Als Göttingen Nabel der deutschen Film-Welt war

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Ein Experte für Göttinger Filmgeschichte: Sven Schreivogel (li.) bei Dreharbeiten für den NDR-Beitrag im ehemaligen Atelier, in dem zahlreiche Filme entstanden. Die Mauer, die Schreivogel berührt, wurde in der Nachkriegszeit in den ehemaligen Flugzeug-Hangar eingezogen, um ihn baulich zu verändern und eine Studio-Fläche zu schaffen. Das war aber nicht so einfach, da das nötige Baumaterial fehlte. Es folgte ein für heutige Verhältnisse ungewöhnliches Angebot: Göttinger erhielten damals für eine Fuhre Backsteine einen Teller Suppe.

Kenner erinnert an alte Zeiten und plant Comeback

Göttingen/Kassel. Manchmal flimmern sie noch über den heimischen TV-Bildschirm, die Schwarz-Weiss-Filme mit Heinz Erhardt (1909 - 1979), dem Schelm, dem Dichter, einem der beliebtesten Schauspieler der Nachkriegszeit. Der Film-Star dieser Epoche war damals Dauergast in Göttingen. Was viele heute vergessen haben: Die Stadt war damals eine von fünf deutschen Filmmetropolen. Vor Ort entstand eines der modernsten Studios seiner Zeit: „In Südniedersachsen wurde ein ehemaliger Flugzeughangar zu einem 1.500 Quadratmeter großen Studio, bekannt als die Göttinger Filmateliers, umgebaut und trat damit in Konkurrenz mit Hamburg, München, Wiesbaden und auch Düsseldorf, wo aber wenig später wieder die Segel gestrichen wurden“, erklärt Sven Schreivogel, der sich seit 1987 mit dem deutschen Kino beschäftigt und auch ein Heinz-Erhardt-Experte ist.

Drei Jubiläen – ein Event

„Natürlich die Autofahrer“: Die Kultkomödie erzählt, wie aus Verkehrspolizist Dobermann (Heinz Erhardt, re.) ein Verkehrsrowdy wird.

Der NDR interviewte ihn, als im vergangenen Jahr bislang unveröffentlichte Notenblätter des Humoristen auftauchten, denn Erhardt hatte auch ein Händchen für Musik. „Der Sender griff den Fund auf, recherchierte und fand heraus, dass ich mich schon mein halbes Leben lang für Nachkriegsfilme und auch Erhardt interessiere. Man wollte an seine Schaffenszeit in Göttingen erinnern und kontaktierte mich“, sagt der Unternehmer, der in Neu-Eichenberg wohnt. Und weiter: „Heinz Erhardt hat einen ganz besonderen Stellenwert. Er ist das Gesicht der Filmstadt Göttingen. Hier spielte er seine erste Hauptrolle. Insgesamt drehte er acht Filme in den Göttinger Ateliers. Meist waren es fröhliche Familienkomödien. Am bekanntesten ist „Natürlich die Autofahrer“ von 1959, mit der legendären Eröffnungssequenz am Weender Tor.“ Auch Kassel sei bei den Dreharbeiten miteinbezogen worden. In diesem Film mutiert Verkehrspolizist Dobermann zum Verkehrsrowdy, was schließlich völlig aus der Spur läuft. Doch am Schluss, so will es das ungeschriebene Komödiengesetz der 1950er Jahre, wird alles gut.“ Das Interview mit Schreivogel entstand an Drehorten der Autofahrer-Komödie und wurde in „Das Abendstudio“ bereits ausgestrahlt. Das positive Echo aus der Bevölkerung sei so groß gewesen, dass ihm die Idee kam, das Thema am Köcheln zu halten.

Am 20. August, exakt 60 Jahre nach der Premiere des Films in Göttingen, im Jahr des 40. Todestages Erhardts und dessen 110. Geburtstag, will Schreivogel deshalb einen Event aufzuziehen. Unter dem Titel „Seid doch nett zueinander! 60 Jahre Natürlich die Autofahrer“ soll ein Abend im Göttinger Cinemaxx mit Talk-Runde und Live-Musik aber nicht nur an Schauspieler Heinz Erhardt, sondern auch an die einstige Filmhauptstadt erinnern: „Über 100 Filme wurden dort zwischen 1948 und 1961 gedreht, darunter auch der Anti-Kriegsfilm „Hunde wollt ihr ewig Leben“ von 1959, der für seine Kulisse auch den Bundesfilmpreis erhielt.

„Das Who-is-Who des deutschen Nachkriegsfilms drückte sich in Göttingen die Klinke in die Hand. Hier drehten unter anderem Hans Albers, Joachim Fuchsberger, Dieter Borsche, Heinz Drache oder Horst Frank“, klärt der 46-Jährige auf. Es folgte die Kino-Krise, das Film-Studio verlor seine Aufgabe, wurde Großlager und fiel schließlich in einen Dornröschenschlaf. Heute befindet sich die Immobilie im Besitz des Unternehmens Sartorius.

Entsteht ein Filmbüro?

Schreivogel möchte den Abend im Cinemaxx allerdings nicht nur dafür nutzen, um an alte Zeiten zu erinnern: „Ich möchte gerne in naher Zukunft das Filmbüro Göttingen gründen, das die Filmgeschichte der Stadt aufarbeiten soll. Seine Aufgabe soll sein, alles Wissen darüber zusammen zu tragen und öffentlich zugänglich zu machen, vorstellbar in einer Dauerausstellung. Entstehen könnte mit der Zeit das achte Filmmuseum in Deutschland, das die Vergangenheit zeitgemäß aufarbeite. Darüber hinaus soll die Region wieder als TV-Drehort professionell vermarktet werden. Der Idee in die Karten gespielt habe dabei der jüngst hier gedrehte und ausgestrahlte Tatort „Das verschwundene Kind“: „Das ist eigentlich das größte Geschenk, was man Göttingen in Hinblick auf seine Vergangenheit machen konnte. Jetzt sollte man diese überregionale Aufmerksamkeit nutzen“, meint der 46-Jährige. Viele andere Städte hätten zum Beispiel eine eigene Fernsehserie – warum nicht auch Göttingen?“, fragt Schreivogel. In einer Art Ausblick möchte er am 20. August in Talk-Runden auf seine Pläne eingehen und dabei auch Meinungen von Schauspielern in Erfahrung bringen.

Weitere Informationen zum Thema Filmstadt Göttingen erhalten Interessenten online auf www.filmatelier-goettingen.de und www.filmstadt-goettingen.de. Die Homepages sollen laut Schreivogel in Kürze freigeschlaltet werden.

Drehorte in Kassel und Göttingen

Für den Heinz-Erhardt-Film „Natürlich die Autofahrer“ wurde in Göttingen an folgenden Orten gedreht: Weender Tor, Einfamilienhaus am Guldenhagen, Pavillon vorm Hauptbahnhof, Industriegebiet Göttingen-Grone, Friedrich-Naumann-Straße/Egelsberg, Rondell mit Kandelaber am Theaterplatz. Weitere Drehorte für Fahrschul- und Verfolgungsjagdszenen waren in der Kasseler Goethestraße, Herkulesstraße, Lassallestraße, Pestalozzistraße, und der Wilhelmshöher Allee.

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