Trotz Spott: Niedersachsen Imagefilm erhält Preis

+

„Urlaub in Niedersachsen. Anders als du denkst!“ lautet der Titel des Imagefilms über Niedersachsen. Im Internet wird stark gelästert.

Hann. Münden. Viel Spott und wenig Beifall erntet der neue Imagefilm des Landes Niedersachsen derzeit im Internet: "Urlaub in Niedersachsen. Anders als du denkst!" lautet der Titel des dreiminütigen Clips, den das Tourismus Marketing Niedersachsen (TMN) produzieren ließ und derzeit in sozialen Netzwerken präsentiert. Dort wird bekanntlich kritisch und reichlich kommentiert. So auch der Kurzfilm, der eigentlich die schönen Seiten des Bundeslandes zeigen und damit punkten müsste: "Irgendwie schäme ich mich für mein Bundesland. Man hätte deutlich mehr draus machen können", schreibt beispielsweise cornii154.

Der Imagefilm, der eigentlich mehr Touristen in Deutschlands Mitte locken sollte, geht bei den Usern im Großen und Ganzen baden. Viele von ihnen wundern sich über singende Protagonisten (darunter singende Fische), menschliche Schafe und dilletantisch ins Bild hereingeschnittene Hexen. Die "Handlung" lässt keinen roten Faden erahnen, hat fast schon satirische Züge und wirkt auf viele Betrachter offenbar eher peinlich als komisch. TMN-Geschäftsführerin Carolin Ruh sagte über den Imagefilm: "Die Idee, keine typischen Landschaften aus Niedersachsen zu zeigen, sondern mutig mit den Klischees zu arbeiten, hat uns überzeugt. Das ganze verpackt als Musikfilm mit Humor und Augenzwinkern zeigt Niedersachsen einfach mal ganz anders, als man es erwartet." Marco Del Bianco, der Geschäftsführer der verantwortlichen Produktionsfirma "Dayfornight" äußerte sich so: "Wir wollten, dass nach dem Filmschauen etwas hängen bleibt. Wir haben das Projekt mit dem jungen hannoverschen Regieteam Figen Ünsal und Thomas Leonhardt entwickelt. Es hat großen Spaß gemacht, diesen ungewöhnlichen Weg mit einem mutigen Kunden zu gehen."

Ein (zu) teurer Spaß?

Mündens Bürgermeister Harald Wegener zeigte sich dagegen irritiert: "Finanziert wurde der Film angeblich mit 80.000 Euro durch unser aller Geld. Unsere Region wird mal wieder nicht berücksichtigt. Bei der Qualität weiß ich allerdings nicht, ob wir darüber verärgert oder froh sein sollten."Ob nun großer Wurf oder Rohrkrepierer: Eines hat der Werbespot jedenfalls in Kürze erreicht: Er ist in aller Munde und wurde jetzt mit dem Filmpreis "Das goldene Stadttor" ausgezeichnet. Der Lohn für die Filmemacher von "Dayfornight". Sie hätten sich mit dem TMN für einen neuartigen Weg entschieden, das Reiseland Niedersachsen in Form eines Musikfilms zu präsentieren, heißt es auf presse-niedersachsen.de. Die überzeugende Konzeption des Films sei von der internationalen Jury des Filmpreises "Das goldene Stadttor" bestätigt worden. Die Jury habe die Produktion in diesem Jahr in der Kategorie "Film – National" als Sieger ausgezeichnet.

Das "Goldene Stadttor" ist die weltweite Nummer eins im Film-, Print- und MultiMedia-Wettbewerb und prämiert jedes Jahr zu Internationalen Tourismusbörse in Berlin (ITB) touristische Filme. Ausgezeichnet werden Beiträge in verschiedenen Kategorien, welche von einer internationalen Jury anhand eines Punktesystems bewertet werden.

+++Zwischenruf von Mathias Simon+++

Nomen est Omen

Der Titel "Anders, als man denkt" passt zum Imagefilm, wie die Faust aufs Auge. Besser wäre: "Anders, als er sein sollte". Zugegeben, der Dreiminüter trieb mir durchweg die Lachfalten ins Gesicht – allerdings mehr wegen des Fremschämens und weniger aus Begeisterung. Hier ist irgendwie so gar nichts werbewirksam. Nichts gegen Musicals, aber muss Gesang als Stilmittel unbedingt für einen Werbefilm herhalten, der die Heimat von 7,8 Millionen Bundesbürgern zeigen soll? Dazu am Boden kriechende Menschen in Schafskostümen oder trällernde, leblose Fische.

Das Ganze wirkt doch arg überzogen, ja gerade zu lächerlich und zielt merkwürdig wenig auf die Vorzüge Niedersachsens ab. In 13 Naturparks, zwei Nationalparks und auf 10.000 Quadratkilometern und 436 Quadratkilometer Erholungsfläche können sich jährlich abertausende von Touristen tummeln. Niedersachsen belegt im Bundesvergleich für 2013 mit 39,9 Millionen Übernachtungen hinter Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen den 4. Rang.Scheinbar ein Wert, auf dem man sich ausruhen kann, wenn man den "Werbespott" betrachtet. Auf das Publikum im Internet wirkt er den Kommentaren zu urteilen wenig ansprechend, ein Großteil der User in den sozialen Netzwerke lehnt ihn offenkundig ab. Um so merkwürdiger erscheint, dass er von einer angeblich erfahrenen Jury mit dem "Goldenen Stadttor" und damit einem in der MultiMedia-Branche beachteten Filmpreis ausgezeichnet wurde. Denkbar, dass dafür Gelder geflossen sind – oder die Konkurrenz des Werbefilms einfach noch schlechter war.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

"Dicker Fisch" geht bei Göttinger Verkehrskontrolle ins Netz

Göttinger Polizei schnappt mutmaßlich bundesweit aktiven Mietbetrüger und Hoteldieb
"Dicker Fisch" geht bei Göttinger Verkehrskontrolle ins Netz

Einschränkungen durch Fusion der Sparkassen Göttingen und Münden

Das Kreditinstitut empfiehlt, sich rechtzeitig vor dem kommenden Fusionswochenende mit ausreichend Bargeld zu versorgen und auf die Kreditkarte zurückzugreifen
Einschränkungen durch Fusion der Sparkassen Göttingen und Münden

Fußgängerin in Göttingen tödlich verletzt

Die Fußgängerin wurde von einem abbiegenden Lkw erfasst und erlag noch am Unfallort ihren Verletzungen 
Fußgängerin in Göttingen tödlich verletzt

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.