Vor 100 Jahren am ersten Mai

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Stefan Schäfer und Karin Gille-Linne, Vorsitzende des Arbeitergeschichtsvereins.

Hann. Münden. Stefan Schäfer unterhielt beim Turmfest.

Von HELGA PIEKATZ

Hann. Münden. August Goldmann wurde 1874 in Kleinalmerode geboren. Er war Arbeiter und ist der Urgroßvater von Stefan Schäfer, Archivar der Stadt Hann. Münden. Am 1. Mai, dem Tag der Arbeit, schlüpfte dieser beim Turmfest im Hagelturm in die Figur seines Urgroßvaters und ließ die damalige Zeit wieder aufleben.August war das sechste Kind einer achtköpfigen Familie. Schon früh musste er sich "um die Ziegen kümmern und Löwenzahn für die Kaninchen pflücken". In der Schule hat er "Katechismus und den Rohrstock (kennen)gelernt". Mit Katharina, seiner Frau, zog er 1901 nach Münden und wohnte im Dachgeschoss eines Hauses in der Kiesau, 1906 kauften sie ein Haus in Gimte und betrieben eine kleine Landwirtschaft. Er arbeitete in einer Fassfabrik am Werraweg. "Um halb fünf aufstehen, nach dem Feuer gucken für warmes Wasser, nach den Tieren gucken, ab sechs Uhr in der Fabrik arbeiten. Eine Viertelstunde Frühstück, eine Stunde Mittag, um sechs Feierabend", imitiert der 46-jährige den Urgroßvater. Er zeigt alte Gruppenfotos mit allen Arbeitern und Lehrlingen, aufgenommen von einem Fotografen.Im "Berliner Hof" versammelten sich 1909 die Arbeiter "abends 8 Uhr" am Maifeiertag, "da das Fest des Proletariats nicht durch Arbeitsruhe gefeiert werden kann". Die "Arbeiter arbeiten sich kaputt, das Geld verdienen die Fabrikbesitzer". Er erzählt vom deutschen Politiker August Bebel, Arbeiterkaiser genannt, von "Frau Bosse, einer Frau!", die sich der Frauenfrage angenommen hatte, denn Mädchen wurden "gering geschätzt". Die Forderungen waren ein Acht-Stunden-Tag, mehr Lohn. (Ein Arbeiter verdiente 60 Mark im Monat), Wahlrecht für alle.

In einem zweiten Sketch spielte Schäfer in Arbeiterkleidung seinen Großvater Konrad. Dieser lernte schreiben auf Schiefertafeln in Sütterlinschrift. Mit 14 machte er eine Lehre in der "Gummibude". Das bedeutete ein Halbe-, bzw. Dreiviertelstunde vor Arbeitsbeginn den Ofen heizen, bei enormer Hitze "die Schlacke abklopfen". Geld gab es in der Lehrzeit nicht, sondern "Erfahrung fürs Leben", denn "Lehrjahre sind keine Herrenjahre". Die Firma Gebrüder Kunth feierte im Schmucken Jäger ihr 40-jähriges Jubiläum, "da waren keine Arbeiter dabei". Sie streikten für eine Erhöhung des Stundenlohnes von 38 auf 42 Pfennige, erfolglos.

Schäfer hat sich die authentischen Geschichten vom Vater und Großvater erzählen lassen. Er schließt mit den Worten "Ich bin stolz, dass es solche Menschen gegeben hat".Zusätzlich zu den lebendig vorgetragenen "Arbeitergeschichten" konnten die Besucher mit Bratwurst und Limo oder Kaffee und Kuchen und einem Aufstieg auf den Turm den Tag genießen.

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