Angst in Hann. Münden vor "altem Hut"

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Sind gegen den Bebauungsplan und rechnen im Zuge der Umsetzung mit hohen Kosten: (v.li.)  Marina Iwanow, Hartmut Kiene-Kroos, Irene Bopp-Urbaczka, Martin Zweigert, Susanne Koch, Reinhard Müller, Joachim Urbaczka und Helga Rathmann. Das Bild wurde an der Stelle aufgenommen, wo laut Bauplänen die Brücke für den Straßenverkehr errichtet werden könnte.

Bebauungsplan am Galgenberg bereitet den Anwohnern Sorgen –­ BI formiert sich

Hann. Münden. Sorgen quälen Anwohner am Galgenberg, im Speziellen rund um die Armesündergasse, deren Namen – falls sich die Befürchtungen der Bürger bestätigen – bald Programm sein könnte, überspitzt formuliert.

Grund ist das von der Stadt im Herbst angestrengte Umlegungsverfahren. Darin sollten Betroffene bis zum Jahreswechsel gegenüber der Stadt schriftlich Bedenken äußern, nun warte man laut Anwohner Joachim Urbaczka im nächsten Schritt auf eine Vermessung der Grundstücke, insbesondere der nicht bebauten Flächen, denn die Kommune habe den seit den 1990er Jahren gültigen Bebauungsplan wieder aufgenommen. „Eigentlich ein alter Hut“, so Urbaczka.

BI rechnet mit 25 neuen Wohneinheiten

Die Stadt wolle dort in den kommenden drei bis fünf Jahren Platz für 25 neue Wohneinheiten schaffen, damit vorhandene Baulücken schließen. Das Problem: „Es will kaum jemand Grundstücke verkaufen, also kann auch nicht gebaut werden – oder aber man enteignet die Eigentümer“, so Urbaczka, Sprecher der Bürgerinitiative (BI) Galgenberg, die zurzeit über 20 Anhänger hat. Es sind Betroffene – Hauseigentümer, wie Mieter. In der vergangenen Woche suchte die BI das Gespräch mit Bürgermeister Harald Wegener, übergab 60 Unterschriften von betroffenen Bürgern. Ihre Forderungen: Das Umlegungsverfahren stoppen und den Bebauungsplan ad acta legen. Denn der Bebauungsplans sehe laut Urbaczka unter anderem den Bau einer neuen Straße mit Wendehammer als Verbindung in das noch unerschlossene vermeintliche Baugebiet. „Als Anlieger der neuen Straße rechnen wir mit noch höheren Kosten. Ich persönlich mit insgesamt 40.000 bis 50.000 Euro“, so der BI-Sprecher. Weiterhin sollen die Straßen Armesündergasse und Vogelsang mit einem Brückenbauwerk verbunden und die Zufahrten an den Straßenköpfen verbreitert werden. Die Angst auch diese Maßnahmen bezahlen zu müssen steigen, denn im Zuge der Modernisierung von Schmutz- und Regenwasserrohren kämen ohnehin schon hohe Kosten auf die Anlieger zu. Und der Informationsfluss seitens der Verwaltung sei spärlich, so Urbaczka weiter.

Aus schmal soll breit werdn: Das Wohn- und das Schlafzimmer von Marina Iwanow liegen direkt an der Einbahntraße. Durch den Ausbau, so ihre Befürchtung, würde das Verkehrsaufkommen und die Lärmbelästigung steigen. An ruhige Nächte sei da schwerlich zu denken.

Er wies Bürgermeister Wegener darauf hin, dass sich die Kommune im Zuge des Bebauungsplans außerdem in einer rechtlich zweifelhaften Situation befände, denn die Rechtsgrundlagen hätten sich im Laufe der Jahrzehnte verändert. Er hält es für möglich, dass Mitarbeiter gegen geltendes Recht verstoßen müssten, um das Vorhaben weiter zu forcieren. Er bewertet die Anliegerinteressen wichtiger als die öffentlichen Interessen.

Reinhard Müller, ebenfalls ein Betroffener und BI-Mitglied, versteht das Vorgehen der Verwaltung grundsätzlich nicht: „Nachweislich schrumpft die Mündener Bevölkerung und man versucht dennoch weiterhin Bauland außerhalb der Stadt zu erschließen, obwohl es in der Innenstadt viele Leerstände gibt. Warum packt man diese Probleme nicht zuerst an und geht dann auf die grüne Wiese?“ Das Wohn- und das Schlafzimmer von Marina Iwanow liegen direkt an der Straße. Durch den drohenden Ausbau, so ihre Befürchtung, würde das Verkehrsaufkommen und die Lärmbelästigung steigen. An ruhige Nächte sei da schwerlich zu denken.

Wegener: „Sind gesetzlich dazu verpflichtet“

Stadtentwickler Siegfried Pflum war bei dem Gespräch zwischen BI und Bürgermeister dabei. Er wies auf das Wohnraumversorgungskonzept des Landkreises Göttingen hin, dass der in den nächsten Jahren steigenden Nachfrage nach Wohnraum begegnen wolle. In den nächste sechs Jahren müssten demnach über 400 Wohneinheiten in der Dreiflüssestadt geschaffen werden. Noch deutlicher wurde Wegener: „Wir sind per Gesetz dazu verpflichtet ausreichend Wohnraum zu schaffen. Bei ähnlichen Vorhaben in der Stadt gibt es ähnlichen Widerstand, weil die Bürger zufrieden mit ihren Wohnsituationen sind und sich eingerichtet haben. Andere Auffassungen müssen wir natürlich aufnehmen. Fakt ist aber auch, dass wir am Galgenberg einen gültigen Bebauungsplan haben.“

+++In der Stadt wird's eng+++ Zwischenruf von Mathias Simon+++

Immer mehr Menschen bauen sich oder kaufen sich ein Eigenheim. Niedrige Zinsen machen’s möglich. Noch nie wurde so viel gebaut oder gerne in den wirklich eigenen Vier Wänden gelebt, wie in der heutigen Zeit. Wohnraum in den Ballungsgebieten ist schon lange rar und teuer, was sich auf Mieten auswirkt. Viele Mieter können oder wollen das nicht auf Dauer akzeptieren und kaufen sich kurzum selbst ein Haus. Wenn nicht in der Stadt, weil zu teuer, dann eben in einem Mittelzentrum mit guter Verkehrsanbindung, damit es nach Feierabend noch relativ schnell zu erreichen ist. Damit schafft man Werte, womöglich für die nächsten Generationen der Familie oder als Altersvorsorge. Denn ein Haus ist ein Haus. Am Ende des Lebens hat jeder von uns eine Immobilie abbezahlt. Entweder sie gehört einem später (als Besitzer) oder (als Mieter) eben nicht. Das Risiko eines Hauskaufs lohnt sich also schon allein aus finanzieller Sicht. In Hann. Münden wirkt sich dieser Wandel nun positiv auf die Nachfrage nach Bauland aus.

Der Landkreis hat mit seinem Wohnraumversorgungskonzept die Städte und Kommunen damit beauftragt, der wachsenden Nachfrage zu begegnen. Denn damit lässt sich durch Steuern wiederum Geld verdienen. Im Fall Galgenberg bleibt abzuwarten, wie es weitergeht, denn Bauwerke, wie die Straßenbrücke über den Eselsbach, würden auch der Stadt teuer zu stehen kommen. Und der geht es finanziell alles andere als gut. Solch kostspielige Projekte umzusetzen, dürfte also schwer werden. Generell sollte Kommunen und deren Einwohner die finanziell hohen Belastungen des Straßenbaus abgenommen werden. Die Länder können einfach keine eindeutige Entscheidung treffen. Und das, obwohl es der Republik dank hoher Steuereinnahmen gut geht. Der Staat täte gut daran darüber nachzudenken, dass er seine Bürger nicht über Gebühr strapaziert. Damit bringt er Existenzen in Gefahr.

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