Zukunft ohne Zivis

Von ANDREAS BERNHARDHann. Münden. Sie helfen körperbehinderten Menschen im Alltag, unterhalten sich mit betagten Senioren im Altersheim und helfen b

Von ANDREAS BERNHARD

Hann. Münden. Sie helfen körperbehinderten Menschen im Alltag, unterhalten sich mit betagten Senioren im Altersheim und helfen bei deren Pflege oder sind mit dabei, wenn es gilt für Jugendliche eine Ferienfreizeit zu organisieren. Die Rede ist von den derzeit rund 57.000 Zivildienstleistenden in ganz Deutschland, von denen 257 derzeit ihren Dienst im Landkreis Göttingen ableisten.

Anfangs noch oft als "Drückeberger" beschimpft, sind die "Zivis" längst zu einer Stütze geworden – und zwar nicht nur für Senioren oder Behinderte, sondern für das gesamte Sozialsystem. Doch bald ist damit Schluss, denn mit der beschlossenen Aussetzung der Wehrpflicht entfällt auch der Wehrersatzdienst.

Abschied fällt schwer

Der Abschied von ihnen fällt auch in Hann. Münden schwer. "Das ist für uns ein ganz schöner Einschnitt", betont etwa Elke Steden vom Stadtjugendring, wo die Zivis unter anderem den Mittagstisch für Schüler betreuen. Wolfgang Schäfer, Qualitätsbeauftragter im Evangelischen Vereinskrankenhaus (VKH), pflichtet ihr bei: "Die jungen Männer sind extrem wichtig in der sozialen Betreuung unserer Patienten." Zwar übernehmen sie keine pflegerischen Aufgaben, die bleiben den ausgebildeten Fachkräften vorbehalten, aber sie entlasten das Personal. "Wenn einer unserer Zivis einem Patienten das Essen reicht", so Schäfer, "haben unsere Krankenschwestern wieder mehr Zeit, in der sie sonst gebunden wären."

Vermeintlich kleine Dinge

Dass die Zivis in vielen Bereichen eine Lücke hinterlassen werden, darüber ist man sich auch beim Bundesamt für den Zivildienst in Köln im Klaren. Sprecherin Antje Mäder betont: "Auf die Grundversorgung wird sich der Wegfall des Zivildienstes nicht auswirken. Was aber fehlen wird, ist die Unterstützung, gerade im menschlichen Miteinander."

Was das bedeutet, kann Hartmut Möbius beurteilen. Er ist Beauftragter für den Zivildienst im Senioren Centrum am Königshof. "Es sind doch gerade die vermeintlich kleinen Dinge, die die Zivis für uns so wichtig machen", sagt er, und nennt als Beispiele das gelegentliche Gespräch oder Schachspiel mit einem der Altenheimbewohner oder auch die Begleitung zum Arzttermin. Und noch ein anderer Aspekt bedrückt viele soziale Einrichtungen. Der Zivildienst war nicht selten das Sprungbrett in die sozialen Berufe. "Nicht wenige unserer Zivis sind später Krankenpfleger geworden

oder haben sich entschlossen Arzt zu werden", bestätigt Wolfgang Schäfer vom VKH, der im Zivildienst auch eine wichtige Orientierungsphase für junge Menschen sieht.

Auf andere Schultern verteilen

Ob der Verlust des Zivildienstes durch junge Menschen im Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) oder durch den geplanten Bundesfreiwilligendienst (BFD) ausgeglichen werden kann, darüber herrscht große Unsicherheit. "Wir wissen noch gar nicht wie das Ganze funktionieren soll und gehen bisher davon aus, dass wir nicht alles kompensieren können", sagt Hartmut Möbius. Und auch Nils Borcherding vom Mündener Arbeiter Samariter Bund (ASB) sieht derzeit "alles in der Schwebe". Er vermutet, dass sich viele junge Männer zwischen Schule und Berufsausbildung demnächst lieber einen Job suchen, anstatt einen Dienst an der Gesellschaft zu leisten. Sein Problem: Viele bestehende Angebote, wie etwa der Hausnotruf, müssen trotzdem nahtlos weiter laufen. Was wird passieren, wenn die Zivis weg sind? Elke Steden macht sich da keine Illusionen: "Wir werden deren Aufgaben zunächst auf andere Schultern verteilen müssen."

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