Gastro-Branche scharrt nach Zwangspause mit den Hufen

Vor dem historischen Rathaus in Hann. Münden machten Ende April insgesamt 25 Gastronomen mit 250 leeren Stühlen auf ihre derzeit extreme Situation aufmerksam. Bürgermeister Harald Wegener (li.) und Landtagsabgeordneter Gerd Hujahn (re.) suchten das Gespräch mit den Betroffenen.
+
Vor dem historischen Rathaus in Hann. Münden machten Ende April insgesamt 25 Gastronomen mit 250 leeren Stühlen auf ihre derzeit extreme Situation aufmerksam. Bürgermeister Harald Wegener (li.) und Landtagsabgeordneter Gerd Hujahn (re.) suchten das Gespräch mit den Betroffenen.

Ab Montag darf die Gastronomie in Niedersachsen nach achtwöchiger Schließung wieder öffnen – die Angst vor weiteren Belastungen kursiert derweil in Hann. Münden. Hessische Gastwirte müssen sich noch bis zum 15. Mai gedulden.

Hann. Münden. Die Gastronomie-Branche ächzt unter der Corona-Krise: Acht Wochen lang blieben Restaurants geschlossen, Kurzarbeit gab es für Angestellte und das trotz herrlichen Wetters. Auf ihre derzeitige Misere machten jetzt 25 Gastronomen auf dem Mündener Rathausvorplatz aufmerksam. Insgesamt 250 leere Stühle sollten bei der gleichnamigen Aktion den Blick der Öffentlichkeit auf die ernste Situation richten. Antonio Iannibelli vom Restaurant „Die Reblaus“ hatte die Aktion „Leere Stühle“ auf Facebook gesehen und adaptiert. Kollegen aus Dresden hatten sie Mitte April ins Leben gerufen. Sie wurden dabei vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) unterstützt. So auch in Münden.

Antonio Iannibelli vom Restaurant „Die Reblaus“.

„Wir wollten auf unsere schlechte Situation aufmerksam machen. Die Corona-Pandemie kam zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Im Frühjahr haben die meisten Gastronomen ihr finanzielles Polster nach den einkommensschwächeren Wintermonaten aufgebraucht und warten, dass es wieder los geht. Dann kam die Krise, auch für unser Restaurant. Die vollen Auftragsbücher leerten sich immer mehr. Alles brach weg: Catering, Hochzeiten, Veranstaltungen", erklärt Iannibelli. Dabei habe er noch Glück gehabt, da er momentan über genügend Rücklagen aufgrund einer umsatzstarken zurückliegenden Saison verfüge. Bei vielen seiner Kollegen sei das allerdings anders: „Ohne weitere Unterstützung in dieser unverschuldeten Lage werden es viele nicht schaffen. Auch nicht mit der für uns für ein Jahr gesenkten Mehrwertsteuer auf sieben Prozent. Das ist ein Tropfen auf dem heißen Stein. Da muss mehr passieren. Deshalb fordert „Leere Stühle“ einen Rettungsfond für die Gastronomie, die Erhöhung des Kurzarbeitergeldes auf 80 Prozent, nachhaltige Wiedereröffnungsbedingungen und die dauerhafte Senkung der Mehrwertsteuer.“

Vorerst nur 50-prozentige Auslastung erlaubt

Immerhin gibt es jetzt so etwas wie einen kleinen Hoffnungsschimmer: Die niedersächsische Landesregierung gab Anfang der Woche bekannt, dass Restaurants, Gaststätten und Biergärten am kommenden Montag wieder öffnen dürfen, wenn auch nur mit 50-prozentiger Auslastung. Auch Ferienhäuser und -wohnungen zählen dazu. Hotels sollen am 25. Mai folgen. Iannibelli sagte zu der bevorstehenden Lockerung: „Schlussendlich ist man froh, dass es wieder losgeht. Ich bin allerdings sehr gespannt, ob es zum jetzigen Zeitpunkt so einfach funktionieren kann.“

Guido Einecke vom Ratsbrauhaus.

Guido Einecke, Betreiber des Mündener Ratsbrauhauses und Kreisvorsitzender der Dehoga, begrüßt ebenfalls diesen Schritt: „Wir Gastronomen sind alle mehr oder weniger akut betroffen und fiebern der Eröffnung entgegen. Es wird sich zeigen, ob wir mit halber Auslastung wirtschaftlich arbeiten können. Alle in Hann. Münden haben Angst, dass der Tourismus durch Corona weiterhin gehemmt bleibt. Normalerweise halten sich zu dieser Jahreszeit täglich 2.000 Touristen in unserer Stadt auf. Davon kann derzeit aber keine Rede sein.“ Einecke, der in der Vergangenheit ein Befürworter der Mündener Tourismusabgabe war, fordert in der jetzigen Situation: „Mit den unwiderruflichen Verlusten aufgrund der zweimonatigen Schließung und der vorerst halben Auslastung sollte man darüber nachdenken, den Beitrag generell abzuschaffen und ihn lieber durch ein anderes Finanzierungsmodell zu ersetzen.“ Er selbst werde Jahre brauchen, um den für sein Ratsbrauhaus entstandenen finanziellen Schaden wieder wett zu machen.

Todesstoß für Betriebe durch Tourismusabgabe befürchtet

Aber es gibt neben Corona noch ein weiteres Problem für die Gastwirte in der Dreiflüssestadt: Der beschlossene Tourismusbeitrag, der wegen einer Normenkontrollklage seit 2018 auf Eis liegt. Ende Mai befasst sich das Oberverwaltungsgericht Lüneburg mit dem Fall (wir berichteten). Wegen der Corona-Krise wurde der ursprüngliche Termin um einen Monat verschoben. „Sollte die Abgabe rechtlich zulässig sein, drohen den Mündener Gastronomen und Hoteliers Nachzahlungen, die zum Teil im fünfstelligen Bereich liegen. Eine extreme Belastung für alle Betroffenen“, so Iannibelli.

Zur Tourismusabgabe sagt er: „Ich bin nicht generell gegen diese Abgabe. Wir profitieren vom Tourismus und brauchen diese Art von Instrument, um zukünftig Fördermittel zu bekommen. Über die Art und Weise lässt sich dagegen streiten. Die Politik hätte uns mehr Gehör schenken und einbeziehen müssen. Wirklich hilfreich wäre in unserer Situation die rückwirkende Löschung der ausstehenden Beiträge für die vergangenen zwei Jahre. Danach sollte die Berechnung vom Status der dann wirtschaftlichen Lage abhängig gemacht werden.“

Bundesweit über zwei Drittel der Gastro-Betriebe betroffen

Bis man in Restaurants und Gaststätten wieder zur Normalität zurückkehren kann, bleibt der Schaden durch die Schließungen der Gaststätten laut Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) für betroffene Beschäftigte und Betriebe groß. Sie fordert Hygienepläne und Gefährdungsbeurteilungen, bevor Lokale wieder öffnen dürfen. Nach Angaben der Arbeitsagentur hatten bis Ende April bundesweit 751.000 Betriebe Kurzarbeit angemeldet – 115.000 davon im Hotel- und Gaststättengewerbe. Das sind 72 Prozent aller Betriebe der Branche.

Die Situation in Hessen: Ab 15. Mai geht's wieder los

Während in Niedersachsen die Gastronomie-Betriebe unter Auflagen ab Montag wieder öffnen dürfen, muss man sich in der hessischen Nachbarschaft noch ein paar Tage gedulden. Immerhin: Am vergangenen Donnerstag stellte Hessens Landesvater Volker Bouffier in Aussicht, dass hessische Gasträume ab dem 15. Mai wieder geöffnet werden können. Auch dafür müssen die Landsleute im Kampf gegen das Corona-Virus gewisse Auflagen erfüllen.

Mehr zum Thema

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.