Mitarbeiter in Sorge: Was passiert mit der Mündener Sparkasse?

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Mit verschiedenen Aktionen, hier vor der Hauptfiliale in der Bahnhofstraße, machten die Mitarbeiter auf ihre Sorgen aufmerksam.

„Intransparent und ohne Not“: Angestellte kritisieren Fusions-Verhandlungen

Hann. Münden.  Unwissenheit und damit verbundene Zukunftsängste plagen Mitarbeiter der Mündener Sparkasse seit Wochen. Auslöser sind die Fusionsverhandlungen mit den Sparkassen Osterode, Duderstadt und Bad Sachsa. Aus vier Kreditinstituten soll eins werden. In der vergangenen Woche starteten die Angestellten mit der Gewerkschaft Ver.di Aktionen an mehreren Tagen, um die Öffentlichkeit auf die Situation aufmerksam zu machen. Am Montag stellten sie symbolisch Bürostühle vor die Geschäftsstelle in der Bahnhofstraße, denn 52 der 125 Mitarbeiter, so ihre Befürchtung, würden bei einem Zusammenschluss der Sparkassen an die anderen Standorte fahren müssen, weil die Stabsabteilungen ausgelagert würden. Eine hohe Belastung, so die Meinung der möglichen Betroffenen, die freiwillige Kündigungen prophezeien, denn eine unzumutbare zeitliche, wie auch finanzielle Belastung sei die Folge. Am Donnerstag lud Ver.di dann zu einer Podiumsdiskussion im Hotel Freizeit Auefeld ein, an der neben 80 Mitarbeitern auch drei Stadtratsmitglieder Angelika Deutsch (CDU), Dr. Joachim Atzert (SPD), Dr. Franz Bitz (BürgerForum) und Bürgermeister Harald Wegener teilnahmen, die am 4. Dezember über die Fusion mitentscheiden müssen. Die Veranstaltung beschäftigte sich mit der Frage: „Wohin führt der Weg der Sparkasse Münden?“ Am Samstag baten die Sparkassen-Mitarbeiter dann in der Innenstadt um Unterschriften, die Wegener vorgelegt werden sollen. 1.500 kamen in wenigen Stunden zusammen. Ziel der Aktionen ist, die Fusion, so wie sie jetzt geplant wird, zu verhindern, denn laut Personalratsvorsitzende Kerstin Wandt-Gutsche gebe es keine wirtschaftliche Notwendigkeit für einen Zusammenschluss: „Man trat in die Verhandlungen ohne Not und unter Zeitdruck. Dadurch bleiben viele Fragen ungeklärt. Die Wanderungsmatrix liegt zum Beispiel nicht vor. Sie besagt, wer in Zukunft an die anderen Standorte fahren muss, um dort zu arbeiten. Wir wissen nicht, wen es treffen wird. “

Transparenz fehlt

Diese Intransparenz würde für große Unruhe und Unsicherheit unter den Angestellten sorgen, denn keiner wisse, ob er in Münden weiter arbeiten könne und ob er sich im schlimmsten Fall beruflich umorientieren müsse. Der Tenor der Betroffenen während der Podiumsdiskussion: Ehrenamtliche Arbeit der Mitarbeiter würde auf der Strecke bleiben und Familien würden stark belastet durch den zeitlichen Faktor in Verbindung mit langen Autofahrten, von den damit entstehenden Kosten ganz zu schweigen. Grundsätzlich sei man für eine Fusion, doch der Partner an seiner Seite müsse der richtige sein. Man solle deshalb besser abwarten und könne sich auch noch zu einem späteren Zeitpunkt dem fusionierenden Trio oder einem anderen Partner anschließen. Wegener, der auch als Verwaltungsratsvorsitzender verantwortlich zeichnet, musste sich zudem den Vorwurf gefallen lassen, warum als Alternative zu der angestrebten Vierer-Fusion kein anderes Bündnis, zum Beispiel mit der Sparkasse Göttingen geprüft worden sei. Wegener, wie auch SPD-Fraktionsvorsitzender Atzert teilten entgegen anderer kursierender Gerüchte mit, dass es aus der Kreisstadt „keine Signale“ gegeben habe.

Teilzeitkräfte erste ,Opfer’?

Stellten sich während der Podiumsdiskussion den unangenehmen Fragen der Sparkassen-Mitarbeiter: (V.li.) Ratsherr Dr. Joachim Atzert (SPD), Ratsfrau Angelika Deutsch (CDU), Personalratsvorsitzende Kerstin Wandt-Gutsche, Moderator Moritz Braukmüller (Ver.di), Bürgermeister Harald Wegener und Ratsherr Dr. Franz Bitz (BürgerForum).

Die Mitarbeiter glauben, dass durch die jetzigen Pläne Kündigungen aus freien Stücken, als erstes von den 22 Teilzeitkräften der Sparkasse, in Kauf genommen würden – die könnten sich weitere Anreisen zur Arbeitsstätte einfach nicht mehr leisten. Generell habe man in Hinblick auf den Fusionsvertrag viele Zugeständnisse gemacht: „Münden trägt die Hauptlast bei dieser Fusion“, fasste es eine andere Mitarbeiterin zusammen.

Stadtrat ist sich uneins

Bitz kündigte an, am 4. Dezember gegen die Fusion stimmen zu wollen, Atzert beruft sich auf das vorliegende Gutachten, dem er als Laie Glauben schenken müsse und dass eine Fusion empfehle. Er wolle dafür stimmen – sofern es bei 30 Mitarbeitern bleibe, die in Zukunft an anderer Stelle ihren Dienst tun müssten. Deutsch sieht noch „Gesprächsbedarf innerhalb der Fraktion“, sie habe sich noch nicht entschieden. Wegener versprach die Verhandlungen mit Göttingen als Alternative zu prüfen. Ver.di kritisierte hingegen, dass eine Gegenprüfung des fusionsempfehlenden Gutachtens hätte erfolgen müssen. Dafür ist es in Hinblick auf die bevorstehende Entscheidung im Stadtrat jetzt aber zu spät.

Hintergrund

Regularien und Niedrigzinsphase zwingen kleinere Sparkassen wie Hann. Münden zum Handeln, wollen sie langfristig erfolgreich existieren. So sollen größere Einheiten nach Zusammenschlüssen mehr Synergieeffekte und Sicherheiten bieten, um am Finanzmarkt dauerhaft bestehen zu können. Fusionen sollen dabei ein probates Mittel sein. Das Geschäftsgebiet der Sparkasse Münden umfasst den südwestlichen Teil des Landkreises Göttingen mit der Stadt Hann. Münden, der Gemeinde Staufenberg und der Samtgemeinde Dransfeld. Träger der Sparkasse Münden ist der Sparkassenzweckverband Münden. Am Zweckverband sind der Landkreis Göttingen und die Stadt Hann. Münden jeweils zur Hälfte beteiligt. Er ist auch an den Fusionsverhandlungen beteiligt.

Die Bilanzsumme des Kreditinstituts beträgt über 426 Mio. Euro. Es ist die zweitkleinste Summe unter den vier Fusionspartnern. An ihr orientiert sich die Position innerhalb der Verhandlungen. Ein Akteur hat der Fusionsvereinbarung bereits zugestimmt: Das mehrheitliche Votum des Rates der Stadt Osterode für eine Fusion fiel in der vergangenen Woche. Nun hängt es von den Abstimmungsergebnissen in Duderstadt, Hann. Münden, Bad Sachsa und im Kreistag ab, ob die Vierer-Fusion zustande kommt.

Drei Fragen an die Personalratsvorsitzende Kerstin Wandt-Gutsche

Frau Wandt-Gutsche, wie transparent waren die Fusion-Verhandlungen in den vergangenen Monaten für die Sparkassen-Mitarbeiter in Ihren Augen? Die Fusionsverhandlungen wurden trotz der Komplexität eines Experimentes, die die Vierer-Fusion ja darstellt, unter hohem Zeitdruck forciert und waren geprägt durch eine lange Phase der Geheimhaltungspflicht. Gleichzeitig haben wir in den entsprechenden Gremien immer wieder diesen Zeitdruck und den fehlenden Informationsfluss stark kritisiert und eine Änderung dieser Vorgehensweise gefordert. Unsere Mitarbeiter waren bis vor kurzem quälender Ungewissheit ausgesetzt, bis sie schließlich vor wenigen Wochen die Tatsachen erfahren haben. Zeitdruck gepaart mit Desinformation – das hat Methode. Jeden verantwortlichen Entscheider sollte dies misstrauisch machen! Welche anderen Alternativen zur Vierer-Fusion gibt es, abgesehen von einer möglichen Fusion mit der Sparkasse? Die naheliegendste Alternative wäre zukünftig natürlich Göttingen, wobei ich auch hier nicht mit der Tür ins Haus fallen würde. Man könnte sich zunächst kooperativ annähern. Kooperationen sind auch in anderen Konstellationen möglich. Die Vierer-Fusion ist nicht die einzige Lösung . Wer weiß, was sich auch politisch besonders für kleine Häuser ergibt. In der Ruhe liegt die Kraft.

Auf welche Änderungen müssen sich Mündener Sparkassen-Kunden einstellen, sollte es zu einer Vierer-Fusion kommen? Außer der Änderung der IBAN und anderer Entscheidungswege bei größeren Krediten kann ich die Auswirkungen zur Zeit nicht genau benennen. Unsere Kunden sind uns ans Herz gewachsen und die Basis für unsere verbleibenden Arbeitsplätze. Daher werden wir alles tun, die Belastungen gering zu halten. Wenn diese Fusion aber nur der erste Schritt zu einer weiteren mit Göttingen ist - Stichwort „Ein Landkreis, eine Sparkasse“ – dann frage ich mich auch aus Kundensicht nach der Sinnhaftigkeit dieses Vorgehens.

+++Verhallen die Stimmen?+++Zwischenruf von Mathias Simon+++

Bezeichnend war die Atmosphäre während der Podiumsdiskussion im Hotel Freizeit Auefeld: Die Stimmen in der Halle waren in normaler Lautstärke kaum zu vernehmen. Man musste schon sehr laut sprechen, um Gehör zu finden. Das müssen jetzt scheinbar auch die Sparkassen-Mitarbeiter tun – rein bildlich gesprochen – um vom Stadtrat vernommen zu werden, denn er entscheidet in den kommenden Tagen über ihre Zukunft. Die Zeit drängt, die Betroffenen fürchten einen unumkehrbaren Schnellschuss mit noch nicht absehbaren Folgen für den Mündener Standort. Durch (zu viele) Zugeständnisse drohe durch die Fusion ein enormer Verlust an Einfluss und Bedeutung. Und das, obwohl für einen Zusammenschluss momentan keine wirtschaftliche Notwendigkeit bestehe: Die Sparkasse Münden könne über Jahre weiterhin alleine existieren. Irritiert zeigte man sich von Seiten der Belegschaft über die in der Öffentlichkeit kursierende Diskrepanz was die Anzahl der Mitarbeiter angeht, die in Zukunft ein Pendlerdasein fristen müssten. Die Mitarbeiter sprechen von 52 Betroffenen, Wegener und Atzert von 30. Da besteht noch Klärungsbedarf. Die Zeit bis zur entscheidenden Ratssitzung sollten alle Beteiligten deshalb nutzen.

Bitter: Das von Bürgermeister Wegener ausgesprochene Lob für die geleistete Arbeit und die damit verbundene Wertschätzung der Angestellten entwertete ein Mitarbeiter in Hinblick auf die nicht geprüfte Fusionsbereitschaft der Sparkasse Göttingen – eine mögliche Alternative – als Geringschätzung. Der schwere Vorwurf steht damit im Raum, dass der Verwaltungsratsvorsitzende seine „Hausaufgaben“ nicht gemacht hat. Unter Umständen mit einschneidenden Konsequenzen für die Banker.

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