Bebras Bürgermeister zum Landarzt-Mangel: Das wird noch ein Problem

Bürgermeister Uwe Hassl zeigt: Wenn man in Zukunft keine Landärzte mehr gibt, die man ­erreichen kann, dann muss man sich wohl selbst behandeln?! Foto: Fröhnert

Bürgermeister Uwe Hassl im Interview zum Landarzt-Mangel: „Land und Bund dürfen uns nicht im Regen stehen lassen”

Bebra.  Der KA sprach mit Bürgermeister Uwe Hassl zur Problemlage der hausärzt­lichen Versorgung auf dem Land.

Sehen Sie ein Problem bei der hausärztlichen Versorgung in den nächsten Jahren auf die ­Kommunen des Landkreises zukommen? Das Problem ­einer Unterversorgung mit Hausärzten wird in der Tat in den nächsten ­Jahren ein Problem werden. In Bebra haben schon einige Mediziner aufgehört und es gibt weitere Praxen, die in den nächsten Jahren aus Altersgründen aufhören werden. Nachfolger sind nicht in Sicht. Auf dem Lande sieht es damit schlechter als in der Kreisstadt aus. In den größeren Städten scheint das Problem noch nicht angekommen zu sein.

Worauf ist eine fehlende Nachfolge ihrer Meinung nach zurückzuführen? Ich glaube, dass der Arztberuf heute nicht mehr viel mit Berufung zu tun und der Beruf des Allgemeinmediziners an Attraktivität verloren hat. Die jungen Mediziner streben im Regelfall ihre Facharztaus­bildung an und sind damit über Jahre erstmal an Universitätsstandorten gebunden. Sie kommen so gar nicht auf die Idee, sich als Allgemeinmediziner in der Provinz niederzulassen.

Ich verstehe die Jungmediziner aber auch. Es lässt sich in der Großstadt sehr gut nach einem langen Studium leben und konsu­­mieren und der Anspruch an den Beruf, qualitativ und ­wissen­schaftlich zu arbeiten, ­existiert ja auch noch. Der Beruf eines Landarztes mit seinem stetigen Verfügbarkeitsanspruch bei der Bevölkerung ist uninteressant ge­worden. Über die Verdienstmöglichkeit will ich mich erst gar nicht auslassen. Die Kosten für die Erstehung einer Praxis sind immens und schrecken wohl viele Jung­ärzte ab.

Ist da nicht die Politik gefragt, gegenzusteuern? Wenn sie damit auf die ­Kommunal­politik anspielen muss ich abwinken. Dafür sind wir nicht zuständig. Das ist Aufgabe einer Landes- oder noch besser der Bundesregierung, wie ich meine, längst überfällige Veränderungen herbeizuführen. Die dürfen uns hier nicht im Regen stehen lassen. Aber in erster Linie ist es Auftrag der Kassenärztlichen Vereinigung, die ärztliche Versorgung sicherzustellen. Die haben nämlich die Hoheit bei der Ärztezulassung.

Was läuft also konkret schief? Vor etwa einem Jahr ging es durch die Presse, dass die ­Kassenärztliche Vereinigung einen Bus chartert, um einen Arzt über Land zu kutschieren, der die Patienten ver­sorgen soll. Das ist doch kein Stil, wie ich meine.

Die Kassenärztliche Ver­einigung sollte Praxiseröffnungen fördern. Ich weiß davon, dass dies mit bis zu 66.000 Euro bei Neuzulassung und mit bis zu 13.200 Euro bei einer Filialisierungen gefördert wird. Das muss auch kolportiert werden, und zwar bereits an den Universitäten. Stipendien an Studenten wären auch eine Lösung, aber das ist nicht die Aufgabe einer kleinen Kommune.

Fordert man denn von den Kommunen ein Engagement? Ja, es werden Stimmen laut, dass man die Kommunen im Mark ihrer Daseinsvorsorge treffen möchte. Wir Bürgermeister und die ehrenamt­lichen Politiker sollen ein schlechtes Gewissen bekommen, um Geld in diesen Markt zu pumpen. Wir sollen für ­alles und jede Entwicklung neuerdings verantwortlich gemacht und gemolken werden.

Das kann nicht sein, denn wir Kommunen dürfen europarechtlich keine Bei­hilfefunktionen übernehmen, da ansonsten auch Apotheker, Anwälte und Steuer­berater, die ja auch Freiberufler sind, ihre Ansprüche nach Beihilfe formulieren könnten. Das geht so nicht, wie sich das mancher leichterdings vorstellt.

Was sollte sich also ändern? Ich denke da pragmatisch. Wenn es für Jungmediziner uninteressant ist auf das Land zu gehen, sollten die ­Zu­lassungsbeschränkungen durch die Kassenärztlichen Vereinigungen aufgehoben werden. Es kann nicht sein, dass Jungmediziner an der Frage ­scheitern, mit Krankenkassen abrechnen zu dürfen oder nicht.

Als Berufseinsteiger lasse ich bei so hohen Hürden dann doch gleich die Finger davon. Anderseits sollte das Hausarztmodell womöglich aufgegeben werden, wenn es keine Nachfolger auf dem Land gibt. Ein oder zwei angestellte Ärzte in der Ambulanz der nächsten Klinik oder einem medizinischen Stützpunkt könnten zusätzlich zu den noch verbliebenen Ärzten die Grundversorgung der Bevölkerung übernehmen und ergänzen.

Da müsste aber der Gesetzgeber reagieren, denn der hält derzeit die Zügel in der Hand. Oder aber man überschwemmt den Markt mit neuen Studienplätzen für ­Mediziner, so dass ein Überhang an Ärzten entsteht, der wiederum Jungmediziner in die Provinz spülen könnte. Aber das will und kann wohl auch niemand bezahlen.

Was können Kommunen also veranlassen? Wir können den Finger in die Wunde legen und rechtzeitig mahnen, Veränderungen herbeizuführen. Einige Kommunen und ­engagierte Betriebe, Institutionen und Bürger sind im Verein ProRegion Mittleres Fuldatal organisiert. Kürzlich haben wir das Fachforum „Gesundheit“ um die Problematik der Sicherung der hausärztlichen Versorgungsstrukturen erweitert. Ich ­hoffe, dass von dort einige Impulse ausgehen werden.

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