Corona-Krise: Victoria Rieger berichtet aus Südkorea

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Victoria Rieger aus Bebra hält sich in der aktuellen Corona-Krise in Südkorea auf.

Die gebürtige Waldhessin erzählt im KA-Interview, wie Südkorea mit der Krise umgeht. 

Waldhessen/Seoul. Von der kleinen Stadt in die große weite Welt: Die gebürtige Bebranerin Victoria Rieger hat die waldhessische Provinz längst verlassen. Sie studiert seit drei Jahren an der Robert Gordon University in Aberdeen, Schottland. Um ein neues Abenteuer zu erleben, studiert die 23-Jährige nun für ein Semester an der Hanyang University in Südkoreas Millionenstadt Seoul. Der KA sprach mit ihr über die aktuelle Corona-Krise und den kontinentübergreifenden Umgang mit der Pandemie.

Welchen Unterschied im Umgang mit der Corona-Krise gibt es zwischen Deutschland und Südkorea? Deutschland hat zu spät reagiert, Europa war generell spät dabei, zu handeln. In Südkorea wurden direkt Maßnahmen eingeleitet und auch der Umgang untereinander ist hier viel friedlicher. Hamsterkäufe und streitende Kunden gibt es hier nicht. In Südkorea gibt es an öffentlichen Orten auch viel mehr Hygieneartikel, die für Jedermann frei zugänglich sind. Der Umgang mit der Corona-Krise ist hier einfach anders. Es wird viel für die Sicherheit getan, ohne dass die Leute in ihre Wohnungen gesperrt werden. Auch die sogenannten Corona-Tests sind zugänglicher, hier wird sofort gehandelt, wenn es nur den leisesten Verdacht einer Infektion gibt.

Welche Maßnahmen wurden bisher eingeleitet, um die Menschen zu schützen?
Ich als Auslandsstudentin musste beispielsweise zwei Wochen vor Semesterbeginn anreisen. Nicht, um dann zwei Wochen isoliert zu leben, sondern um mögliche Symptome abzuwarten. Es gibt hier keine Ausgangssperre, jeder darf sich nach Möglichkeit frei bewegen. Man muss dazu sagen, dass die Infektionsrate in Seoul auch nie so hoch war, wie in Daegu. Dort gab es die meisten Infektionen überhaupt in Südkorea. Beim Betreten einiger Bars ist es auch so, dass man ein Fieberthermometer an den Hals gehalten bekommt. So wird sichergestellt, dass man keines der Corona-Symptome aufweist.

Stellen die Hamsterkäufe ein ähnliches Problem dar, wie in Deutschland?
In Südkorea wird im Vergleich zu Deutschland nicht gehamstert, also wirklich gar nicht. Die einzige Einschränkung ist, dass in vereinzelten Läden nur noch drei Schutzmasken pro Kunde verkauft werden dürfen.

Wie sicher fühlst du dich in der Millionenstadt Seoul?
ch fühle mich in Südkorea sicherer, als ich es aktuell in Europa tun würde. Seoul ist generell eine saubere Stadt und durch den Virus werden jetzt sogar noch mehr Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Öffentliche Orte werden regelmäßig desinfiziert und die Stadt wird sauber gehalten. Außerdem bekommt jeder, der eine koreanische Rufnummer hat, regelmäßig Push-Benachrichtigungen mit Sicherheitshinweisen auf sein Handy. Eine gute Lösung, um auf dem Laufenden zu bleiben und sich sicherer zu fühlen. Wir lassen den Virus nicht unser Leben bestimmen, trotzdem hat jeder sein Leben auf eine gewisse Weise auch an die Krise angepasst.

Wie schützt du dich selbst vor dem Virus – hast du Kontakt zu Freunden und Kommilitonen?
Es gibt keine Ausgangssperre, wir dürfen uns frei bewegen. Ich versuche daher, genau wie alle anderen auch, Abstand zu meinen Mitmenschen zu halten und wasche und desinfiziere regelmäßig meine Hände. Ich gehe auch mit meinen Freunden und Kommilitonen raus, allerdings mit viel Vorsicht. Eine Maske trage ich auch, aber das müsste ich sowieso, allein schon wegen dem Smog in der Luft.

Wie sieht dein Alltag aus?
Mein Alltag sieht aktuell noch so aus, dass ich von zu Hause aus studiere. „Online-Uni“ sozusagen. Die Universität ist zwar nicht ganz geschlossen, aber es wird zurzeit auch nicht unterrichtet. Es gibt für drei Wochen Online-Klassen, um zu lernen. Ansonsten treffe ich neue Leute, besichtige viele Sehenswürdigkeiten und genieße das Leben in Seoul. Eingeschränkt ist man insofern, dass große Bars und Discotheken geschlossen sind.

Kann Deutschland von Südkorea lernen?
Deutschland kann eine Menge lernen. Vor allem Respekt voreinander und vor den Anweisungen der Regierung. Man wird zum Beispiel aus Respekt darum gebeten, eine Schutzmaske zu tragen. Aber auch vor der Corona-Krise wurde schon bei einer Erkältung eine Maske getragen. Das ist eine Höflichkeitsform hier in Südkorea.

Siehst du Südkorea im Kampf gegen das Virus als Vorbild?
Ja, einfach aus dem Grund, weil hier ganz schnell und aktiv gehandelt wurde. Europa hat im Vergleich zu Asien zu lange geschlafen und zu spät gehandelt. Dadurch, dass Europa bisher vor größeren Krisen verschont geblieben ist, hat man sich jetzt zu sicher gefühlt. Südkorea hat vorbildlich gehandelt und wird ja aktuell auch in anderen Ländern als Vorbild angesehen. Das Krisenmanagement ist hier einfach anders, es werden viele Hygienemaßnahmen angeboten, sodass sich die Leute sicherer fühlen können.

Was macht Südkorea für dich aus?
Das Land ist interessant und hat viel zu bieten. Es war schon immer ein großer Traum von mir, nach Asien zu reisen. Nun habe ich die Chance, den Alltag in Südkorea zu erleben und die Kultur kennenzulernen. Auch das Thema Bildung hat hier einen anderen Stellenwert – der Anspruch der Schulen und Universitäten ist hier sehr hoch. Trotzdem freue ich mich auf das Abenteuer und die Erfahrung in einem für mich neuen Land.

Welche Botschaft hast du an die Deutschen? Mein Leitsatz ist, auch aus den schlimmen Ereignissen etwas Positives zu ziehen. Bleibt solidarisch und versucht, den Verstand nicht zu verlieren. Es wird besser werden, früher oder später. Hoffentlich früher als später, aber es wird besser werden. Wir müssen gemeinsam daran glauben.

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