesundheitsaspekt haben Sie treffen müssen und mit welchem Amt standen Sie dazu in Kontakt? 

Iannibelli: Aushang der Maßnahmen am Eingang, Desinfektionsstation, Meldeformulare für alle Gäste, keine Garderobe, keine Deko oder ähnliches auf den Tischen, keine Stoffservietten, das Besteck wird erst nach der Bestellung gereicht und es gibt eine Ausgabestation „Take Away“. Einen Kontakt zu Ämtern haben wir nicht, da wir unsere Auflagen kennen und so gut wie möglich umsetzen.

ET: Die Auslastung der Gastronomie-Betriebe war nur mit 50-prozentiger Auslastung erlaubt. Kann man so überhaupt wirtschaftlich arbeiten? Oder andersherum gefragt: Wie haben Sie Ihren Betrieb umgestellt, um vielleicht wirtschaftlich arbeiten zu können? 

Iannibelli: Mal vorab: Die Öffnung unter den aktuellen Bedingungen hätte man meiner Meinung nach schon vor Wochen gestatten können. Um herauszufinden, inwieweit die Rentabilität gegeben ist, war ein Versuch nötig, denn vieles lässt sich nicht voraussehen. Da wir maximale Normalität anbieten wollen, haben wir mit unseren normalen Öffnungszeiten begonnen. Das bedeutet: Einen Ruhetag, mittags und abends an sechs Tagen geöffnet. Zusätzlich wird der Abholservice angeboten. Hierfür war angedacht, die Mitarbeiter zu 50 Prozent aus der Kurzarbeit zu holen. Unser Fazit nach einer Woche: rein rechnerisch waren zwei Tage im Soll, die anderen vier Tage waren nicht rentabel. Die Personaldecke auf 50Prozent zu halten ist nicht möglich. Meine persönliche Arbeitszeit hat sich gleichzeitig auf über 80 Stunden in der Woche erhöht. Ergo, so klappt es nicht! Wir sind gerade dabei, die Öffnungszeiten und die Speisekarte nochmals an die Situation anzupassen. Diese Maßnahmen sind eigentlich nicht gewollt, da wir den Gästen natürlich konstante Leistungen und Angebote anbieten möchten. Außerdem ist es für uns wichtig, dass wir wirklich alles versuchen.

ET: Sie haben die Aktion "Leere Stühle", bei der Gastronomen öffentlich auf ihre schwierige Situation aufmerksam machen, nach Hann. Münden geholt. Wie weit ist man mit der Umsetzung der Forderungen gekommen? Hat man neben der zwölfmonatigen Mehrwertsteuersenkung auf 7 Prozent bislang weitere Erleichterungen in Aussicht gestellt?

Iannibelli: Die Aktion Leere Stühle hatte am 15. Mai vorerst ihren Höhepunkt in Berlin vor dem Bundeskanzleramt, als symbolisch 20.000 signierte Löffel abgegeben wurden. In Hann. Münden hat sich, nicht zuletzt wegen unserer Aktionen, einiges in Bewegung gesetzt. Der Zusammenhalt einiger Gastronomen, die Kommunikation zwischen vielen Beteiligten und aktive Aufklärung gegenüber den Menschen. Wichtig finde ich aber, den Bogen jetzt nicht zu überspannen, denn aus Zustimmung kann auch ganz schnell Verdruss werden, wie man derzeit vielerorts in Deutschland feststellen kann.

ET: Wenn Sie auf die Zukunft der Gastronomie-Branche blicken, was für Bedenken haben Sie dann? 

Iannibelli: Insgesamt muss man sagen, dass viele Betriebe in der Gastronomie auf der Kippe stehen. Gestundete Beträge werden irgendwann fällig. Mitarbeiter lassen sich nicht ewig in der Kurzarbeit halten, der „Corona-Deckel“ wächst unaufhaltsam. Unserer Branche fehlt nach wie vor die Perspektive!

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