Eiszeit im Amtsgericht

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Hann. Münden. Während am vergangenen Mittwoch die Mündener in sengender Hitze schwitzten, musste Richter Dr. Wilfried Kraft im wohltemperierten Amt

Hann. Münden. Während am vergangenen Mittwoch die Mündener in sengender Hitze schwitzten, musste Richter Dr. Wilfried Kraft im wohltemperierten Amtsgericht kühlen Kopf bewahren. Wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung musste sich ein in der Dreiflüssestadt wohnender 75-Jähriger verantworten. Die Staatanwaltschaft warf ihm vor, Mitte Dezember eine Nachbarin mit einem Schneeschieber vorsätzlich verletzt und ihren Wagen mit dem Werkzeug zerkratzt zu haben, so dass ein Schaden von rund 2.000 Euro entstanden. Wie der Angeklagte erklärte, sei die 48-Jährige ihm vorsätzlich über den Schneeschieber gefahren als er frühmorgens einen Gehweg vom Schnee befreien wollte. Dadurch sei er mitsamt des Schiebers gestürzt. Es sei stockdunkel gewesen, die Schneeflocken hätten ihm die Sicht genommen, so dass er nicht habe reagieren können. Nach einem Wortgefecht habe ihn die aus ihrem Wagen ausgestiegene Nachbarin geschubst. Schläge mit der flachen Hand habe er mit dem Schippenstil abgewehrt. Die Kontrahentin habe sich schließlich nach einem "riesen Satz" in ihr Auto selbst verletzt.

Die Nebenklägerin zeichnete ein ganz anderes Bild: Der 75-jährige habe sich ihr demonstrativ vor das Auto gestellt, als sie den Gehweg habe passieren wollen. "Ich habe ihn mit einer Handbewegung angedeutet, dass er mich vorbeilassen soll. Dann hat er die Lampe meines Autos und den Kotflügel mit dem Schneeschieber bearbeitet, gegen den Vorderreifen getreten und mit seiner Faust in die Autotür geschlagen", sagte die 48-Jährige aus. Als sie ihn zur Rede stellen wollte, habe der Rentner geschrien: "Sie fahren auf meinem Fußweg, sie wollen mich ärgern". Danach habe er ihr den Schneeschieber ins Gesicht geschlagen. Mit der Drohung ihn anzuzeigen, sei sie schließlich zur Polizei gefahren. Die nächsten Tage habe sie große Schmerzen ertragen müssen, sei in ärztlicher Behandlung gewesen.

Kraft: ,Suppe ist versalzen’

Die beiden Parteien zeigten sich im Gerichtssaal die kalte Schulter, sie beharrten zunächst auf ihren Standpunkten. "Nachbarschaftsstreitigkeiten sind das Salz in der Suppe eines jeden Richters. Heute ist die Suppe allerdings ganz schön versalzen", stellte Kraft fest. Er versuchte den "Burgfrieden" wieder herzustellen und das Eis zu brechen. "Es macht kaum Sinn, Geld darin zu investieren, die Justiz zu beschäftigen, wenn man nicht weiß, wie ein Gericht Aussagen und Beweise bewerten wird. Es kommt immer auf den persönlichen Eindruck der Zeugen an." Damit spielte er auch auf die Aussage des 14-jährigen Sohnes der Geschädigten an, der "die Geschichte wie auswendig gelernt" erzählt hatte, las Kraft aus der Akte des zivilrechtlichen Verfahrens vor, dass bereits erfolglos in der ersten Instanz verhandelt worden war.Der Richter wollte dem Jugendlichen ersparen, nochmals auszusagen und empfahl den Beteiligten, bei Einstellung des Zivilprozesses und einer Schadensersatzzahlung in Höhe von 800 Euro durch den Angeklagten, das Strafverfahren einzustellen. "Dann hat keiner gewonnen oder verloren und sie können beide weiterhin erhobenen Hauptes durch die Nachbarschaft gehen. Zusätzlich haben sie Geld und Nerven gespart", so Kraft. Die Staatsanwaltschaft stimmte dem Richter zu. Dem Angeklagten sei nicht nachzuweisen, dass er eine vorsätzliche Körperverletzung begangen habe.Zu Überraschung Krafts stimmten beide Seiten nach kurzer Rücksprache mit ihren Anwälten dem Kompromiss zu. Das strafrechtliche Verfahren wurde damit eingestellt. Die Nebenklägerin versprach den zivilrechtlichen Weg nicht weiter zu verfolgen. Der Angeklagte muss die 800 Euro Schadensersatzzahlung leisten.

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