Veränderungen in der Nachbarschaft

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Hemeln. Stationäre Jugendhilfe richtet sich in Hemelns ehemaligem Gasthaus „Zur Krone“ ein – Einrichtung eröffnet im Mai.

Hemeln. Kinder und Jugendliche, die in ihren eigenen Familien nicht zurecht kommen, werden nicht selten in sogenannten Wohngruppen betreut. "In Niedersachsen wohnen 11.500 Kinder nicht bei ihren Eltern", erklärt Thorben Düvel, Geschäftsführer der Haus Tannenkamp GmbH. Das Unternehmen ist für acht Wohngruppen in Hedemünden und Hann. Münden Kernstadt verantwortlich. In Hemeln kommt neben dem Standort "Alte Mühle" nun eine weitere hinzu: Im ehemaligen Gasthaus zur Krone, dass zur Jahreswende schloss, sollen im Mai neun Kinder und Jugendliche im Alter von 9 bis 15 Jahren einziehen. "Dabei handelt es sich um keine Waisen und keine Kriminellen. Es sind Heranwachsende, die aus verschiedensten Gründen eine räumliche Veränderung brauchen. Manche verstehen sich mit ihren Eltern nicht, bei anderen wiederum fühlen sich die Eltern überfordert. Nach etwa drei Jahren kehren sie in der Regel entweder in ihre Familien zurück oder können bei Volljährigkeit in eine eigene Wohnung ziehen", erklärt Düvel.

Der junge Mann weiß wovon er spricht, ist er doch selbst in einer Wohngruppe aufgewachsen. Düvels Eltern hatten in den 70er Jahren als Pflegefamilie Kinder aufgenommen. Aus der darauf folgenden Familienwohngruppe entwickelte sich die heutige Wohngruppe. "Für mich war das damals völlig normal mit anderen Kindern aufzuwachsen. Ich kannte es ja nicht anders. Erst viel später wurde mir klar, dass es etwas ganz spezielles ist", erklärt Düvel. Seit 1984 existiert die GmbH, dessen Geschäftsführer Thorben Düvel seit 2004 ist. Er hat seine Eltern beerbt und führt das Unternehmen nun in zweiter Generation weiter.

Aufsicht rund um die Uhr

Dass die Wohngruppe quasi als neuer Nachbar in die Hauptstraße zieht, sei von vielen Hemelnern mit Interesse und Aufgeschlossenheit aufgenommen worden, so Düvel. Sorgen, dass bald kleine Krawallmacher durch die Dorfstraßen ziehen würden, sieht er unbegründet. Das liegt auch daran, dass die jungen Bewohner sich keineswegs selbst überlassen werden. Fünf Betreuer, darunter Erzieher und Sozialpädagogen, werden sich rund um die Uhr um die Kids kümmern. Vormittags ist sowieso für alle Schule angesagt. Nachmittags werden unter Aufsicht Hausaufgaben gemacht und Gespräche geführt. Erst dann kann die Freizeit selbst gestaltet werden. Am Wochenende bricht die Gruppe gemeinsam zu Ausflügen auf oder es bietet sich die Gelegenheit Dinge einzukaufen, denn samstags gibt es Taschengeld.

Streng geregelter Tagesablauf

Ein streng geregelter Tagesablauf mit festen Mahlzeiten und dem Besuch von Pflichtveranstaltungen soll die Jugendlichen nicht nur einfach beschäftigen, sondern sie auch für die Rückkehr in ihre Herkunftsfamilien vorbereiten und ihnen Disziplin und Eigenverantwortung beibringen. Ärger mit Anwohnern habe es laut Düvel schon mal in einer Wohngruppe gegeben, aber das liege Jahre zurück. "Sollte wirklich mal einer aus der Reihe tanzen, dann gebe es auch so etwas wie Sanktionen: "Wir versuchen aber im Vorfeld die Kinder dazu zu ermuntern sogenannte Punktepläne einzuhalten, die gemeinsam mit den Betreuern wöchentlich erarbeitet und deren Einhaltung auch belohnt werden", erklärt Düvel. Wer über die Stränge schlägt, dem drohen Arbeitsstunden. Das sei aber sehr selten der Fall, so Düvel, der sich wünscht, dass die Kinder und Jugendlichen aus der Wohngruppe mit offenen Armen aufgenommen werden, vor allem in den örtlichen Vereinen. "Voraussetzung für eine Aufnahme in die Wohngruppe ist , eine feste Freizeitaktivität zu haben, am liebsten im Verein", erklärt Düvel. Nun stehen allerdings erst einmal Umbauarbeiten an, denn die Räume müssen den Anforderungen angepasst werden. Am Donnerstag, 6. Februar, 18.30 Uhr, findet zum Thema ein Info-Abend im Gasthaus "Zur Krone" statt. Alle Bürgerinnen und Bürger sind dazu gerzlich eingeladen.

Die Haus Tannenkamp GmbH sucht auf diesem Weg noch Personal. Erzieher und Sozialpädagogen, die sich eine Zusammenarbeit vorstellen können, sollten umgehend eine Bewerbung an folgende Adresse schicken: Haus Tannenkamp GmbH, z. Hd. Herrn Düvel, Tannenkamp 51, 34346 Hann. Münden.

Große Chance für alle+++Zwischenruf von Mathias Simon+++

Schön zu sehen, dass nach Bekanntwerden der "neuen Nachbarn" im ehemaligen Hemelner Gasthaus nicht gleich ein Aufschrei durch die Straßen des Mündener Ortes hallte. Sicherlich sorgen sich jetzt einige um die Sicherheit und Ruhe im Ort – das Bild laut grölender, vermutlich betrunkener Jugendlicher  mit Irokesenschnitt und Nasenring im Kopf.

Die Reaktion während des Neujahrsempfangs war jedenfalls positiv und von Optimismus geprägt. Von Sorgenfalten keine Spur. Vielleicht hat sich Thorben Düvel gerade deswegen diese gesunde Gemeinschaft als Umfeld für seine neue Wohngruppe ausgesucht. Schließlich ist Hemeln für seine Gastfreundlichkeit wie auch Problembewältigung bekannt.

Die neue Konstellation bietet eine Chance für beide Seiten. Für die Vereine und Grundschule, die vielleicht das ein oder andere neue Mitglied oder den ein oder anderen Schüler in seinen Reihen begrüßen können. Und natürlich für die Kinder und Jugendlichen selbst, die als neue Bewohner von Anfang  unter besonderer öffentlicher Beobachtung stehen dürften. Jetzt können sie beweisen, dass abgedroschene Klischees nicht auf alle Jugendlichen zutreffen, die aus verschiedensten Gründen nicht mehr zuhause wohnen (können) und oftmals, als "Problemkinder" abgestempelt, über einen Kamm geschoren werden.

Für ein friedliches und erfolgreiches Miteinander drücke ich allen Beteiligten ganz fest die Daumen.

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