Jeder dritte User unter 30 Jahren wird im Netz gekränkt

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Jeder dritte Online-User unter 30 Jahren wurde laut Umfrage bereits Opfer von Pöbeleien. Das kann für die Gegenseite allerdings unangenehme Folgen haben.

Beschimpft und beleidigt: Mündener Rechtsanwalt erklärt, wann rechtliche Grenze überschritten wird

Hann. Münden. Dass im Internet mitunter ein rauer Umgangston herrscht, ist keine Neuheit und immer häufiger beobachten Nutzer Hasskommentare und Hassreden im Netz. Eine aktuelle Forsa-Umfrage im Auftrag des Generali Rechtsschutzversicherers Advocard bestätigt die Wahrnehmung zunehmender Respektlosigkeit in der digitalen Welt, die vor allem in der Anonymität und dem fehlenden persönlichen Kontakt begründet liegt. Zwei Drittel aller Befragten haben bereits wahrgenommen, dass eine andere Person im Internet beschimpft oder beleidigt wurde. Die überwiegende Mehrheit (57 Prozent) hat dies sogar schon mehrfach beobachtet. Besonders häufig werden solche Kommentare von den 18- bis 29-Jährigen (83 Prozent) und den männlichen Internetnutzern (72 Prozent) wahrgenommen (der Frauenanteil beträgt 58 Prozent). Selbst im Internet beleidigt oder beschimpft wurden in der Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen 36 Prozent und bei den 30- bis 44-Jährigen ist fast ein Viertel betroffen.

Frustabbau im Netz

Peter Stahl, Vorstandssprecher bei Advocard meint dazu: „Beschimpfungen im Netz scheinen inzwischen zum Alltag zu gehören. Die hohe Anonymität, die räumliche Distanz und geringe Hemmschwellen tragen wahrscheinlich dazu bei, dass dieser Kanal immer öfter zum Frustabbau genutzt wird und die Grenze zwischen einer kritischen Meinungsäußerung und einer tatsächlichen Beleidigung häufiger überschritten wird.“

Psychologin Dr. Eva Wlodarek bestätigt diese Aussage und ergänzt: „Die normalerweise vorhandene Empathie ist im Netz geringer, da wir die direkte Reaktion des Gegenübers nicht sehen. Richtig gefährlich wird es, wenn der Streit eskaliert und es zu Verleumdungen, Hetze und Drohungen kommt. Dabei handelt es sich um Taten, die durchaus zur Anzeige gebracht und juristisch verfolgt werden können.“

Die Mehrheit der Internetnutzer weiß zwar generell, was im Netz rechtens ist – aber viele Akteure sind dann doch auf dem Holzweg. So sind durchschnittlich 33 Prozent der Internetuser fälschlicherweise der Meinung, dass sie im Netz einfach ungestraft ihre Zustimmung zu einer beleidigenden Äußerung ausdrücken dürfen. Die 30- bis 44-Jährigen liegen hier mit 39 Prozent sogar deutlich über dem Durchschnitt. „Dass diese Menschen sich damit auf rechtliches Glatteis begeben, ist ihnen dabei offenbar nicht bewusst. Hier bedarf es Aufklärung über die Rechte, die jeder auch im Internet hat“, macht Stahl deutlich.

Beleidigungen mit Nachspiel

Dass sie selbst sogar schon eine Person im Internet beleidigt haben, geben lediglich vier Prozent der befragten Internetuser zu. Bei den 18- bis 29-Jährigen sind es immerhin doppelt so viele (8 Prozent) und bei den Männern immerhin noch 7 Prozent. „Problematisch bei Beleidigungen im Netz ist, dass sie in der Regel öffentlich für alle sichtbar sind und dauerhaft festgehalten werden. Das bedeutet eine andauernde Belastung für die Opfer“, erklärt Wlodarek. Leider würden heute immerhin noch 8 Prozent aller Internetuser glauben, dass Beschimpfungen im Netz erlaubt seien und 5 Prozent der User wären sich diesbezüglich nicht sicher.

„Die schriftlich oder auf Video festgehaltenen Straftaten bieten den Opfern allerdings auch die Chance, das Unrecht nachzuweisen. Denn genau wie im ‚realen Leben‘ sind auch im Netz Beleidigungen nicht erlaubt und die Verfasser können strafrechtlich belangt werden“, stellt Stahl klar.

Fünf Fragen an Rechtsanwalt Matthias Eickhoff

Jurist Matthias Eickhoff.

Das Internet, insbesondere soziale Netzwerke, sind kein rechtsfreier Raum. Wir sprachen mit dem Mündener Rechtsanwalt Matthias Eickhoff darüber welche Auseinandersetzungen erlaubt sind und welche zur Anzeige gebracht werden können.

Mündener Rundschau (MR): Herr Eickhoff, der schriftliche Schlagabtausch im Internet entwickelt sich allzu oft in die falsche Richtung. Dann wird beleidigt bis es irgendwann unter die Gürtellinie geht. Ab wann wird so etwas zu einem Fall für den Staatsanwalt?

Matthias Eickhoff:Grundsätzlich gelten für das Internet und die sozialen Netzwerke keine Sonderrechte: Dort wo im „richtigen Leben“ die Grenzen strafrechtlich gesetzt sind, gilt dies auch für die Teilnahme im Internet. Das bedeutet, dass das Internet gerade kein freier Rechtsraum ist, in welchem jeder ungestört tun und lassen kann, was er will. Ganz im Gegenteil: Da bei der Teilnahme in Chatforen oder in sozialen Medien der jeweilige Nutzer seine Aussagen verschriftlicht, sind sie nicht nur in wenigen Sekunden für jedermann zu lesen, sondern erreichen in der Regel einen viel größeren Personenkreis, als im realen Leben.

MR: Können Sie für uns ein fiktives Beispiel durchspielen, ab wann eine Grenze überschritten wird?

Eickhoff: In einem sozialen Forum wird ein aktueller Presseartikel über eine Vergewaltigung einer Jugendlichen lebhaft diskutiert. User A schreibt, dass die Bevölkerung aufgerufen sei, den Täter zu finden, zu stellen und ihn zu lynchen. User B kommentiert den Beitrag des Users A mit den Worten: „Der (voller Name) ist so ein A....., dass einem die Worte fehlen. Und wahrheitswidrig: „Der ist bei der Polizei kein Unbekannter und hat schon früher im Knast gesessen!“

MR: Was sollte man tun, wenn man selbst übel beleidigt wird?

Eickhoff:Zunächst sollte vorab kurz geklärt werden: Handelt es sich um wahre Tatsachen, dann sind diese in der Regel durch die Meinungsfreiheit gedeckt, außer wenn die Intim- oder Privatsphäre betroffen ist. Wenn feststeht, dass eine Straftat begangen wurde, sind zu aller erst Beweise zu sichern, Screenshots, und Ausdrucke zu machen und Zeugen hinzuziehen. Dann sollte man sich nicht scheuen, Strafanzeige und Strafantrag bei der Polizei zu stellen. Die Beauftragung eines Rechtsanwaltes kann in diesen Fällen im übrigen sehr sinnvoll sein, da nur der Rechtsanwalt die Möglichkeit hat, nach Ende der Ermittlungen Akteneinsicht in die Ermittlungsakte zu erhalten, um beispielsweise eine Zivilklage gegen den Schädiger vorzubereiten. Um weiteren Schaden von sich abzuwenden, sollte man den Täter auffordern, den inkriminierten Beitrag sofort zu löschen, auch den Betreiber der Website oder des sozialen Netzwerkes kann man auffordern, den Beitrag zu löschen.

MR: Was für strafrechtliche Konsequenzen drohen dem Beleidiger?

Eickhoff:Die Beleidigung (§ 185 StGB) wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe geahndet, bei der Verleumdung ist die Verhängung einer Freiheitsstrafe bis zu 5 Jahren möglich.

MR: Was raten Sie User von Facebook, Twitter & Co. wie man generell Diskussionen über heikle Themen führen sollte?

Eickhoff:Generell rate ich dazu, bei heiklen Themen zurückhaltend zu reagieren. Zwar ist die Äußerung der freien Meinung durch das Grundgesetz gedeckt, die Grenze findet sich aber schnell bei persönlichen Anfeindungen oder der Behauptung unwahrer Tatsachen. Besser einmal auf einen „post“ verzichten, wenn man sich nicht sicher ist.

Zur Person

Matthias Eickhoff übt den Beruf des Rechtsanwaltes seit 1999 aus und hatte daher im Mai 2019 20-jähriges „Dienstjubiläum“. Selbständiger Rechtsanwalt ist er seit 2003, ab 2008 durchgehend in Hann. Münden. Er ist insbesondere als Verteidiger im Strafrecht, im Verkehrsrecht, im Familienrecht und im Verwaltungs- und Sozialrecht tätig.

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