Tschernobyl hört nie auf

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Auch der DRK-Ortsverband Hann. Münden half den Tschernobylkindern und übergab 500 Euro: (v.li.) Michael Vollack (DRK), Pavle und Michaela Vojnov von „Hoffnung für Tschernobylkinder“, Gerhard Neufang (DRK) und Margret Cammert mit einigen der Tschernobyl-Kinder im Hintergrund.

Gespräch mit Margret Cammert über die Situation der Ukraine-Kinder, die in Speele zu Gast sind

Staufenberg. Im Mai erinnerte die amerikanisch-britische Serie „Chernobyl“ des Senders HBO an die Nuklearkatastrophe, die sich Ende April 1986 nahe der heute ukrainischen Stadt Prypiat ereignete: Etwa 50.000 Menschen wurden nach der Havarie von Block 4 evakuiert und kehrten nie mehr in ihr Zuhause zurück. Vollends für die menschliche Nutzung aufgegeben werden mussten neben Prypiat rund 6.400 Quadratkilometer an landwirtschaftlicher Fläche und Waldgebieten, die unweit des Kraftwerks lagen und stark strahlenbelastet wurden. Wir nahmen die Fernsehserie, die in Deutschland beim Streaming-Anbieter Sky zu sehen ist und auf Internet Movie Database (IMDb) zur erfolgreichsten Serie aller Zeiten gewählt wurde, zum Anlass um mit Margret Cammert aus Staufenberg zu sprechen. Seit 1991 hilft die Trägerin des Bundesverdienstkreuzes dabei, Kinder aus der Tschernobyl-Region in Speele zu beherbergen. Die jungen Besucher werden hier einmal im Jahr im Haus Waldfried empfangen. Eine Gruppe weilt dort zurzeit.

Mündener Rundschau (MR): Frau Cammert, Gesellschaftsforscher sprechen von einer zunehmenden Verrohung der Gesellschaft. Es herrsche der Ich-zuerst-Gedanke. Ist es heute schwieriger Menschen für die Tschernobyl-Kinderhilfe zu gewinnen als noch in den 1990er Jahren?

Margret Cammert:Ich denke schon, dass es schwieriger geworden ist. Deshalb ist es ganz wichtig, dass man das Thema den Menschen sprichwörtlich vor Augen führt. Zum Beispiel hatte ich Tschernobyl-Kinder zu einem Charity-Golfturnier eingeladen, das ich organisierte. Dort haben sie gesungen. Viele Teilnehmer von damals spenden heute noch.

MR: 33 Jahre ist die Katastrophe nun her. Da könnte man meinen, dass die Bedrohung auf die Gesundheit der dort lebenden Menschen abgenommen hat.

Cammert:Das liegt wohl daran, dass Außenstehende unterschiedlich aufgeklärt sind. Viele glauben wirklich, dass so etwas einfach verjährt. Dabei wird es Jahrhunderte dauern, bis die Strahlung vor Ort gen Null gesunken ist. Ich sage immer „Tschernobyl hört nie auf“. Die Leute stolpern immer über diese Aussage.

MR: Wie steht es um den Gesundheitszustand der Kinder? Wie werden sie ausgewählt?

Cammert:Die Gruppe ist jedes Jahr etwa 35 Kinder stark, die zwischen 8 und 15 Jahre alt und körperlich geschädigt sind. Sie sind bitterarm und stammen aus schwierigen Verhältnisse. Viele sind Waisen, wachsen bei den Großeltern oder anderen Familienmitgliedern auf. Sie stammen aus dem weiteren Umkreis von Tschernobyl. Dort haben wir einen Pfarrer namens Vitali als Kontaktperson, der einen Überblick hat und mit Schulen und Kirchengemeinden im Austausch steht. Die wiederum geben Empfehlungen, welche Kinder die Fahrt nach Deutschland antreten sollten.

MR: Wie kamen Sie persönlich auf die Idee, sich für die Tschernobylkinder einzusetzen und wie sieht Ihre Hilfe konkret aus?

Cammert: 1991 habe ich die Kinder als Mitglied des Kirchenvorstands in der Speeler Friedenskirche singen hören und ihr Schicksal hat mich sehr berührt. Kurzerhand haben wir damals Geschenke organisiert. Heute bitte ich Firmen und Privatpersonen um Spenden. Etwa 20.000 Euro kostet der einmonatige Aufenthalt für die Gruppe aus der Ukraine. Außerdem sammeln wir regelmäßig Fahrräder und Kleidung, die wir den Kindern mit auf den Heimweg geben.

MR: Was fühlen Sie, wenn die Kinder nach dem vierwöchigen Aufenthalt in Speele wieder die Heimreise antreten?

Cammert:Das Team schwebt zum einen in Ängsten. Wir machen uns Sorgen, ob die Rückfahrt reibungslos klappt. Die sind berechtigt, denn an den Grenzübergängen, vor allem in Polen, gibt es manchmal Schwierigkeiten. Und die etwa 40-stündige Fahrt ist ohnehin schon lang und kräftezehrend. Irgendwann kommt dann der erlösende Anruf eines Begleiters. Das andere sind die letzten gemeinsamen Stunden beim Abschiedsabend in Speele. Da hängt einem jedes Kind am Hals und es fließen Tränen. Aber viele freuen sich auch wieder auf ihre Heimkehr und besonders darauf, die Geschenke den Familien zu zeigen.

MR: Was geht in Ihnen vor, wenn Sie an das Unglück von Tschernobyl zurückdenken?

Cammert:Da ist viel Wut und es wächst die Angst, dass so etwas noch mal passiert. Damals wurde für kurze Zeit versucht, das Ausmaß im Verborgenen zu halten, bis man es nicht mehr vertuschen konnte und andere Länder Druck ausübten. Ich denke heute wird immer noch viel gelogen. Bestimmte Krankheiten treten im Umkreis von hunderten Kilometern von Tschernobyl massiv auf, darunter Haut- und Lungenkrankheiten, Krebs, Verwachsungen und geschwächte Immunsysteme. Die Gesundheitsversorgung ist schlecht. Die Menschen müssen für Behandlungskosten beim Arzt selbst aufkommen, was die wenigsten können. Zudem gibt es immer noch viel Korruption. Ich hoffe, dass sich das unter dem neuen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj ändert.

MR: Wie können unsere Leser helfen?

Cammert:Das geht mit dem Spenden von Kleidung für Kinder und Erwachsene, Handtüchern, Bettwäsche und Fahrrädern. Gerne kann man mich unter 0172-5640607 oder 05543-1850 kontaktieren. Und wir haben ein Spendenkonto bei der Sparkasse Hann. Münden eingerichtet (IBAN DE58 2605 1450 0000 6550 50, BIC NOLADE21HMU Stichwort „Hilfe für Tschernobylkinder“. Spendenquittungen können ausgestellt werden, Anm. d. Red.).

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