Vorschriften nicht erfüllt: Luftrettung darf Klinikum Hann. Münden offiziell nicht anfliegen

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Laut Luftfahrt-Bundesamt müssen Landeplätze an Krankenhäusern bestimmte Anforderungen erfüllen, ansonsten dürfen sie von der Luftrettung nicht angeflogen werden. Unser Bild zeigt den Dachlandeplatz des Kasseler Rot-Kreuz Krankenhauses.

Offiziell darf die Luftrettung das Klinikum nicht anfliegen, nur in Notsituationen darf eine Landung erfolgen.

Hann. Münden - Am ersten Augustwochenende wurden Rettungswagen und Christoph 7 zu einem Ernstfall in einem Mündener Stadtteil gerufen. Doch anstatt den Patienten mit dem Rettungshubschrauber zum Klinikum Münden zu fliegen, wurde er mit dem Krankenwagen zum Vogelsang gebracht.

Soweit nichts ungewöhnliches, denn der Notarzt entscheidet, auf welchem Weg der Patient in ein Krankenhaus gelangt. Es stellte sich aber die Frage, warum sich der Hubschrauber nicht auch zum Klinikum begab, sondern zum Sportplatz am Mündener Hochbad. Dort wartete die Crew auf ihren Notarzt, der vom etwa zehn Autominuten entferntem Klinikum wieder zum provisorischen Landeplatz an der Fulda gefahren werden musste, damit sich die vollzählige Besatzung wieder in die Luft begeben konnte.

Die Hubschrauberlandung auf der Sportstätte nahe der Fulda zog schnell neugierige Blicke auf sich. Auf Nachfrage nach dem Grund der Landung teilte die Besatzung mit, dass laut EU-Verordnung (siehe Info-Kasten) das Klinikum Münden nicht mehr angeflogen werden dürfe. Der Anflugwinkel stimme nicht.

Keine Landeerlaubnis am Klinikum Hann. Münden

Das Luftfahrt-Bundesamt (LBA) in Braunschweig bestätigte auf Anfrage, dass sich der Landeplatz des Mündener Klinikums nicht mehr auf der Liste von „Landestellen im öffentlichen Interesse“ befindet. Die Liste wurde zuletzt am 8.7.2019 aktualisiert. Auf ihr zu finden sogenannte „Public Interest Sites“ (PIS). Das sind alle deutschen Hubschrauberlandeplätze in Krankenhausnähe, die sich laut Definition in „schwierigen Umgebungsbedingungen und/oder dicht besiedelten Gebieten befinden“. Das Klinikum Hann. Münden darf also trotz vorhandenem Landeplatz normalerweise nicht mehr angeflogen werden.

Das LBA teilte mit, dass die Krankenhäuser Anträge auf Aufnahme als PIS selbst stellen müssten. Nach erfolgreicher Prüfung würden sie dort verzeichnet. Zu hohe Kosten, um Anforderungen zu erfüllen Auf mehrfache Nachfrage beim Mündener Klinikum äußerte sich schließlich ein Arzt, der nach eigener Aussage selbst schon im Rettungsdienst aktiv war, namentlich aber nicht genannt werden möchte. Er spricht von zu hohen Kosten, um die EU-Anforderungen zu erfüllen. Man habe praktisch keinen Flugverkehr zu verzeichnen und verzichte deshalb auf eine Ertüchtigung: Das Kosten-Nutzen-Verhältnis sei zu unausgewogen. Im Notfall könnten die Piloten nach § 25 des Luftverkehrsgesetzes (LuftVG) – eine Ausnahmeregelung, wenn es um Leib und Leben geht – trotzdem am Klinikum landen.

Manche würden es dann nicht auf dem Landeplatz, sondern ein paar Meter daneben tun, damit man ihnen nicht vorwerfen könne, gegen das „Landeverbot“ verstoßen zu haben: „So wird ja auch verfahren, wenn die Piloten zu einem Einsatz bei einem Verkehrsunfall gerufen werden. Dort gibt es ja auch keinen Landeplatz.“

Die EU-Verordnung zu den Sicherheitsvorschriften der PIS ist in der Branche nicht unumstritten: „Regelungen zur Flugsicherheit sind grundsätzlich sinnvoll und unverzichtbar, weil sie die Sicherheit von Patienten und Krankenhaus-Beschäftigten gewährleisten. Dabei darf aber nie die Praxis aus den Augen verloren werden. Es muss weiterhin möglich sein, Notfallpatienten so schnell wie möglich und unkompliziert ins Krankenhaus zu fliegen. Regelungen sollen dabei sinnvoll Sicherheit gewährleisten, dürfen aber Krankenhäuser, Notärzte und Piloten nicht vor kaum überwindbare Hürden stellen“, so die Meinung von Joachim Odenbach, Pressesprecher der Deutschen Krankenhausgesellschaft.

Mit dem Inkrafttreten der EU-Verordnung hat es laut Anne Kunzendorf, stellvertretende Leiterin der Stabsstelle Kommunikation & Marketing der DRF Luftrettung, kaum Einschränkungen in der Praxis gegeben. Man habe nach wie vor die Patienten schnell und sicher in die für ihre Diagnose geeignete Klinik bringen können: „Wir operieren gemeinsam mit der Bundespolizei, dem ADAC und den Krankenhäusern, die die Verordnung erfüllen. Die Verordnung bedeutet aus unserer Sicht insgesamt eine Verbesserung der Luftrettung, da sie die Sicherheit aller Beteiligten weiter erhöht.“

EXTRA INFO: Verordnung der EU

Die Verordnung der EU mit der Bezeichnung 965/2012 existiert seit 2012, wurde aber von der Bundesregierung durch eine Übergangsfrist auf 2014 verlängert. Sie beinhaltet Anforderungen an Landeplätze. Siemüssen unter anderem gekennzeichnet sein und eine Mindestgröße vorweisen. Außerdem müssen Mindestabstände zu möglichen Hindernissen, z.B. Gebäuden, eingehalten werden. Andernfalls droht der Einrichtung der Entzug der Landeerlaubnis. Rettungsverbände kritisierten in der Vergangenheit mehrfach diese Verordnung: Krankenhäuser müssten zum Teil hohe Investitionen tätigen, um die Anforderungen umzusetzen.

Zu den vom Luftfahrt-Bundesamt genehmigten Boden-Landeplätzen in der Region gehören das Evangelische Krankenhaus sowie das LKH Göttingen, das Elisabeth Krankenhaus und das Klinikum in Kassel, das Klinikum Eschwege, die Orthopädische Klinik Hessisch Lichtenau und das Kreiskrankenhaus in Alsfeld.

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