Wiedersehen nach 30 Jahren

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Handballer durch und durch: Edin Gogalija.

Edin Gogalija reist zum Veteranen-World-Cup nach Kroatien, um Handball mit seinem ehemaligen Jugendteam zu spielen - nach fast 30 Jahren.

Hann. Münden. Eigentlich wollte er in seinem Leben nur das tun, was er liebt, nämlich Handball spielen. Doch die Jugoslawienkriege Anfang der 1990er Jahre veränderten für ihn alles.

In Sarajevo geboren und aufgewachsen, kam Edin Gogalija früh mit den Handballsport in Berührung. „Ich wohnte direkt neben einer Sporthalle, die für die Olympischen Winterspiele 1984 gebaut worden war. Wir durften als Kinder dort Fußball und Handball spielen“, erinnert sich Edin. Er hatte Talent und spielte als Jugendlicher im Handballclub RK Bosna Sarajevo, reiste mit dem Team durch ganz Europa, übernachtete in Nobel-Hotels. Edin schaffte den Sprung in die 2. Jugoslawische Liga. Dann begann der Konflikt auf dem Balkan und nichts war mehr wie vorher. Bomben fielen und Menschen starben, darunter Edins Vater. Auch sein Bruder wurde mehrmals schwer verletzt. Edin, der wegen der lebensfeindlichen Zustände schließlich in die 1. Slowenische Liga wechselte, fasste einen folgenschweren Entschluss. Mit einem Kumpel reiste der junge Mann nach Deutschland, um seine Tante in Dortmund zu besuchen. Der Spontantrip, wurde zum Daueraufenthalt. Das Talent landete über Umwege in Hann. Münden, heuerte bei Handballvereinen an und spielte schließlich für die TG Münden, war dort als Spielmacher mehrere Jahre in der dritten Liga aktiv. Torwart und Landsmann Aziz Hodzic half ihm, sich an neuer Wirkungsstätte zurecht zu finden.

Sprachbarriere und Verletzungen

„Die Zeit damals war nicht einfach für mich. Ich beherrschte die deutsche Sprache nicht und meine Gedanken kreisten immer um meine Familie in Sarajevo, wo der Krieg tobte. Dennoch musste ich mich immer wieder für Höchstleistungen motivieren“, so der 46-Jährige heute. In der Zeit nahm er alles mit, was ein Handballer-Leben auf dem Niveau zu bieten hat: Erfolge und Freundschaften, aber auch lange Fahrten zu den Auswärtsspielen, Verletzungen, Krankenhausaufenthalte, Rehas. Allein am Knie wurde Edin sechsmal operiert. Seine Schulter ließ er sich vor Spielen regelmäßig fitspritzen. Privat läuft es besser: 1996 heiratet Edin eine Mündenerin. Das Paar, das heute in Volkmarshausen wohnt, zieht drei Kinder groß.

Wiedersehen mit den alten Kumpels nach fast 30 Jahren

Einen Teil von seinen alten Mannschaftskollegen wird Edin Ende April beim Handball World Cup in Kroatien wiedersehen: Sein Jugendteam des RK Bosna Sarajevo von 1989. Edin ist in der vorderen Reihe links zu sehen.

Obwohl der gebürtige Jugoslawe sich mit der Zeit aus dem aktiven Sport zurückzog, ist die Leidenschaft geblieben. Mit seiner Frau schaut er sich gerne die Bundesligapartien der MT Melsungen an. Auch an manchem Freizeitturnier kann Edin noch teilnehmen. Ein ganz besonderes steht Ende April in der Nähe von Split an. An der Adria wird vom 28. April bis 1. Mai ein internationales Turnier für Handball-Veteranen, männlich wie weiblich, ausgetragen – der „Handball Masters World Cup“. Edin wird nach mehreren Jahrzehnten seine damaligen Mitspieler wiedersehen, das Team seines ersten Vereins, den RK Bosna Sarajevo, das der Krieg auseinander riss. „Ich habe noch ein Foto von 1989 als wir in der Endrunde um die Jugoslawische Jugendmeisterschaft spielten. Das ist fast 30 Jahre her. Die meisten meiner Teamkollegen von damals würde ich heute bestimmt nicht mehr wiedererkennen. Trotzdem freue ich mich wahnsinnig darauf, alle nach all den Jahren wiederzusehen, darunter meinen mitlerweile 75-jährigen Trainer. Da wir uns ja nicht wie andere Mannschaften auf den Wettbewerb vorbereiten konnten, steht für uns das Wiedersehen und der Spaß an erster Stelle“, erklärt Edin. Sein Team, bestehend aus 25 Spielern, startet in den Altersklassen Ü37 und Ü50. Titelverteidiger bei den Veteranen ist eine Mannschaft aus der Ukraine.

Respekt vor solchen Gegnern hat Edin nicht: „Ich habe jahrelang auf hohem Niveau gespielt. Angst und Respekt sind im Handball kein guter Ratgeber. Wenn du solche Gedanken hast, hast du im Handball nichts verloren.“ Ihn fasziniert damals wie heute die Vielseitigkeit am Handball: „Du findest alles in dieser Sportart, Schnelligkeit, Athletik und Kampf. Das ist manchmal sehr brutal, aber auch immer unheimlich spannend und familiär. Dieser Sport schweißt zusammen und die meisten ehemaligen Weggefährten wirst du später immer wieder kontaktieren können“, so Edin weiter. Das sei auch der Grund, warum die Anmeldung seines ehemaligen Jugendteams zum World Cup in Kroatien so unkompliziert verlief. Wenn man rufe, seien die meisten sofort zur Stelle. Es seien Freundschaften, die ein Leben lang Bestand hätten. „Egal, ob man serbischer, kroatischer oder bosnischer Abstammung ist“, sagt Edin mit einem Funkeln in den Augen. Der Sport kenne von Menschenhand gemachte Grenzen nicht.

Manchmal ist es eben nicht wichtig, welcher Nationalität man angehört, sondern was man in seinem Herzen fühlt.

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