Atemlos durch die Nacht:KA-Volontär bei der Nachtwanderung extrem

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24 Kilometer, von 20.30 Uhr abends bis 6 Uhr morgens. KA-Volontär Pelle Faust nahm am "Wanderspaß für Nachtaktive" des Rotkäppchenlandes teil.

Neuenstein/Homberg. "Die meisten wissen, worauf sie sich einlassen", sagt der Hauptwanderwart des Knüllgebirgsvereins, Matthias Hucke, während ich einträchtig neben ihm herstapfe. Um uns herum ist es stockdunkel und fast komplett still. Lärm verursachen nur die 33 übrigen Teilnehmer der Nachtwanderung. 24 Kilometer, von 20.30 Uhr abends bis 6 Uhr morgens. Von Schloss Neuenstein bis zur Hohenburg in Homberg Efze. Worauf genau ich mich eingelassen habe, weiß ich nicht. Heute Nacht ­suche ich die Herausforderung. Ein Kampf ­gegen mich selbst.

Drei Stunden zuvor

Schritt 1, 21.51 Uhr: Nachdem wir unsere Kohlenhydrat-Speicher auf Schloss Neuenstein mit Gegrilltem aufgefüllt haben, beginnt die Wanderung. Ich bin motiviert und ­gespannt. Ganz vorne läuft ­Matthias, der Gruppenleiter, ganz hinten Gerhard. Er ist ­Vorsitzender des Knüllwandervereins und soll darauf achten, dass niemand verloren geht.

Schritt 2.329, 22.16 Uhr: Unsere erste Rast. Wir haben einen guten Ausblick auf Schloss Neuenstein. Über uns funkeln die ersten Sterne. Es sieht nach einer wolkenlosen Nacht aus. Wie kleine Elfen begleiten uns viele Glühwürmchen auf unserem Weg durch den Wald. Eine Taschenlampe hat zwar jeder dabei, doch keiner macht sie an. Der Mond strahlt hell und wirft Schatten.

Erst wer dreimal hingefallen ist, darf seine Lampe anmachen, scherzt eine Teilnehmerin. Die Stimmung ist gut, seichte Gespräche plätschern zwischen den Teilnehmern hin und her. Ich schweige lieber und konzentriere mich darauf, nicht auszurutschen.

Schritt 7.167, 23.07 Uhr: Pause am Predigerstuhl, einer ­Erhöhung oberhalb von Wallenstein. Die ­einen trinken Wasser oder Tee, die anderen packen feinen ­Perlwein aus. Kurze Zeit ­später, schon wieder voll am Marschieren, macht sich mein Oberschenkel erstmals bemerkbar. Wir lassen den Wald hinter uns und steigen hinab zur Burg Wallenstein.Schritt 10.848, Punkt 0 Uhr:  Nach 8,42 ­gewanderten Kilometern erreichen wir den Campingplatz Wallenstein, der direkt unterhalb von Burg Wallenstein liegt. Am Strandbad werden wir mit einem fruchtigen Cocktail begrüßt. Dazu der unmittelbare Blick auf die Ruine und die größten Hits von ­Supertramp aus den Musik-boxen – alles sehr stimmig.

Ob es noch einen freien Schlafsack im Zelt nebenan gibt? Ich würde nicht nein ­sagen. Nach einer halben Stunde geht’s weiter.

Schritt 21.264, 2.15 Uhr: Wir erreichen den Wildpark Knüll nach über vier Stunden Wanderung und werden vom Parkleiter Dr. Wolfgang Fröhlich begrüßt.

Wir sind eine von 250 Gruppen, die pro Jahr durch den Park geführt werden. Insgesamt besuchen bis zu 75.000 Menschen den Knüllpark jährlich – die wenigsten davon mitten in der Nacht.Auf dem Programm steht jetzt die Wolfsfütterung. Wir Wanderer sind hautnah mit dabei, als Sarah Engelbrecht vom Tierpark große Brocken Rindfleisch an die sechs Tiere verteilt. Bis wir wieder etwas zu essen bekommen, wird es noch dauern."Wie geht es dir, Pelle?", will Matthias beim Weiterlaufen wissen. Ganz okay eigentlich. Die Müdgkeit ist kein Problem, das T-Shirt klebt mir am Rücken, der Oberschenkel ziept, doch die Füße machen gut mit.

Schritt 26.489, 3.58 Uhr: Ich sehne den neuen Tag mit ­jedem Schritt mehr herbei. Wir wandern durch ­Nebelfelder, umgeben von ­diffusem Licht, halb hell, halb dunkel. Der Morgentau hat meine Turnschuhe durchnässt.

Im Stechschritt geht es weiter.Auch wenn ich alle zehn Meter in den Himmel stiere, lässt die Sonne auf sich warten. Ganz plötzlich ist es dann doch hell. Unbemerkt, doch eisig kalt ist der Sonntagmorgen angebrochen.

Schritt 28.458, 4.37 Uhr: Die  Vögel fangen wieder an zu zwitschern. Es kommt mir vor, als wollen Sie uns anspornen, noch schneller zu laufen. Ich richte den Blick nach unten und hefte mich an die Fersen meines Vordermannes. Es ist wie eine Hyp-nose, ich setze ­einen Fuß vor den nächsten.   Ankommen ist das Ziel, Aufgeben keine ­Alternative.

Schritt 29.016, 4.48 Uhr: Ohne Vorwarnung brechen wir aus dem Unterholz hervor. Wir ­haben einen unglaublichen Ausblick auf Homberg. Der Himmel färbt sich bereits rosa. In Sichtweite, aber trotzdem noch in ziemlicher Entfernung entdecken wir erstmals die Hohenburg – das Ziel unserer Reise. Eine gelöste Stimmung macht sich breit, das ­Ende ist absehbar. Matthias verfolgt seinen genauen Zeitplan, wir schlagen uns durch eine hüfthohe Wiese. Dann erreichen wir die Ausläufer Hombergs. Die Zivilisation hat uns wieder.

Schritt 30.899, 5.06 Uhr: Brutal ist die letzte Hürde: Noch einmal 204 Stufen bis zur Hohenburg hinauf. Wir marschieren wieder im Gänsemarsch. Doch oben angekommen werden wir mit einem Bilderbuch-Sonnenaufgang und einem herzhaften Frühstück belohnt.

Unmittelbar, nachdem ich den letzten Bissen geschluckt ­habe, ­ergreift mich eine unfassbare Müdigkeit, die ich so noch nie erlebt habe. Mir ist heiß und ich will nur noch schlafen. Ich beginne mit dem Abstieg und trotte emotionslos durch die Homberger Altstadt.

Schritt 32.756 und 32.757, 6.13 Uhr: Ich erreiche das Auto mit wackeligen Beinen. Geschafft!

+++ EXTRA INFO +++

Wegen der großen Nachfrage fand die Wanderung in diesem Jahr zweimal statt, berichtet Heidrun Englisch vom Tourismusservice Rotkäppchenland. Die Termine für das nächste Jahr stehen schon fest: Am 18. und 25. Juni wird die Nacht wieder zum Tag gemacht. Wie Wanderwart Matthias berichtet, soll die Strecke allerdings ein wenig kürzer ausfallen.

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