Nach einem Jahr Amtszeit: Wirtschaftsförderer Tobias Vogeley zieht erste Bilanz

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Hann. Mündens Wirtschaftsförder Tobias Vogeley.

Der 36-Jährige ist erster Ansprechpartner für Unternehmer und Vermittler zwischen Wirtschaft und Verwaltung

Hann. Münden. Sein Büro befindet sich direkt neben dem des Bürgermeisters. Kurze Wege sind nicht nur hier gegeben: Tobias Vogeley ist erster Ansprechpartner für Unternehmer und leitet alle Anfragen an die Verwaltung weiter. Das erspart ihnen viel Lauferei, denn sie bekommen alles aus einer Hand. Vogeley ist gelernter Büro- und Industriekaufmann, arbeitete zwölf Jahre im Vertrieb eines Unternehmens und war zwei Jahre Ortsbürgermeister von Laubach. Seit seinem Amtsantritt am 1. Februar 2018 pflegt er Kontakte in Politik und Wirtschaft. Er bezeichnet sich als IST-Zustand-Ermittler und Netzwerker. Das baut er nach und nach mit den Unternehmern auf. Und es sind mehr als man vermutet: „600 angemeldete Gewerbe gibt es in Hann. Münden, 180 Gewerbebetriebe gibt es allein in der Innenstadt“, so der 36-Jährige. Er führe regelmäßig Gespräche, bearbeite Anfragen, etwa zu gewünschten Expansionen von Standorten. „200 Termine hatte ich allein im ersten Jahr. Man nimmt bei den Gesprächen unfassbar viel mit. Meine Arbeit ist aber auch sehr spannend, weil man viele Einblicke erhält“, so Vogeley. Bei so viel Input sei „Priorisierung“ angesagt. Nach den Außenterminen, würden Gespräche mit den Verwaltungskollegen, etwa vom Bauamt, nötig, um die Umsetzbarkeit von Anfragen zu prüfen. Das Gewerbegebiet in Hedemünden ist nach wie vor das Sahnestück der Dreiflüssestadt. Gelegen an der A7 mit seiner Nord-Süd-Verbindung, steht der Standort bei dort ansässigen wie auch potentiellen Unternehmen sehr hoch im Kurs. Trotz der riesigen Freiflächen sei die Erschließung aber nicht ohne weiteres machbar. Vor- und Entsorgung würden sich laut Vogeley schwierig gestalten. Zudem könne die Stadt aufgrund ihrer finanziellen Lage die Gebiete nicht selbst entwickeln, sondern nur zwischen Firmen und Grundbesitzern vermitteln. Generell würde die Bürokratie viele Prozesse in die Länge ziehen. Daran habe sich auch Vogeley erst einmal gewöhnen müssen.

Schnelles Internet für Mündens Norden

Bei der Ansiedlung großer Konzerne fällt zwangsläufig der Begriff Breitbandausbau. Der könnte sich laut Vogeley im Frühjahr vor allem in Gimte, Hemeln, Mielenhausen und dem Gewerbegebiet Volkmarshausen schlagartig verbessern. Der lokale Anbieter „goetel“ aus Göttingen würde gerade eine Bedarfsabfrage abwickeln. 60 Prozent Zuspruch seien für eine Umsetzung nötig. „In den Gewerbegebieten sind wir, was die Internetgeschwindigkeit angeht, relativ gut aufgestellt. Aber man weiß nie, wie sich alles weiter entwickelt. Der Wandel geht schnell voran. Mit 50 M/Bit ist man schnell ein weißer Fleck auf der Karte. In zehn Jahren möchte man dann nicht wieder von vorne anfangen. Glasfaser ist für die Zukunft schon ein wichtiger Faktor.“

Platzmangel und Sanierungsstau hemmen Altstadt

Was den Einzelhandel in der Innenstadt betrifft, so würden kleine Einheiten große Probleme darstellen. Die Anbieter bräuchten mehr Platz als früher, so Vogeley. Erlebniseinkaufen laute das Motto. Oft würden bauliche Gegebenheiten Ansiedlungen verhindern. Außerhalb der Altstadt würde der Bedarf bei Unternehmen wie ALDI, HIT und REWE wachsen. Anfragen wegen geplanten Vergrößerungen würden vorliegen. Nahversorgungstechnisch sieht Vogeley Hann. Münden gut aufgestellt. Lediglich im Bereich Elektro und Möbel hinke man hinterher. „Ebenso Wäre ein zweiter Drogerist wünschenswert“, so Vogeley.

Wo gearbeitet wird, wird gerne auch gewohnt. Vogeley begrüße deshalb die Absicht des Mündener Bauvereins in Gimte ein Baugebiet zu erschließen. Trotzdem seien noch weitere Anstrengungen nötig, denn „bis 2025 muss Münden 400 weitere Wohneinheiten vorhalten. Der Wohnungsmarkt brennt.“ Da Innen- vor Außenentwicklung gehe, sei man auch an der Beseitigung des Leerstands in der Altstadt interessiert. Hier hemme der große Sanierungsstau einiger leer stehender Immobilien die Vermietung: „Besitzer scheuen sich Geld in die Hand zu nehmen. Man muss überlegen, ob nicht die nächste Generation von Familien die Gebäude übernehmen kann, um eine Änderung des Problems herbeizuführen. Mehr Einwohner bedeutet mehr Frequenz für den Handel und der ist rückläufig. Im Jahr 2000 haben 20 Prozent mehr Menschen in der Innenstadt gewohnt“, erklärt der Wirtschaftsförderer. Wer investiere, finde in der Regel Mieter, denn die Nachfrage sei groß aufgrund vergleichsweise geringerer Mieten. Gespräche mit Eigentümern müssten intensiviert werden. Bei Interesse biete die Stadt übrigens Sanierungsberatungen an.

Auch der Fachkräftemangel bereite Kopfzerbrechen. Immer mehr junge Menschen würden der Stadt den Rücken kehren, weil für sie immer weniger geboten werde: „Für Menschen ab 30 ist Hann. Münden ein idealer Lebensmittelpunkt, doch Jüngere bleiben auf der Strecke. Gerade die 2.000er-Jahrgänge könnten sich quasi aussuchen, bei welchem Arbeitgeber sie anheuern. Ausschlaggebend sei oft das Wohnumfeld. Das müsse von Anfang an passen, denn „wer einmal weggegangen ist, kommt so schnell nicht wieder zurück“, so Vogeley. Deshalb müsse sich nicht nur Münden, sondern die gesamte Region zu einer lebenswerten Angelegenheit entwickeln, damit Unternehmen nicht irgendwann personelle Probleme bekommen würden. Das geschehe nur dadurch, in dem man sich von anderen Regionen abhebe, so der 36-Jährige.

Interview mit Tobias Vogeley: "Probleme erkennen und lösen"

Herr Vogeley, könnten Sie uns in Kürze Ihr Aufgabenfeld beschreiben? 

Wirtschaftsförderung ist vielfältig und stellt komplexe Herausforderungen, der Aufbau eines persönlichen Netzwerks sind zu Beginn das A und O. Als Bindeglied zwischen Wirtschaft und Verwaltung ist man im Ideal zugleich Lotse, Berater, Moderator, Mediator, Lobbyist und Verkäufer in einer Person. Meine Kernaufgabe ist die Standortattraktivität: Strukturrisiken rechtzeitig erkennen, sowie Chancen und Potentiale des Wirtschaftsstandorts für die Zukunft nutzen. Ziel ist es zudem, eigenständig oder mit der Unterstützung der Netzwerkpartner, aktuell auftretende Probleme in der Bestandspflege zu erkennen und zu lösen. Mit Bestand sind sämtliche Mündener Unternehmen aus den Bereichen Industrie, Handel, Handwerk, Dienstleistung und Gastronomie gemeint. Derzeit bin ich viel bei den Firmen draußen. Weitere Aktivitäten sind Gründungsberatung, Gewerbeflächenmanagement, Fachkräftesicherung, Verbesserung wirtschaftsnaher Infrastruktur, Fördermittelberatung, Sicherung und Entwicklung des Einzelhandelsstandortes, Beteiligung an Projekten der Stadtentwicklung und anderen Vorhaben der Stadtverwaltung.

Inwiefern gibt es dabei Überschneidungen mit der Hann. Münden Marketing GmbH?

 Die Konstellation bedarf einer kurzen Erklärung: Die Bereiche Wirtschaftsförderung, Stadtmarketing und Tourismusmarketing waren in den vergangenen Jahren bei der HMM bzw. deren Vorgängerin, der WWS angesiedelt. Seit meinem Dienstbeginn am 1. februar 2018 ist der Wirtschaftsförderer Stabsstelle des Bürgermeisters und somit Teil der Stadtverwaltung. Aufgabe unseres Stadtmarketings ist es vorrangig, die Attraktivität der Innenstadt zu steigern, z.B. durch Veranstaltungen und Aktionen. Dadurch möglichst viele Kunden und Besucher anzuziehen, um die Innenstadt wirtschaftlich und kulturell zu beleben. Ähnlich unser Tourismusmarketing, das durch unterschiedliche Maßnahmen versucht die Zahl der Ankünfte und Übernachtungen zu steigern. Ich denke, wenn Sie nun mein beschriebenes Aufgabenfeld mit denen des Stadtmarketings und Tourismusmarketings vergleichen, werden die Überschneidungen und Abgrenzungen relativ deutlich. Eine klassische Überschneidung wäre z.B. die Einzelhandelsentwicklung am Standort Innenstadt.

Die Industriebrache CF Schroeder war in der Vergangenheit oft in den Schlagzeilen, aber nie tat sich etwas. Gibt es Neuigkeiten? 

Die Attraktivierung des Schröder-Areals wäre sicherlich ein Meilenstein für Münden. Entsprechend hohe Prioritäten hat dieses Thema und aktuell sind wir in zielführenden Gesprächen. Es gibt allerdings diverse zu berücksichtigende Faktoren, um es letztendlich in einem neuen Anlauf zum Gelingen zu bringen.

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