Das gespielte Unglück

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Hann. Münden. Unglücksszenario im Rauhebergtunnel - rund 900 Menschen probten den Ernstfall.

Hann. Münden/Lippoldshausen. Samstagmorgen, 1.16 Uhr. Stockdunkel ist es auf dem südlichen Rettungsplatz des Rauhebergtunnels direkt neben der ICE-Trasse, als Alarmsirenen durch das Werratal schallen. Im 5,1 Kilometer langen Tunnel ist ein ICE entgleist und die Retter aus dem Kreis wurden alarmiert. Binnen weniger Minuten sind die ersten Fahrzeuge vor Ort, und Feuerwehrleute und THW machen mit ihrer technischen Ausrüstung die Nacht zum Tage und Strahler erhellen das Gelände am Bahndamm. Gott sei Dank ist das Szenario nur eine Übung. Die Rettungskräfte sammeln Erfahrung, um im Ernstfall gewappnet zu sein. Die letzte Übung dieser Art liegt 13 Jahre zurück. "Bilder aus Eschede sind vielen von uns noch im Kopf und wir hoffen, dass solch ein Unglück hier nie eintritt", erklärt Landrat Bernhard Reuter.

Verletzungen sind nur geschminkt

Über 700 Einsatzkräfte arbeiten überwiegend ehrenamtlich Hand in Hand, um die Menschen aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Etwa 150 Freiwillige haben sich gemeldet, um die Verletzten zu mimen. Einige wurden Stunden vorher vom DRK geschminkt, haben künstliche Platzwunden am Kopf. Vorab wurde ihnen gesagt, welche Art von Verletzung sie vortäuschen müssen, damit die Retter dementsprechend versorgen können. Weil die Retter nicht mit einem Krankenwagen auf den Gleisen zu den Opfern gelangen können, werden zwei Rettungszüge aus Hildesheim und Kassel von der Deutschen Bahn eingesetzt. Feuerwehrmänner mit Atemschutzmasken besetzen den roten Waggon, während ihre Kollegen eine Rampe aufstellen, über die später die Verletzten auf den Rettungsbracht gelangen sollen. Ein Rettungszug startet vom Südportal des Tunnels zum verunglückten ICE. Dort werden die Opfer aus den Abteilen geborgen. Immer wieder erreichen zwischenzeitlich sogenannte Selbstretter über die Notwege den Rettungsplatz und werden hier von den Feuerwehrleuten in Empfang genommen. Mittlerweile stehen hier die ersten Zelte. Gleich werden die ersten Verletzten eintreffen und von den Helfern versorgt, gegebenenfalls mit dem Krankenwagen ins die Dorfgemeinschaftshäuser Lippoldshausen und Jühnde gebracht, das als provisorische Krankenhäuser dienen. Auf dem Weg dorthin stehen dutzende Einsatzfahrzeuge bereit und warten auf weitere Order. Gegen 3 Uhr ist es endlich soweit und die ersten Opfer steigen aus dem Zug. Als erste eine Dame, die von zwei Helfern des ASB gestützt werden muss – sie hat es an diesem Abend wirklich erwischt: Knie verdreht.Dahinter folgen dutzende Menschen, einige mit den geschminkten Platzwunden am Kopf. Mehrmals muss der Rettungszug hin und her fahren, um alle Opfer aus dem Rauhebergtunnel zu befreien. Gegen 5 Uhr ist die Großübung vorbei. Zwei Stunden bleiben noch, bevor die Strecke wieder frei gegeben und auch der vermeintlich verunglückte ICE wieder seinen Betrieb aufnehmen kann.

Übungsleiter Ullrich Uhlendorff zeigte sich am Ende zufrieden: "Alle sind an ihre Leistungsgrenze gegangen." Das Ziel, die Zusammenarbeit der Feuerwehren Hann. Münden, Göttingen und Dransfeld, dem THW, der Bundes- und Landespolizei, der Rettungsdienste und Notfallmanager der Deutschen Bahn, der Übungsleitstelle und dem Kreisauskunftsbüro zu schulen und auf einem möglichen Ernstfall vorzubereiten sei erreicht worden. Außerdem habe man wichtige Erkenntnisse gewonnen. Demnach müsse man unter anderem die physische und psychische Belastung der Retter mehr berücksichtigen.

Mit dem Rettungszug in den Tunnel

Rettungszüge sind Bestandteile des Rettungskonzeptes für Tunnel auf der ICE-Strecke Hannover – Würzburg, Mannheim – Stuttgart. Hier werden sie bei Bedarf sowohl in Tunneln als auch auf freier Strecke eingesetzt. Der Einsatz ist allerdings im Einzelfall auch außerhalb dieser Strecken möglich. Stationiert sind die Rettungszüge in den Bahnhöfen Hildesheim, Kassel, Fulda, Würzburg, Mannheim und Kornwestheim, ständig einsatzbereit und innerhalb kürzester Zeit abfahrbereit. Die Besetzung erfolgt mit Kräften der an den Standorten zuständigen und ausgebildeten Berufsfeuerwehren. Die Rettungszüge sind mit feuerwehrtechnischem Gerät ausgestattet, welches der üblichen Normbeladung von Feuerwehrfahrzeugen entspricht. Im Sanitätswagen wird die medizinische Ausrüstung vorgehalten. Darüber hinaus sind unter anderem zwei Verletztenbehandlungsplätze, 36 Krankentrageplätze, 20 Kubikmeter Löschwasser, Atemschutzgeräte vorhanden.

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