Die eigene Frau grün und blau geschlagen

Steigende Zahlen bei ,huslicher Gewalt Ob Stadt oder Land: geprgelt wird berall Von LARS WINTER und SIGGI GRKWe

Steigende Zahlen bei ,huslicher Gewalt Ob Stadt oder Land: geprgelt wird berall

Von LARS WINTER und SIGGI GRKWerra-Meiner-Kreis/Kassel. Die bei der Polizei angezeigten Flle sind nur die Spitze des Eisberges. Was sich hinter vielen Wohnungstren abspielt, lsst sich nur erahnen. Angst, Scham und in vielen Fllen mangelnde Sprachkenntnisse der Opfer sind oftmals grer als der Mut nach Rat zu fragen und um Hilfe zu bitten. Fast drei Flle pro TagHusliche Gewalt ist kein ffentliches Thema. Und doch findet sie statt. Die Gewalt in den eigenen vier Wnden. Mehrmals jeden Tag! Das belegen die Zahlen der Polizei. Unbewltige Konflikte in den Familien werden in zunehmenden Mae durch eine erhhte brutale Gewaltbereitschaft gelst, sagt Dieter Beck, rztlicher Leiter Rettungsdienst Werra-Meiner. Schlger in allen SchichtenAuch der Akademiker schlgt zu, sagt Polizeiprsident Wilfried Henning. Das Problem der huslichen Gewalt knne keiner speziellen Gesellschaftsschicht zugeordnet werden. Und es passiert berall in der Stadt genau so wie auf dem Land. Im vergangenen Jahr wurden 1020 Delikte huslicher Gewalt bei der nordhessischen Polizei zur Anzeige gebracht. Das entspricht fast drei Fllen pro Tag! Im Vergleich zu den Vorjahren geht die Zahl kontinuierlich nach oben, sagt Horst Reuter, Hauptkommissar im Polizeiprsidium Nordhessen, Bereich polizeiliche Vorbeugung und Beratung. Auch im Werra-Meiner-Kreis ist das der Fall: im Jahr 2005 wurden im Zustndigkeitsbereich der Polizeidirektion Werra-Meiner 141 Ermittlungsverfahren wegen huslicher Gewalt eingeleitet. Im vergangenen Jahr verziehchneten wir einen leichten Anstieg auf 150, so Eschweges Polizei-Sprecher Jrg Knstler.

Eigenes Zuhause als Ort des LeidensDies msse aber nicht ein Zeichen von mehr Brutalitt in der Familie sein, sondern kann als Anzeichen fr den gestiegenen Mut der Opfer gewertet werden, sich an die Polizei zu wenden. War vor einigen Jahren von misshandelten Mnnern noch nichts bekannt, auch wenn es diese Flle zweifelsohne gab, sind jetzt auch mnnliche Opfer im Bereich Werra-Meiner bekannt: Von 111 Opfern in 2005 waren 15 mnnlich, sagt Knstler. Auch hier drfte die Dunkelziffer weitaus hher liegen.Doch welcher Mann hat den Mut, geht zur Polizei und sagt, dass ihn seine Frau schlgt?, fragt Hauptkommissar Reuter. Die mehr als 1000 Delikte huslicher Gewalt sind aber noch nicht alles. Dazu kommen noch 744 Krperverletzungen, 127 Bedrohungen, 88 Beleidigungen und 293 Betretungsverbote von Wohnungen, die mit huslicher Gewalt zusammen hngen, berichtet Reuter. Dramatische Zahlen, die in allen aufgezhlten Bereichen in den vergangenen drei Jahren stetig stiegen. Der Tatort, die husliche Gemeinschaft, ist dann oft ein Ort des Leidens, so der erfahrene Mediziner Jrgen Beck.Hauptkommissar Reuter befasst sich seit fnf Jahren intensiv mit der in der ffentlichkeit noch nicht richtig wahrgenommenen Problematik. Er spricht von einem groen Dunkelfeld, denn nur in den wenigsten Fllen wird die Polizei zu Hilfe gerufen. Mit weitreichenden Folgen: Zirka zwei Drittel aller Ttungsdelikte haben ihren Ursprung in Beziehungsdramen, so Reuter. Verzweifelte OpferEin Beispiel: In Kassel ersticht ein 37-Jhriger seine 50 Jahre alte Frau mit einem Kchenmesser. Der Mann selbst schneidet sich den Penis ab. Reuter: Das Motiv lag in der Beziehung dieser beiden Menschen.

Wie verzweifelt die Opfer sind, zeigt der Fall einer 33-jhrigen Frau. ber Jahre hinweg wurde sie von ihrem Mann misshandelt, hatte Blutergsse am ganzen Krper. Eines Tages wusste sie nicht mehr weiter. In ihrer Not stach sie mehrmals mit einem Kchenmesser auf ihren Mann ein.

Wie selbstverstndlich Gewalt gegen die eigene Ehefrau bei manchen Mnnern zu sein scheint, verdeutlicht die Aussage eines Mannes gegenber der Polizei: In harten Zeiten muss es erlaubt sein, seine Frau zu schlagen. Die Ehefrau, so der Bericht der Polizei, war grn und blau geschlagen.Eine andere Frau, die die Polizei dank rechtzeitiger Hinweise aus der Nachbarschaft gerade noch retten konnte, trank Rohrreiniger, um den Schlgen ihres Mannes fr immer zu entgehen. Die Tter stehen oftmals unter Alkohol- oder Drogeneinfluss. Sie sind bei ihren Taten teilweise vllig hemmungslos auch gegenber den einschreitenden Polizeibeamten, sagt Horst Reuter. Verletzte Polizisten gibt es in diesem Zusammenhang leider immer wieder.

Kinder die LeidtragendenLeidtragende neben den direkten Opfern sind hufig die Kinder. Teilweise mssen drei oder vier Kinder das ganze Elend wehr- und hilflos mit ansehen, wie der Vater ihre Mutter verprgelt, erzhlt Horst Reuter. Und diese Kinder nehmen sich die husliche Situation oft zum Vorbild. Projezieren die kleine Welt der eigenen vier Wnde auf die groe Welt, die Strae und auch die Schule. Jugendliche Gewalt resultiert nicht nur, aber zu einem groen Teil auch aus den Erfahrungen, die zu Hause gemacht werden, spricht Reuter vom schlechten und falschen Vorbild, dem gewaltttigen Vater. Allerdings geht husliche Gewalt nicht nur von Mnnern aus: Gut zehn Prozent der Tter sind weiblich, so Reuter. Menschen mssen aufmerksamer werdenEine Prognose, ob die Flle huslicher Gewalt weiter steigen, kann Reuter nicht geben. Geben wird es sie immer, so seine berzeugung. Und fgt hinzu: Die Polizei hat keine Chance, dieses Problem alleine zu bewltigen. Um das riesige Dunkelfeld weiter aufzuhellen, mssten die Menschen aufmerksamer werden Stichwort ,funktionierende Nachbarschaft. Beispiel: Wenn die Nachbarin selbst im Hochsommer mit langen Sachen bekleidet ist, sollte man sich Gedanken machen und nicht gleich auf die erste Aussage hin, von wegen, Allergie oder hnlichem, Ruhe geben.

Die Opfer leben vielfach in der Anonymitt damit das nicht so bleibt, brauchen wir die Hilfe der Bevlkerung, sagt Hauptkommissar Horst Reuter. Und verweist in diesem Zusammenhang auf die Frauenberatungsstelle im Werra-Meiner-Kreis, 05651 / 32665.

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