Fährmann von Veckerhagen geht nach vierzig Jahren in den Ruhestand

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Fährübergabe nach vierzig Jahren: Regierungspräsident Hermann-Josef Klüber (li.) bedankte sich bei Reinhard Bolte (Mi.) für vierzig Jahre zuverlässige Arbeit. Sohn Benjamin Bolte hat die Aufgabe jetzt übernommen.

Reinhard Bolte setzte ein letztes Mal über die Weser

Veckerhagen. Es ist fast unglaublich. Vierzig lange Jahre hat Reinhard Bolte mit seiner Fähre die Verbindung zwischen Nordhessen und Niedersachsen aufrecht erhalten. Bei Wind und Wetter. Nach achtjährigen Verhandlungen konnte jetzt sein Sohn die Aufgabe übernehmen. „Wir in Kassel arbeiten ja schon wenig. In Wiesbaden machen sie gar nichts“, hatte der damalige Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke ironisch die Tatsache kommentiert, dass es acht lange Jahre gedauert hatte, die Erlaubnis, die Fährstelle zwischen Veckerhagen und Hemeln zu betreiben, vom Vater auf den Sohn zu übertragen. Und warum? Der Fährbetrieb ist ein Privatunternehmen. Für die Erlaubnis, diese Fährstelle zu betreiben, bezahlt Fährmann Reinhard Bolte eine fünfstellige Summe. Die Fähre selbst gehört dem Land Hessen. An der Frage, ob das so bleiben soll, schieden sich in Wiesbaden acht Jahre lang die Geister. Fast unglaublich. Letztendlich ist alles so geblieben, wie es immer war. Regierungspräsident Hermann-Josef Klüber konnte in einer kurzen Zeremonie Benjamin Bolte einen neuen Vertrag vorlegen. Und der Sohn des langjährigen Fährmanns hat sich vorgenommen: „Das mache ich die nächsten 35 Jahre. Die Arbeit auf der Fähre habe ich schon mit der Muttermilch aufgesogen.“ 1978 hatte Reinhard Bolte als „Fährjunge“ auf der Weserfähre angefangen. Hatte einen „Führerschein“ beim Wasserschifffahrtsamt abgelegt, der es ihm gestattete, nur diese Fähre zu bewegen. 1994 hatte er die alte Fähre vom Land gepachtet und sich selbständig gemacht. „Ich möchte diese vierzig Jahre nicht missen“, schaute er zurück. „Urlaub gab es in all den Jahren nur wenig. Schließlich begann jeder Tag morgens um 6.30 Uhr und endete um 19 Uhr. Aber auch nicht so ganz.“ Reinhard Bolte hatte nämlich immer das Telefon am Bett stehen. Immer wieder kam es vor, dass der Notarzt, der Rettungsdienst oder die Feuerwehr nachts übergesetzt werden musste. „Die hätten sonst über Hann. Münden fahren müssen.“

Nur ein einziges Mal verschlafen

Verschlafen hatte er in all den Jahren nur ein einziges Mal. „Das war nach einer ganz unruhigen Nacht. Die Kinder waren krank, und ich war nachts zweimal mit der Fähre rausgewesen. Da muss ich vergessen haben, den Wecker zu stellen.“ Macht aber nichts. Punkt 6.30 Uhr kam der Anruf vom ersten Nutzer, ob er wegen Reichtums geschlossen habe. „Ja, die Leute haben natürlich nur immer gesehen, wenn sie in den Biergärten gesessen haben, dass die Fähre im Sommer pausenlos hin und her gependelt ist“, schüttelt er nur den Kopf. „Bei einem Euro für einen Fahrradfahrer und zwei Euro für ein Auto hält sich der Verdienst in Grenzen. Man muss ja auch einen Mitarbeiter bezahlen. Allein schafft man das gar nicht.“ Und im Winter wird es ruhig in Veckerhagen. Da sitzt der Fährmann oft lange in seinem kleinen Raum auf der Fähre, ohne das sich etwas tut. Stattdessen muss er sich mit Hochwasser, mit widrigen Winden rumschlagen. „Zur Zeit haben wir gerade mal zwanzig Zentimeter Wasser unter der Fähre. Weder Hessen noch Niedersachsen sind bereit, die Weser an der Fährstelle mal wieder auszubaggern. Im Winter sieht das ganz anders aus. Da steht das Wasser bis oben an die Straße. Und oft drückt uns der Wind bis unter die Gierseile. Dann müssen wir mit dem Außenbordmotor gegenhalten, sonst drückt uns die Strömung nicht rüber.“ Bei der Fähre in Veckerhagen handelt es sich um eine sogenannte Gierseilfähre. „Von 1342 bis 1928 wurden die Fähren mit Staken oder Rudern fortbewegt. Eine Knochenarbeit“, ahnt Bolte. „1929 wurde die Hochseilanlage mit dem heutigen Gierseil-Strömungsprinzig gebaut. Je ein Seil ist am Heck und am Bug befestigt. Je nachdem in welche Richtung ich fahren will, verkürze ich ein Seil, die Fähre stellt sich quer und die Strömung drückt sie in die gewünschte Richtung“, erklärt der langjährige Fährmann das einfache, umweltschonende Prinzip. „Gerade mal 500 Euro an Strom für die Motoren, die die Seile verkürzen, kostet uns der Antrieb im Jahr.“ Jetzt hat Benjamin Bolte die Arbeit übernommen. Auch für ihn ist das nichts Neues. „Ich habe meinem Vater schon lange geholfen und übernehme das jetzt gerne. Auf der Fähre bin ich mein eigener Herr. Wenn mal jemand kommt, mit dem ich nicht klar komme, ist er nach drei Minuten wieder weg.“ Ja, drei Minuten dauert die Flussüberquerung. Reichtümer wird er hier nicht verdienen, aber die Freude an der Arbeit auf der Fähre hat er vom Vater geerbt. Sogar sein Hobby kann er in ruhigen Stunden auf der Fähre ausüben. „Hier habe ich schon die dicksten Fische aus dem Wasser gezogen. Wenn manchmal stundenlang kaum jemand kam, habe ich ein paar Würfe gewagt.“ Dafür wird er sicher die nächsten 35 Jahre in Herbst und Winter genug Zeit haben. Im Sommer werden ihn die Touristen ordentlich auf Trab halten.

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