Der Jahrhundertwinter vor 40 Jahren hielt auch Hann. Münden in Atem

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An der Zufahrtsstraße zum Tanzwerder-Parkplatz türmten sich die Schneehaufen, die aus der Altstadt hierhin geschafft und am Fuldaufer aufgereiht wurden.

Ende 1978 und Anfang 1979 herrschte in der Region eisige Kälte und es gab massenhaft Schnee

Deutschland/Hann. Münden. Heute vor 40 Jahren befand sich Norddeutschland im festen Griff eines eisigen Winters. Erst im Januar, dann im Februar und nochmal einen Monat darauf hatten die Menschen mit solchen Schneemassen zu kämpfen, wie sie seit dem Krieg nur sehr selten aufgetreten waren. Nachdem über Weihnachten 1978 noch Tauwetter herrschte, trafen Ende Dezember milde Luft aus Skandinavien auf kalte Luft aus dem Rheinland über der Ostsee zusammen und lösten einen extremen Kälteeinbruch aus. Die Temperaturen fielen innerhalb weniger Stunden auf -20 Grad und weniger. Von Schleswig-Holstein aus zog ein mehrtägiger Schneesturm gen Süden. Die Ostsee gefror, es kam teilwiese zu meterhohen Schneeverwehungen, besonders im Norden Deutschlands. Straßen wurden unpassierbar, Züge fielen aus, viele Dörfer, vor allem im nördlichsten Bunsdesland, wurden von der Außenwelt abgeschnitten. Rund 20 Menschen ließen bei dieser Schneekatastrophe ihr Leben.

An der Zufahrtsstraße zum Tanzwerder-Parkplatz türmten sich die Schneehaufen, die aus der Altstadt hierhin geschafft und am Fuldaufer aufgereiht wurden.

In der Region blieb die Katastrophe zwar aus, dafür gab es Schnee satt, bis zu einem halben Meter hoch: „Um die Straßen freizuräumen, packten ortsansässige Unternehmen mit an. Einen Bauhof gab es damals nämlich noch nicht. Der Schnee wurde mit Lastwagen an die Zufahrtsstraße zum Tanzwerderparkplatz ans Fuldaufer gefahren und dort hingekippt“, erinnert sich Norbert Burkhardt, der einige Aufnahmen von der außergewöhnlichen Situation machte. Für den Straßenverkehr hatte sich der Fotograf mit Reifen gewappnet, die Spikes trugen. „Damals war das noch zulässig“, so Burkhardt, der damit jedoch einen Zusammenstoß nicht vermeiden konnte: „Auf der heutigen Kreuzung Wallstraße/Lange Straße rutschte mir jemand auf das Heck meines Opel Commodore.“ Bezeichnend für die damalige Situation, denn auf den Straßen gab es durch den glatten Untergrund vielerorts wahre Rutschpartien.

Er ist der Meinung, dass die Regierung die Lage von Anfang an völlig unterschätzt hatte und zunächst belächelte. Mit bösen Folgen für die Menschen im Norden des Landes, die es unvorbereitet am schwersten traf.

Extreme Situation im Norden

Die Auswirkungen in Schleswig-Holstein waren immens: Strom- und Telefonnetze brachen zusammen, da sie von dicken Eisschichten überzogen wurden. Viele Masten konnten die Last nicht mehr tragen und knickten ein. Die Bundeswehr wurde eingesetzt, weil Gemeinden der Schneemassen nicht mehr Herr wurden. Tausende Helfer waren im Einsatz, um Straßen und Bahnstrecken freizuräumen Eine Kooperation zwischen Kommunen, Bundeswehr und Hilfsorganisationen in diesem Ausmaß wurde allerdings nie geprobt, sodass man die Lage nur langsam in den Griff bekam. Soldaten errichteten Funkverbindungen, um eine Kommunkation in dem Chaos zu schaffen und ersetzten mit ihren geländegängigen Fahrzeugen auch den Rettungsdienst, der auf den zugeschneiten Straßen zum Erliegen gekommen war. Die norddeutschen Häfen klagten über Eisschollen und Hochwasser, die den Schiffsverkehr zum Erliegen brachten. Insgesamt entstand ein wirtschaftlicher Schaden von etwa 70 Mio. Euro. Im Februar rollte dann eine zweite Winterwelle an, die vor allem Niedersachsen traf. Starke Schneefälle waren die Folge – da waren die Niederschläge aus dem Vormonat noch nicht abgetaut. Auch hier tobte der Sturm, der Katastrophenalarm auslöste, mehrere Tage und forderte Todesopfer. Heftiges Schneetreiben setzte dann im März noch einmal ein, was zu Tauhochwasser Anfang April führte. Der „Jahrhundertwinter1978/79“ gehört zu den zehn schwersten Wintern der Nachkriegszeit in Norddeutschland.

+++Wann wird's mal wieder richtig Winter?+++Zwischenruf von Mathias Simon+++

Im Januar 1979 lag die Lange Straße versteckt unter einer dicken Schneeschicht.

Als „Jahrgang 1978“ kann ich mich an die Schneekatastrophe zur Jahreswende natürlich nicht mehr erinnern. Doch von meiner Familie überliefert sind die Schwierigkeiten, die es zu meiner Taufe gab. Im November geboren, sollte die nämlich Ende Januar erfolgen und die Verwandten aus dem Rheinland rückten an. Die eisigen Temperaturen machten Mensch und Maschine zu schaffen, sodass mein Onkel in der Nacht den Dieselmotor seines Wagens alle drei Stunden anwarf und einmal um den Block fuhr, aus Angst, er könne am nächsten Tag eingefroren sein und nicht mehr anspringen. Nur eine der Geschichten, an die sich viele ältere Menschen heute noch erinnern – 40 Jahre nach diesem Jahrhundertwinter. Heute wünschen sich die Wenigsten in unserer Region Schnee herbei. Auch in gesundem Maß sorgt der weiße Niederschlag für einige Aufregung, denn Vorsicht ist dann im Straßenverkehr geboten und auf die Schneeräumpflicht können Hausbesitzer ebenfalls getrost verzichten. Trotzdem bietet der Winter einmalige Freizeitmöglichkeiten, wie etwa auf den Ski-Pisten, sorgt für angemessenes Frühjahrsflair und dezimiert Ungeziefer in gefrorenen Böden, wenn er denn mal für längere Zeit liegen bleibt. Ein richtiger Winter – keine Schneekatastrophe wie 1978/79 – sollte schon irgendwie zu unserem Leben dazu gehören. Ab Donnerstag könnte das wieder der Fall sein. Dann soll der Schnee, der bislang in Süddeutschland reichlich fiel, auch wieder zu uns kommen. Dann wird’s, vielleicht, mal wieder richtig Winter.

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