121 Flüchtlinge leben seit August in der Mündener Polizeiakademie

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Binnen eines Tages mussten Ende August 138 Flüchtlinge in der Polizeiakademie Hann. Münden untergebracht werden. 121 von ihnen leben noch immer dort.

Hann. Münden. Mit einer Prepaid-Karte in der Hand steht Abdul Rahmann Nahhas auf dem Gelände der Polizeiakademie. Ruhig zieht der gebürtige Syrer an seiner Zigarette. Der 37-Jährige ist Ehemann und Vater von zwei kleinen Kindern, wie er auf Englisch erklärt. Er sei seiner Familie vorausgeeilt, die in der Türkei festsitze.  Er hofft, dass sie ihm schnell nach Deutschland folgt. Der Krieg habe sie vertrieben.

Nahhas ist einer von 121 Flüchtlingen, darunter 30 Kinder, die in der Polizeiakademie Hann. Münden untergebracht sind. Damit soll die Landesaufnahmebehörde in Friedland entlastet werden. Innerhalb nur eines Tages mussten Ende August 138 Flüchtlinge in den Gebäuden untergebracht werden. Dieter Buskohl, der Leiter der Einrichtung, erinnert sich: "Mittags kam die Mitteilung und nachmittags die ersten Flüchtlinge. Wir mussten schnell eine Notunterkunft einrichten. Probleme gab es dennoch nicht, das Personal war der Aufgabe gegenüber sehr aufgeschlossen. Alle sehen das als humanitäre Aufgabe an. Die bisher für Fortbildungsteilnehmer genutzten Übernachtungsräume bieten Familien mit Kindern nun eine Rückzugsmöglichkeit, anders als in großen Hallen oder Zelten. Die Unterbringung der Flüchtlinge funktioniert allerdings nicht völlig geräuschlos für den Ausbildungs- und den landesweiten Fortbildungsbetrieb. Es kann durchaus zu Absagen von Seminaren in der Fortbildung kommen. Uns ist es aber wichtig, das Bachelor-Studium unserer jungen Kollegen ohne Einschränkung zu gewährleisten", so Buskohl.

In Sachen Sicherheit habe man allerdings nachbessern müssen. Um die Flüchtlinge und Polizeistudenten zu schützen, habe man eine Eingangskontrolle eingerichtet. Dafür habe man die Gäste, die aus Syrien, Afghanistan, Pakistan, Tschetschenien, dem Irak oder Iran stammen, registriert. "Das hat nichts mit der Registrierung innerhalb des Asylverfahrens zu tun und ist lediglich eine interne Angelegenheit", so Jörg Henne, Leiter des Führungsstabs Flüchtlinge. Die Gäste dürften sich auf dem Gelände frei bewegen und sich auch außerhalb der Akademie aufhalten. Bei ihrer Rückkehr müssten sie ihre "Hausausweise" vorzeigen.

Mittlerweile seien 17 Flüchtlinge auf andere Landkreise verteilt worden. Henne geht davon aus, dass die frei gewordenen Plätze bald wieder aufgefüllt werden.

Für die Versorgung der Flüchtlinge sorgt ein lokaler Catering-Service, der in einem wetterfesten Zelt täglich drei Mahlzeiten serviert. Deren Zutaten seien mit den Flüchtlingen abgestimmt, so Henne. Für die medizinische Versorgung ist die Johanniter Unfallhilfe verantwortlich. Wie Henner Bechthold, Arzt der Sanitätsstation, mitteilt, sei keiner der Flüchtlinge akut krank gewesen. Von einer 24-Stunden-Betreuung sei man deshalb abgerückt. Zweimal pro Woche sei ein Arzt vor Ort. Außerhalb dieser Zeiten stünden Sanitäter bereit. Wie Bechthold betont, sei die Lage in der Polizeiakademie im Gegensatz zu anderen Einrichtungen ausgesprochen entspannt.

Das bestätigt auch der Syrer Nahhas. Etwa 24 Tage habe er in Friedland verbringen müssen. Die Zustände dort seien aufgrund der Vielzahl an Flüchtlingen unvorstellbar. Das Personal sei überfordert gewesen und habe die Flüchtlinge ständig herumkommandiert: "Es herrscht ein strenger Befehlston. Ich glaube nicht, dass das nötig ist, denn wir sind keine schlechten Menschen", sagt der 37-Jährige. Weil in der Landesaufnahmebehörde nicht genügend Platz  sei, müssten viele auf den Gängen schlafen. Für das Essen stand man bis zu einer Stunde an. Mit Blick auf die Wintermonate glaubt Nahhas an eine Zuspitzung der Situation: "Ich bin froh, dass ich hier gelandet bin. Das war aber pures Glück."

Wie Henne informiert, habe man mit den Flüchtlingen, entgegen einiger hartnäckiger Gerüchte, keinerlei Probleme gehabt. Mittlerweile hätten sich einige sehr gut eingelebt. Nur zu gut kann sich der Beamte an die Ankunft der ersten Gäste erinnern: "Die Menschen waren verunsichert, die Angst stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Das hat sich gelegt. Die Kinder begrüßen mich mittlerweile auf Deutsch mit ‚Hallo Chef‘ und klatschen mich ab."

Die Spendenbereitschaft der Mündener sei übrigens immens gewesen. "Wir haben vieles, darunter warme Kleidung oder festes Schuhwerk, sofort verteilt, denn manche Flüchtlinge waren in Flip Flops und Sommerkleidung angekommen. Kleidung haben wir mittlerweile genug. Jetzt brauchen wir Hygieneartikel wie Deos und Duschgel. Die können im Eingangsbereich der Akademie abgegeben werden", so Henne.

Wie Carsten Rudolph als direkter Ansprechpartner der Flüchtlinge erklärt, herrsche unter den Gästen ein Informationsdefizit, vor allem was das Asylverfahren angehe. Viele würden gerne Deutsch lernen, um sich besser zurechtzufinden. "Das ist schwierig, weil wir nicht wissen, wie lange sie hier bleiben. Trotzdem suchen wir nach einer Möglichkeit, Räume in den Berufsbildenden Schulen zu bekommen, um Deutschkurse anzubieten. Für eine Eingliederung ist die Sprache die Basis", sagte der Beamte.

Und wie sehen Nahhas Pläne aus? "Ich bin IT-Experte und würde gern in Deutschland arbeiten. Er hofft, dass er beruflich Fuß fassen kann. Nachdem er das Gespräch beendet hat, steuert er das Versorgungszelt an. Später versucht er, Kontakt zu seiner Frau aufzunehmen. Er will wissen, wie es seinen Kindern geht und wann er sie endlich wiedersehen wird.

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