Immenhäuser entwickelt leichteste E-Bike der Welt mit integriertem Akku

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Mit einem Arm kann Prof. Dr. Marc Siebert das von ihm entwickelte E-Bike problemlos anheben. Der Immenhäuser hat das knapp acht Kilo leichte Gefährt in seiner Manufaktur im Schwalm-Eder-Kreis gebaut, genauer gesagt in Edermünde.

Prof. Dr. Marc Siebert baut in seiner Manufaktur in Edermünde Zweiräder mit Elektro-Antrieb, die nur wenige Kilogramm wiegen

Kassel/Göttingen/Edermünde. Was für konkurrierende Fahrradentwickler nach einer „harten Nuss“ klingt, ist für Prof. Dr.-Ing. Marc Siebert sprichwörtlich kinderleicht: Nur rund acht Kilogramm wiegt das Rennrad mit Elektromotor, das der Immenhäuser mit einer Hand locker in der Luft hält. Nach aktuellem Kenntnisstand ist es sogar das leichteste E-Bike der Welt. Dabei sieht es gar nicht wie ein herkömmliches E-Bike aus. Der Clou: Akku und Antriebstechnik sind quasi unsichtbar im Rahmen integriert. Siebert ist Professor für Faserverbundwerkstoff-Technologie am Hansecampus Stade der Privaten Hochschule Göttingen (PFH) und hat das Gefährt selbst konstruiert.

Vergleichbare Räder, die aktuell im Handel erhältlich sind, wiegen ab zehn Kilogramm. Noch leichter als Sieberts E-Bike sind derzeit nur Einzelanfertigungen, bei denen allerdings Akku und Antrieb nachträglich außen am Rahmen angebracht wurden. „Bei dem Rad handelt es sich um einen Prototyp, den ich im Auftrag eines Kunden entwickelt habe“, erläutert der 48-Jährige. Denn er ist nicht nur Dozent an der PFH, sondern zugleich selbstständiger Unternehmer. In Edermünde (Schwalm-Eder-Kreis) betreibt er seit 2003 eine Manufaktur, die maßgeschneiderte Fahrradrahmen aus kohlenstofffaserverstärktem Verbundwerkstoff – kurz CFK oder umgangssprachlich Carbon – in Kleinserie herstellt.

Die Schnittstelle: Über eine Buchse im rechten Lenker-Ende wird der Akku geladen.

Daher bestehen wesentliche Bauteile des neuen Rennrades aus dem ultraleichten Material: Rahmen, Gabel, Sattelstütze, Sattel und Lenker, die beiden Räder sowie zwei Getränkehalter – überall wo es möglich ist, wird Gewicht eingespart. Die anderen, zugekauften Bauteile sind allesamt hochwertig, beispielsweise die elektrische Schaltung, die Bremsen oder die Kurbel aus Aluminium. Damit sein Kunde mühelos jede Steigung nehmen kann, hat Siebert das Rad mit einem Elektromotor ausgestattet. Der Motor selbst entspricht branchenüblichem Standard. Der Nordhesse betont: „Bei meinen Konstruktionen geht es ausschließlich um eine Erleichterung für Hobby-Biker bei steilen Anstiegen und nicht darum, um im Profi-Bereich zu betrügen und bessere Zeiten herauszuholen.“

Der Akku sitzt im Unterrohr

Bei dem Akku mit zehn Amperestunden (Ah) Ladekapazität gab es jedoch einige Besonderheiten zu beachten und Herausforderungen zu meistern. So konstruierte Siebert gemeinsam mit einer Spezialfirma einen Akku, bei dem die systemüblichen 24 Zellen neu angeordnet sind, um ihn schlanker und unauffälliger zu gestalten. Der Akku ist im Unterrohr des Fahrradrahmens verbaut – quasi unsichtbar. „Auf der EuroBike 2018 stellten wir das Modell vor. Dort verstand aber niemand auf Anhieb, dass es sich um ein E-Bike handelt. Man sieht es ihm einfach nicht an“, informiert Siebert. Der Akkuträger besteht aus glasfaserverstärktem Verbundwerkstoff, also GFK, da dieser im Gegensatz zu CFK nicht elektrisch leitet und den Akku so optimal schützt. Die Ladung des Akkus erfolgt über eine Buchse, die im rechten Lenkerende integriert ist. „Die Summe aller Features hat schließlich zum leichtesten E-Rennrad mit integriertem Akku und Antrieb geführt“, so Siebert. Trotz des rekordverdächtigen Gewichts strebe er einen Eintrag ins Guinnes-Buch der Rekorde nicht an. Ihm gehe es mehr um eine aufgeräumte Optik, weshalb der Akku im Rahmen verbaut wurde. Um ihm zu helfen, das Gefährt weiter zu verbessern, testet und dokumentiert sein Auftraggeber seit zwölf Monaten den Einsatz des Gefährts.

Nächstes Projekt begonnen

PFH-Präsident Prof. Dr. Frank Albe unterstützt Sieberts Erfinder- und Unternehmergeist: „Als Unternehmerhochschule begrüßen wir die innovativen und anwendungsbezogenen Initiativen unserer Professoren ausdrücklich. Denn die daraus gewonnenen Erkenntnisse fließen unmittelbar in deren Lehrtätigkeit an der PFH ein und machen unsere Studiengänge umso attraktiver.“ Gerade das Rennrad-Projekt weise zahlreiche Bezüge zu Studieninhalten an der PFH auf, zum CFK-Studiengang Verbundwerkstoffe/Composites ebenso wie zum Programm Orthobionik. Stichworte seien hier E-Mobilität, Leichtbau und die Kombination von beidem. „High-End-Forschung praktisch umgesetzt“, wie Albe resümiert. Sieberts nächstes Projekt, das die Erkenntnisse des E-Rennrads aufgreift, ist übrigens ein ultraleichtes elektrisch unterstütztes Handbike für Menschen mit Behinderung. Einen entsprechender Forschungsantrag mit zwei Jahren Laufzeit sei bereits abgesegnet worden.

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