Nach dem Verkauf von Kleingärten: Hann. Münden verlangt Abriss der Hütten

Kleingärten in Hann. Münden
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Die Idylle in den von der Dreiflüssestadt verpachteten Kleingärten wurde durch ein Amtsschreiben jah gestört.

Die Idylle in den von der Stadt Hann. Münden verpachteten Kleingärten wurde vor wenigen Tagen jäh gestört. Die Politik entschied sich zum Verkauf der Flächen. Eigentlich eine gute Nachricht für die meist langjährigen Pächterinnen und Pächter. Doch die Sache hat einen gewaltigen Haken, denn die Grundstücke befinden sich in einem überschwemmungsgefährdeten Gebiet. Und dort dürften eigentlich keine Bauten stehen. Die sind aber auf nahezu jeder Parzelle zu finden... 

Hann. Münden. Im Kleingarten von Familie Bause steht ein kleines Holzhäuschen mit Vordach. Im Schatten bietet eine gepolsterte Sitzgarnitur Platz zum Ausspannen. Ruhe, das ist es was Kleingärtner vor all dem Trubel und Stress im Alltag in ihrem Kleinod suchen. An der Hedemündener Straße gibt es 18 solcher grünen Zufluchtsorte. Sie liegen alle direkt nebeneinander.

Das Abschalten am Werra-Ufer habe Birgit Bause mit ihrem Mann in den vergangenen 22 Jahren, vor allem während der Corona-Pandemie, genossen, so oft es ging: „Zuhause haben wir keinen Balkon, auf dem wir draußen sitzen können. In unseren Kleingarten können wir immer gehen, wenn uns zuhause die Decke auf den Kopf fällt. Selbst im Lockdown war das problemlos möglich, es ist ja genügend Platz vorhanden, um Abstand zu halten.“ Viele Städter, die in Drei-Zimmer-Wohnungen leben, träumen von dieser Möglichkeit der „kleinen Flucht“. Deshalb seien die Gärten auch sehr begehrt, erklärt die 54-Jährige: „Es wird immer wieder nachgefragt, ob wir unsere 250 Quadratmeter große Parzelle abgeben wollen. Aber wir wollen bleiben, solange es geht. Zum Teil sind die Gärten seit Jahrzehnten im Besitz einer Familie. Es ist für uns alle ein Stück Lebensqualität. In einem Gewächshaus bauen wir Gemüse wie Tomaten, Gurken und Paprika an.“ Den materiellen Wert der auf ihrem Kleingarten stehenden Bauten schätzt Bause auf 10.000 Euro.

Anfang Juni zerstörte allerdings ein Brief der Stadtverwaltung die beschauliche Kleingartenidylle. Alle Pächter wurden darüber informiert, dass sie laut Ratsbeschluss vom 29. April ihr gepachtetes Grundstück von der Stadt kaufen können, sofern sie das möchten. In jedem Fall müssten die jeweilige Bebauungen abgerissen werden, da die Flächen im Überschwemmungsgebiet der Werra liegen würden. Kaufnebenkosten und die Kosten für die Vermessung der Parzellen hätten im Fall eines Zuschlags die Käufer zu tragen. Eingeräumt wurde eine einmonatige Bedenkzeit.

Bause sei aus allen Wolken gefallen, als sie das Schreiben erhielt: „Grundsätzlich sind wir, so wie viele andere hier, an einem Kauf interessiert, aber was sollen wir mit einer Parzelle anfangen, auf der nicht das kleinste Häuschen stehen darf? Wo sollen all die Gartengeräte hin, von Stühlen, Sonnenschutz und anderen Dingen ganz zu schweigen. Sollen wir immer alles hin und her transportieren? Manche Hütten hier wurden vom Vorpächter übernommen in dem Glauben, das wäre so in Ordnung. Es kam sogar einmal ein Mitarbeiter der Verwaltung vorbei, um Fotos zu machen – die Existenz der Hütten wurde aber nie thematisiert.“

Bürgermeister entschuldigt sich für Vorgehensweise

Bauses Ansicht teilen viele andere Kleingartenbesitzer. Man kennt sich und tauscht sich regelmäßig aus. Bei einem Treffen am vergangenen Montag machten rund 40 Pächterinnen und Pächter ihrem Ärger im Beisein von Bürgermeister Harald Wegener Luft. Der kann den Unmut der Betroffenen verstehen und entschuldigte zunächst für das „Vorpreschen“ der Verwaltung, die den Auftrag zum Handeln bekommen habe. Er hätte sich zunächst eine informelle Zusammenkunft gewünscht, um das Thema gemeinsam zu besprechen und individuelle Fragen zu beantworten.

Bebauungsplan soll Zulässigkeiten regeln

Wegener sprach andererseits von „illegalen Bauten“ auf den Parzellen, die jahrzehntelang von der Stadt geduldet wurden, aber der Unteren Wasserbehörde ein Dorn im Auge seien. Es gehe um das Einhalten von Vorschriften. Einen Bestandsschutz, auch für ältere Gebäude, gäbe es nicht. Ein Bebauungsplan allerdings könne dabei helfen zumindest kleine Gebäude zu legalisieren. Dieser würde regeln, was zulässig sei. Der Plan müsste aber erst erstellt werden und das wäre laut Wegener frühestens 2023 möglich. Größere Hütten müssten in jedem Fall zurückgebaut werden.

Aber wie geht es jetzt weiter? Die einmonatige Frist wurde mittlerweile schriftlich zurückgenommen. Wegener teilte mit, die Angelegenheit bei der nächsten Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses am kommenden Montag vortragen zu wollen. Vielleicht könne man eine vorübergehende Lösung für das Problem finden, bis ein Bebauungsplan stehe. Er habe sich dafür stark gemacht den Pächtern eine Art Vorkaufsrecht einzuräumen und dabei solle es bleiben. Zum Verkaufspreis sagte Wegener: „In der Vergangenheit haben wir für ähnliche Flächen Preise von 7,50 Euro pro Quadratmeter erzielt. Das ist ein realistischer Richtwert. Wer sich das auf einem Schlag nicht leisten kann, dem bieten wir eine Ratenzahlung an.“

Hoffnung machen Birgit Bause gesammelte Zeitungsberichte aus den Jahren 2010/2011. Damals hatte die Stadt unter Wegeners Vorgänger Klaus Burhenne ebenfalls versucht einen Bebauungsplan zu erstellen: „Passiert ist zehn Jahre lang nichts und nun versucht man es wieder. Aber egal, was kommt, wir werden weiter um unsere Gärten kämpfen“, sagt sie und zeigt einen Zettel auf dem in roten Buchstaben zu lesen ist „Wir lassen uns nicht vertreiben! Wir bleiben!“

155 Kleingartengrundstücke betroffen

Bei dem Beschluss eines Haushaltssicherungskonzepts in Verbindung mit der Haushaltsplanung für 2021 hatte der Mündener Stadtrat Ende April entschieden den Verkauf von „städtischen landwirtschaftlichen Flächen“ voranzutreiben. Zu diesen zählen die Kleingärten-Areale in der Hedemündener Straße, Neumünden und Steinweg. Die Verwaltung teilte auf Rückfrage mit, dass es sich um eine insgesamt rund 58.000 Quadratmeter große Fläche handelt. 155 Kleingartengrundstücke sind betroffen.

+++Warum schaute die Stadt so lange weg?+++Kommentar von Mathias Simon+++

Der Einwand des Bürgermeisters, dass es zum Errichten eines Gartenhauses einer Baugenehmigung bedarf mag zutreffend sein, aber wieso schaute die Stadt so lange weg und schritt nicht ein? Warum unterband sie den Bau oder Umbau der Hütten nicht?
Eine mögliche Erklärung: Die Bauten wurden geduldet, weil man um die Attraktivität der Flächen fürchtete und damit um die Pachteinnahmen. Obendrein ging man einer Konfrontation mit den Pächtern aus dem Weg und ersparte sich damit viel Ärger.

Der ist nun doppelt da, denn viele machen den Kauf der Flächen davon abhängig, ob ihr Häuschen im Grünen stehen bleiben darf oder nicht. Verständlich, wer will sich schon bei 30 Grad auf einer Freifläche ohne Schatten einen saftigen Sonnenbrand holen? Viele Familien haben, teilweise im Laufe von Jahrzehnten, Werte geschaffen oder übernommen, die sie nicht ohne weiteres aufgeben möchten, weil sie ihnen Annehmlichkeiten bescheren. Ob bei einem unbefriedigenden Ende der Rechtsweg beschritten wird, bleibt abzuwarten. Manche Betroffene stellten das in Aussicht.

Wegener sprach von einer Übergangslösung, bis ein Bebauungsplan verabschiedet sei. Dieser sollte möglichst bald auf dem Tisch liegen, damit in den Kleingärten wieder Ruhe einkehrt und die Stadt das dringend benötigte Geld für den Verkauf bekommt. Ansonsten steht eine Hängepartie ins Haus, die allen Beteiligten nur unnötig Nerven kosten dürfte.

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