Historische Kanonenkugel: Mündener findet Geschoss bei der Gartenarbeit

+
Auf die scherzhaft gemeinte Frage, ob die Kugel vom Beschuss durch die Nachbarn  stammen könnte, antwortete Latz lachend: „Zu denen habe ich ein gutes Verhältnis.“.

Christof Latz aus Hann. Münden fand bei der Gartenarbeit nicht etwa seltenenKräuter oder Pflanzen, sondern eine rund ein Kilo schwere Eisenkugel: Eine Kanonenkugel. Aus welcher Zeit sie stammt ist unklar.

Hann. Münden - Diese Nachricht schlug in den sozialen Netzwerken ein wie eine Bombe: Christof Latz aus Hann. Münden fand Anfang Oktober in seinem Garten einen 1 Kilogramm schweren, runden Gegenstand aus Eisen, postete ein Bild auf Facebook und wollte wissen, um was es sich bei seinem Fund handelt. Schnell hatten sich die User auf einen Gegenstand eingeschossen: Eine Kanonenkugel. Doch ihre Herkunft bleibt ein Rätsel. Wurde sie überhaupt jemals abgefeuert?

Merkwürdiger Fundort

Der Meinung ist auch Mündens Stadtarchivar Stefan Schäfer. Aus welcher Zeit das Kriegsgerät stammt kann er nicht sagen, denn der Fundort im Hägerstieg liegt im südlichen Teil der Stadt. Ein Ziel habe es hier nicht gegeben (Die direkte Entfernung zur Tillyschanze beträgt laut Google-Maps 2,6 Kilometer, die Redaktion): „Das passt nicht so recht ins Bild. Mir ist auch nicht bekannt, dass von hier aus auf die Altstadt geschossen wurde. Artilleriestellungen hat es mit der Franzosenschanze am Blümer Berg im Norden sowie an der Tillyschanze im Westen gegeben.“

Eine Rekonstruierung von Ereignissen sei schlichtweg unmöglich. Ob die Kugel nun aus dem Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648), in dem Graf Tilly die Dreiflüssestadt belagerte, aus dem 7-jährigen Krieg (1756-1763) und den Schlachten bei Lutterberg stammt (1758 und 1762) oder der Schlacht bei Wilhelmsthal (ebenfalls 1762), könne man heute nicht mehr bestimmen. „Vielleicht ist die Kugel auch durch Bodenverlagerungen an den Hägerstieg gelangt, das heißt durch Aufschüttung des Bodens. Dann stammt sie womöglich von einem ganz anderen Ort“, gibt Schäfer zu bedenken.

Die raue Oberfläche ist kennzeichnend für das Kriegsgerät, das in früherer Zeit geschmiedet wurde.

Für ihn steht jedoch fest, dass es sich um ein sogenanntes Vollgeschoss handelt, dass aus Schmiedestahl hergestellt wurde. Im Gegensatz zu zersplitternden Granaten, seien die Kugeln im freien Feld irgendwo im Boden eingeschlagen, wenn sie ihr Ziel verfehlten ohne Schaden anzurichten. Habe es man jedoch gezielt auf Soldaten abgefeuert, die in Schlachten neben- und hintereinander aufmarschiert seien, hätten Vollgeschosse verheerende Schäden unter den Truppen anrichten können: „Wie auf der Kegelbahn wurden Soldaten so Mann für Mann ausgeschaltet“, sagt Schäfer. Hinzu kam die psychologischen Wirkung, wenn andere Soldaten sahen, dass bedauernswerte Kameraden durch die Wucht der Geschosse schwer verletzt wurden. Auch Gebäude hätten durch permanenten Beschoss beträchtliche Schäden davontragen können.

Wenn Schäfer einen Tipp abgeben dürfte, so würde er das Geschoss aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges vermuten: „Das sind aber alles nur Mutmaßungen. Er war geprägt von Belagerungen, Überfällen und Plünderungen. Im Siebenjährigen Krieg wurden die Vollgeschosse mehr und mehr abgelöst durch Splitter- und Explosionsgeschosse.“ Die Kriegsgeräte hätten sich weiterentwickelt. „Es ist allerdings auch möglich, dass die Kugel beim Durchmarsch von Truppen verloren ging und nie abgeschossen wurde. Viele Szenarien sind denkbar“, überlegt Schäfer.

Funde sollte man melden

Mündens Denkmalpfleger Burkhard Klapp, klärt über die Besitzverhältnisse auf: „Laut Niedersächsischem Denkmalschutzgesetz gehört der Gegenstand demjenigen, der ihn findet. Es ist aber durch das Landesamt für Denkmalpflege zu klären, ob es um ein archäologisches Kulturdenkmal handelt. Der Eigentümer kann in diesem Fall dazu verpflichtet werden seinen Bodenfund zu überlassen.“

Wie Klapp weiter mitteilt, sei die Meldung solcher Funde im Stadtgebiet extrem selten, da die neuen Besitzer oftmals nicht wüssten, was zu tun sei und Gegenstände einfach einbehielten: „Erster Ansprechpartner in solchen Fällen ist immer die Untere Denkmalbehörde oder der Ortsheimatpfleger. Gemeinsam mit dem Heimat- und Geschichtsverein könnte man sich zusammensetzen, um herauszufinden, ob die Kugel wirklich bei Kampfhandlungen eingesetzt wurde. Dazu muss allerdings zunächst eine zeitliche Einordnung des Landesamts erfolgen“, informiert Klapp.

Dem fiebert auch Latz entgegen, der den Fund gemeldet hat. Dass der 41-Jährige auf seinem Gelände nach weiteren Militärrelikten suchen wird, schließt er aus: „Ich glaube kaum, dass ich noch mehr finden werde.“

Zwischenruf von Mathias Simon: „Geschichte zum Anfassen"

Wie Christof Latz im Gespräch erklärte, habe er als Kind in der Schule aufmerksam den geschichtlichen Ereignissen gelauscht, die sich in Hann. Münden bei der Belagerung Graf Tilly zugetragen haben sollen. Ob die Kanonenkugel nun wirklich aus diesen Tagen stammt, bleibt ungewiss. Trotzdem ist es Geschichte zu Anfassen, denn das Geschoss stammt zweifelsohne aus einer längst vergangenen Epoche der Kriegsführung. Mutmaßungen über die Herkunft führen zwar zu nichts, sind aber dennoch spannend und lassen die Überlieferungen ein Stück weit wieder lebendig werden.

Und das, obwohl sich aufgrund des ernsten Hintergrunds auch ein schlechtes Gewissen einschleicht. Schließlich kamen bei damaligen Kampfhandlungen Menschen ums Leben oder wurden verletzt. Die medizinischen Standards waren bei weitem nicht mit den heutigen zu vergleichen, sodass schon eine kleinere Wunde den Tod bedeuten konnte. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob die gefundene Kugel ein Irrläufer ist, sie überhaupt einmal in einer Auseinandersetzung zum Einsatz kam oder aber bei Truppenbewegungen verloren ging, ohne Schaden an Mensch und Material zu verursachen. Letzteres wäre sicher die friedfertigste Erklärung, wie die Kugel an ihren Fundort gelangen konnte. Sie wird aber, so wie alle anderen Möglichkeiten, wohl niemals nachzuweisen sein.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Ehrenamtliche suchen noch gebrauchtes Spielzeug für den Christ-Kinder-Markt

An vier Tagen nehmen die Organisatoren des Christ-Kinder-Marktes Spielzeug-Spenden entgegen. Der Markt findet am 2. Dezember statt.
Ehrenamtliche suchen noch gebrauchtes Spielzeug für den Christ-Kinder-Markt

Freiwillige Feuerwehr Speele erhält neuen Motor für Rettungsboot

Freiwillige Feuerwehr Speele erhält neuen Motor für Rettungsboot

Tourist-Information Hann. Münden wurde vom Deutschen Tourismusverband ausgezeichnet

Die Hann. Mündener Tourist-Information darf sich nun drei weitere Jahre  mit dem i-Marken-Logo des Deutschen Tourismusverband schmücken.
Tourist-Information Hann. Münden wurde vom Deutschen Tourismusverband ausgezeichnet

Aegidienkirche Hann. Münden: Betreiberin des Café verabschiedet sich

Bereits im vergangenen Jahr war mit den Kulturveranstaltungen im Café Aegidius in Hann. Münden Schluss, nun schließt auch das Café. Inhaberin Christiane Langlotz …
Aegidienkirche Hann. Münden: Betreiberin des Café verabschiedet sich

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.