Mündener Frauenarzt Dr. Manfred Albrecht beendet berufliche Laufbahn

+
Haben gemeinsam zwei Bücher um das Thema Schwangerschaft und Geburt geschrieben und stets das Thema „selbstbestimmte Geburt“ im Blick gehabt: Ines Albrecht-Engel und ihr Mann Dr. Manfred Albrecht, der ein historisches Hörrohr aus Holz, in der Hand hält. Mit diesem Stethoskop konnten früher die Herztöne eines ungeborenes Kindes am Bauch der Mutter abgehört werden.

Nach mehreren Jahrzehnten in der Gynäkologie ist Schluss: Der 68-Jährige hat weit über 10.000 Geburten und Kinder begleitet

Hann. Münden. Mit Grausen erinnert sich Dr. Manfred Albrecht an seine Anfänge als Gynäkologe zurück. An Zeiten, in denen Frauen alleine im sterilen OP-Saal lagen: „Männer durften bei den Geburten nicht dabei sein. Die Kliniken begriffen zu diesem Zeitpunkt nicht, wie wichtig dieses Erlebnis für Kind und Eltern ist, wie sehr es prägend für das spätere Leben ist. Wir Menschen brauchen Nähe – von Anfang an“, sagt der 68-Jährige. Er und seine Frau Ines halfen dabei, eingefahrene Strukturen in den Krankenhäusern aufzubrechen. Sie trieb die Frauengesundheitsbewegung mit voran, verfasste mehrere Bücher zum Thema Geburtsvorbereitung, gemeinsam mit ihrem Mann schrieb sie auch über den Kaiserschnitt: „Wenn man mich fragt, so wird diese Art der Geburt heute viel zu oft angewendet – jedes dritte Kind wird so geboren. Das führt dazu, dass Mütter das Geburtserlebnis als solches verpassen und ihnen im schlimmsten Fall nach der Entbindung die Verbindung zum eigenen Nachwuchs fehlt“, so Albrecht weiter. Er muss es wissen, hat er doch im Göttinger Krankenhaus Neu Bethlehem (von 1982 bis 1994) und dem Evangelischen Vereinskrankenhaus Hann. Münden (1994 bis 2010) nach seinen Schätzungen weit über 10.000 Geburten und Kinder betreut. Die Kehrseite der Medaille spiegelt sich im Privatleben wider: „Durch den Schichtdienst, der damals nicht so familienfreundlich geregelt war wie heute, blieb nicht viel Zeit für meine Liebsten. Dennoch habe ich immer versucht, meiner Frau und meinen drei Töchtern alles zu ermöglichen und so viel Zeit wie möglich mit ihnen zu verbringen. Jetzt, nachdem ich meine Sprechstunde zum Jahreswechsel aufgegeben habe, kann ich noch mehr mit meinen Enkeln unternehmen. Die Familie liegt mir am meisten am Herzen.“

„Jedes Kind ein Glück“

Albrecht wuchs in Göttingen auf und kam über den Zivildienst zur Medizin, studierte später in Köln und begann in den Städtischen Kliniken Leverkusen seine berufliche Laufbahn. Das war 1979. „Eigentlich wollte ich Kinderarzt werden, doch es war keine Stelle frei. So half ich eben jungen Menschen ins Leben. Es war eine tolle Tätigkeit, die sehr erfüllend war. Ich teilte unvergessliche Momente mit den Eltern und Kindern. Jedes ist ein Stück Leben, ein großes Glück. “

Dr. Manfred Albrecht im Jahr 1994 nach der ersten „Badewannengeburt“ im Evangelischen Vereinskrankenhaus Hann. Münden.

Als Assistenz- und Oberarzt im Göttinger Krankenhaus Neu Bethlehem und später Leitender Arzt im Mündener Vereinskrankenhaus habe er das Vertrauen hunderter werdender Mütter genossen. „Ein Privileg. Noch heute treffe ich junge Menschen, die ich auf die Welt gebracht habe. Meist sind sie schon erwachsen und dennoch können sich die Eltern an mich erinnern und sind oft sehr dankbar.“ Denn längst nicht jede Geburt gelang ohne Komplikationen. Um den Frauen, die zum ersten Mal ein Kind zur Welt brachten, die Angst zu nehmen, wollte Albrecht ihnen, so gut es ging, die Geburt erleichtern. „Wir brachten Eltern vor und nach der Geburt zusammen, die miteinander über ihre Ängste aber auch Vorfreude sprechen konnten. Wir richteten im Vereinskrankenhaus mehrere Familienzimmer ein, in denen die jungen Eltern mit ihrem jungen Nachwuchs vor und nach den Strapazen untergebracht waren, ermöglichten Wassergeburten. Alles Dinge, über die man sich früher keine Gedanken machte. Wir haben damit die Geburtshilfe in Deutschland mitgeprägt und weiterentwickelt“, so der 68-Jährige.

Innovativ sieht sich Albrecht auf dem Gebiet der Schlüsselloch-Chirurgie – der Operation durch den Bauchnabel – und der Inkontinenz-Chirurgie – anfangs kritisch beäugt von seinen Kollegen, wie er sagt: „Heutzutage sind solche Eingriffe ja nichts Besonderes mehr – damals waren sie es.“

Rummel ist nicht vorbei

Albrecht schaut zwiegespalten auf seine Tätigkeit als Frauenarzt zurück. Auf der einen Seite stehen die unzähligen Glücksmomente, die er mit seinen Patientinnen teilen durfte. Auf der anderen Seite stehen ihm noch wichtige Aufgaben bevor, denn er ist nicht nur mehrfacher Vater und Opa, sondern auch passionierter Kunstsammler, Doppelkopf-Spieler und Hobbygärtner. Nicht zu vergessen sind die ehrenamtlichen Aufgaben im Mündener Spendenparlament und der Schutz- und Fördergemeinschaft Tillyschanze: „Es gibt noch viel zu tun, aber darüber bin ich sehr froh“, sagt er mit einem Augenzwinkern.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Starkregen sorgt in Münden für Chaos

Land unter in der Dreiflüssestadt: Feuerwehr leistete am Morgen 23 Einsätze allein in der Kernstadt
Starkregen sorgt in Münden für Chaos

60 Jahre Naturpark Münden - Geburtstagsfeier am Sonntag

Der erste Naturparkplan steht mittlerweile in den Startlöchern
60 Jahre Naturpark Münden - Geburtstagsfeier am Sonntag

Rekord: 950 Kuscheltiere im Göttinger Uni-Klinikum behandelt

Kranke Teddys mussten in die „Röhre“
Rekord: 950 Kuscheltiere im Göttinger Uni-Klinikum behandelt

Über 500 Tickets für „Nabucco-Open-Air“ bereits verkauft

Bloß die Sitzkissen am 3. August nicht vergessen!
Über 500 Tickets für „Nabucco-Open-Air“ bereits verkauft

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.