Scherben bringen Glück: Töpferverein Oberode gewährte Einblicke

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Tag des offenen Denkmals: Töpferverein gewährte Einblicke in Oberode.

Oberode. Deutschlandweit standen am vergangenen Sonntag hunderte Denkmale  offen. In der Mündener Kernstadt konnten sich Neugierige unter anderem im Fährenpfortenturm, dem Welfenschloss oder dem Rathaus umsehen.

Etwas weiter entfernt brachten Mitglieder des Vereins für Töpferhandwerk – Töpferkunst Oberode 1983 e.V. dem Laien das traditionelle Handwerk  näher. Im Dorfgemeinschaftshaus gab der Vorsitzende Erwin Lehmann im angeschlossenen Museum einen Einblick in die Geschichte. Das Töpferdorf war jahrhundertelang bekannt für seine Gebrauchskeramik. Behältnisse jeglicher Art wurden hier zwischen 1556 und 1920 hergestellt. Gute Voraussetzungen dafür fanden die Töpfer in der Nähe vor. Feuerholz schlug man im angrenzenden Wald, und den Ton holte man vom Kleinen Steinberg. Er wurde aus fünf bis sechs Metern Tiefe gefördert. August Müller war der letzte verbliebene Töpfer am Ort, er gab das Handwerk 1920 auf, denn Emaillewaren konnten zu dieser Zeit günstiger und in riesigen Stückzahlen produziert werden. Sie liefen den Töpferwaren damit den Rang ab.Müller hatte noch Jahre zuvor mit seinem Vater und seinem Bruder eine Brennhütte in der Unteren Dorfstraße errichtet. "Vermutlich im Jahre 1882. Später fielen sie und das nebenstehende Wohnhaus einem Brand zum Opfer", erklärte Karl-Heinz Held. Oberodes Ortsbürgermeister nahm am Sonntag, gemeinsam mit Christa Nietmann, die Besucher von "Perls Brennhütte" mit in die Vergangenheit. 1984 bis 1986 wurde das Fachwerkhaus und heutige Denkmal mit rekonstruiertem Brennofen und Werkstatt aufwendig saniert. "Von hier aus wurden die Töpferwaren damals über die Werra in die Welt getragen. Sogar in englischen Museen sind Stücke aus unserem Ort zu finden. Das ist wirklich bemerkenswert", schilderte Held.Auch heute noch sind in und um Oberode viele Überreste des Töpferhandwerks zu finden, dem in der Glanzzeit, Mitte des 17. Jahrhunderts, bis zu 45 Töpfer nachgingen. In den Feldern finden Landwirte selbst heute noch Scherben von zerstörten Krügen und Tellern. "Damals gab es noch kein Abfallsystem. Der Müll wurde einfach auf den Misthaufen der Höfe entsorgt und später auf den Wiesen untergepflügt, so auch kaputte Haushaltsgegenstände, wie Tonkrüge und dergleichen. Deshalb findet man heute immer noch Reste davon", so Held weiter.Viele dieser Überbleibsel wurden in den vergangenen Jahren gesammelt und in dem eingangs erwähnten Museum im Dorfgemeinschaftshaus ausgestellt. Wie Lehmann berichtete, stammen die zum Teil wieder zusammengefügten Stücke aus dem 16., 17. und 18. Jahrhundert.

Die Herstellung dieser Töpfereien war allerdings alles andere als ein Kinderspiel: "Nachdem man den Ton nass bearbeiten konnte, musste er zunächst drei Wochen trocknen. Dann wurde er bei etwa 900 Grad Celsius das erste Mal und nach der Glasur bei über 1.000 Grad Celsius ein zweites Mal gebrannt. Thermometer gab es an den Brennöfen damals nicht. Alles geschah nach Augenmaß. Die Flammen musste sehr hell sein, dann wusste man, dass man die richtige Temperatur erreicht hatte", so Lehmann. Das Brennen selbst war dann keine Frage von Stunden, sondern von Tagen. Verziert wurden Teller, Tassen und Krüge mit Mustern, Tieren oder auch Sprüchen. Oftmals hinterließen die Töpfer ihren eigenen Namen oder eine Kennzeichnung an den Stücken.

Selbstversuche an der Töpferscheibe

Wer nach der ganzen Theorie Lust auf eine praktische Tätigkeit hatte, konnte sich unter Anleitung des Vereinsvorsitzenden selbst an der Töpferscheibe versuchen. Was so einfach aussieht, ist in Wahrheit filigrane Arbeit. Die rund 20 Mitglieder des Töpfervereins Oberode haben schon jahrelang Erfahrungen sammeln können. Sie treffen sich jeden zweiten Mittwoch um 18 Uhr im Dorfgemeinschaftshaus des Töpferdorfes, um ihrem Hobby nachzugehen, und würden sich über neue Gesichter sehr freuen. Ein spezielles Schnupperangebot gibt es für Kinder. Interessierte sollten sich direkt bei Erwin Lehmann, Telefon 05545-768, melden.

Wie talentiert die Vereinsmitglieder sind, konnte man in der Turnhalle sehen, denn dort hatten einige von ihnen ihre Arbeiten zum Verkauf angeboten. Verdursten und Hungern brauchte auch niemand – die Kartoffelsuppe wurde standesgemäß in einer getöpferten Suppenschale serviert. Lecker!

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