Die große, klanglose Leere

Im Saal des Martin-Luther-Hauses an der Stadtkirche proben normalerweise einmal wöchentlich die Hersfelder Kantorei und die Kinderchöre mit Stadtkirchenkantor Sebastian Bethge kleines Foto). Doch seit Beginn der Coronapandemie ist das nicht mehr möglich.
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Im Saal des Martin-Luther-Hauses an der Stadtkirche proben normalerweise einmal wöchentlich die Hersfelder Kantorei und die Kinderchöre mit Stadtkirchenkantor Sebastian Bethge kleines Foto). Doch seit Beginn der Coronapandemie ist das nicht mehr möglich.

Stadtkirchenkantor Sebastian Bethge spricht über mehr als ein Jahr ohne Chormusik, seine Arbeit und Pläne für die Zukunft.

Bad Hersfeld. Eigentlich hatten Bezirks- und Stadtkirchenkantor Sebastian Bethge vor Beginn der Corona-Pandemie große Pläne. Im „Beethovenjahr 2020“ sollten dessen „Neunte Sinfonie“ und die „Missa solemnis“ aufgeführt werden. Mit der Hersfelder Kantorei wurde bereits dafür geprobt, als die Pandemie alle Pläne zunichte machte. Der KREISANZEIGER sprach mit Bethge über die Situation der Kantorei, des gemeinsamen Singens und was ein Kantor ohne Chöre zu tun hat.

KREISANZEIGER: Seit wann liegt die Chorarbeit „auf Eis“?

SEBASTIAN BETHGE: In gewohnter Form seit dem ersten Lockdown vor einem Jahr, dazwischen gab es ein paar Wochen mit Singen in Kleingruppen im Freien und in etwas größeren Gruppen in der ganzen Stadtkirche verteilt. Seit Herbst letzten Jahres ruht alles.

KA: Wie viele Chormitglieder sind bei der Hersfelder Kantorei von der „Zwangspause“ betroffen?

BETHGE: Vor dem ersten Lockdown hatte die Kantorei durch das Projekt „Beethoven 9“ knapp 100 Mitglieder, hinzukommen für mich als Chorleiter noch circa 40 Kinder der Singschule und noch der Chor Cantarhina

KA: Können Sie abschätzen, wann wieder mit der Chorarbeit begonnen werden könnte?

BETHGE: Leider nein, die Lage verändert sich zu rasch und es kommt dann doch wieder anders als gedacht und gehofft. Meine Hoffnungen liegen auf einer zunehmend rascheren Durchimpfung der Bevölkerung. So lange die Infektionszahlen hoch und die Krankenhäuser voll sind, besteht für reguläre Chorarbeit in voller Stärke sicher keine Chance.

KA: Inwieweit gibt es Vorgaben/Vorschriften der Evangelischen Kirche in Kurhessen-Waldeck EKKW)?

BETHGE: Ein Gremium der EKKW erlässt Regeln nach Beratungen mit Experten und Ämtern, die auf den gesetzlichen Bestimmungen des Staates aufbauen und mir so die Spielräume abstecken, in denen ich mich rechtlich sicher und nach bestem Wissen und Gewissen bewegen kann.

KA: Falls irgendwann eine Erlaubnis möglich ist: Könnten Sie sich vorstellen, dass die Arbeit zuerst in kleineren Gruppen/Ensembles stattfinden könnte?

BETHGE: Damit haben wir schon im letzten Jahr ein paar Erfahrungen sammeln dürfen. Ich denke, alle brennen darauf diese zu vertiefen. Jeder gemeinschaftlich gesungene Ton, den Corona uns ermöglicht, wollen und werden wir singen!

KA: Gibt es in Ihrem Chor Möglichkeiten, Literatur alleine bzw. online zu erarbeiten und nutzen Sie diese Möglichkeit?

BETHGE: Aus zwei Gründen nein. Zum einen möchte ich gerne hören, was Einzelne einüben, vor allem um helfend korrigieren zu können, damit sich stimmliche Probleme bei der Einstudierung nicht verfestigen. Dieser Aspekt ist mir sehr wichtig. Außerdem wird man mit diesen Angeboten im einen Teil der Chorgemeinschaft ausschließen, der den Anschluss verlieren würde. Zum anderen ist es schwer abzuschätzen, welches Repertoire es sein sollte, weil leider keine Zusammen- und Aufführungsperspektive vorhanden ist. Sollte sich kurzfristig eine Möglichkeit auftun, gemeinsam ein Projekt singen zu können, würde ich aber in kleinem Rahmen und behutsam zu diesem Mittel greifen, weil ich dann weiß, es recht bald begleiten zu können. Als kleinen Ersatz haben wir in der Kantorei Onlinetreffen eingeführt, bei denen jeweils ein Referent zu einem Thema rund um Musik und Singen einen kleinen Vortrag hält.

KA: Was macht ein Kantor, wenn er keinen Chor leiten darf?

BETHGE: Was alle Kantoren im Moment beschäftigt, ist das Planen, Umplanen und wieder Absagen von Veranstaltungen sowie viele Videokonferenzen zu allen Themen, die den beruflichen Alltag unter Coronabedingungen betreffen. Der Planungsaufwand auch für kleine Dinge, die immer mal möglich sind, ist ungleich höher als zu normalen Zeiten. Mein Orgelrepertoire ist um einige Stunden Musik angewachsen, ich habe Fortbildungen, vornehmlich im Onlineformat besucht und, um kreativ aktiv zu bleiben, einiges für unterschiedliche Besetzungen und Anlässe komponiert. Die Höhepunkte waren aber ganz sicher die verschiedenen Möglichkeiten mit und für Menschen live zu musizieren!

KA: Wie wird derzeit kirchenmusikalisch an der Stadtkirche oder als Bezirkskantor auch in anderen Gemeinden im Zuständigkeitsgebiet) gearbeitet?

BETHGE: Relativ durchgängig war es möglich, Orgel zu unterrichten. Außerdem gab es, wann immer es die Lage zuließ, Kleinstgruppen oder später Einzelunterricht für die Kinderchorkinder, die wollen. Gerade für diesen Bereich finde ich die Unterbrechungen am gravierendsten und befürchte, dass ganze Jahrgänge für das Singen verloren gehen. Viel Zeit nimmt für alle das Voraufzeichnen von Musik für Digitalformate in Anspruch. Digitalformate sind in langen der Zeiten der Pandemie leider das einzig bleibende Mittel. Als Bezirkskantor ist man in diesen Zeiten Berater und Kommunikator.

KA: Erfahrungsgemäß gehört ein Großteil der Chormitglieder zur sogenannten Risikogruppe. Werden alle Chormitglieder bei einem Neubeginn von Anfang an dabei sein können) oder würden Sie älteren Sängern empfehlen, die Proben zunächst nicht zu besuchen?

BETHGE: Weil ich davon ausgehe, dass die Chorarbeit erst wieder beginnen kann, wenn die Durchimpfung weit fortgeschritten ist, hoffe ich, dass diese Frage sich dann nicht mehr stellt. Wenn es bei den ersten Schritten zurück in die Chorarbeit noch Risiken gibt, muss die jeder für sich selbst bewerten. Wenn immer ich im letzten Jahren mit Menschen unter Pandemiebedingungen gesungen habe, haben wir uns strickt an alle Regeln gehalten. Weil es in diesen Zusammenhängen keinen Coronofall gegeben hat, vertraue ich darauf, dass die dann geltenden Regeln diese Sicherheit wieder schaffen.

KA: Es sind viele Konzerte ausgefallen. Müssen Sie nach Corona „bei Null“ anfangen?

BETHGE: Das wird sich zeigen. Letztendlich wird niemand das Singen verlernen, nur wird der Trainingsstand sicher nicht der von vor Corona sein. Aber dafür wird die Freude und Lust am Singen bestimmt umso größer sein, so dass ich denke, dass wir zügig wieder zusammen uns mit grandioser Musik beschäftigen können.

KA: Es gibt wohl Studien, nach denen Chorsingen „nicht so gefährlich“ sei. Sehen Sie das auch so?

BETHGE: Die Studien zu diesem Thema zu bewerten, traue ich mir mit meinem geringen Sachverstand auf diesen Gebieten nicht zu. Was mich aber sehr gestört hat, ist die Darstellung des Chorsingens über lange Strecken der Pandemie in Verordnungen und anderen Veröffentlichungen. Zum Glück gibt es nach Interventionen Signale, dass sich dies ändern soll. In gewohnter Form ist Chorsingen sicher nicht coronakompatibel. Das letzte Jahr hat aber auch gezeigt, dass es unter bestimmten Voraussetzungen und unter stark einschränkenden Rahmenbedingungen verantwortbar und möglich ist. Dann kann auch wieder die eigentliche Seite des Singens zum Tragen kommen und ins Bewusstsein rücken, nämlich die wohltuende für Körper, Geist und Empfinden.

Bleiben Sie vor allem gesund und besten Mutes, und vergessen Sie nicht, was wir schmerzlich vermissen, damit wir sobald als möglich gemeinsam das Chor- und Kulturleben wieder aufblühen lassen können.

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