Festspiele: Hippie-Träume mit "Hair"

Die Wiederaufnahme des Kult-Musicals begeistert einmal mehr die Besucher.

Bad Hersfeld. In der Stiftsruine ist einmal mehr das Zeitalter des Wassermanns angebrochen: Der Mond steht im siebten Haus und Jupiter geht in Konjunktion zum Mars – alle Zeichen stehen auf Frieden und Liebe. So beginnt das Erfolgs-Musical „Hair“, das seit Freitag als Wiederaufnahme aus dem letzten Jahr in der Inszenierung von Gil Mehmert zu sehen ist. Und es bedarf tatsächlich nur weniger Takte des bekannten Auftakt-Hits „Aquarius“, um den Funken überspringen zu lassen und die Zuschauer auf eine Zeitreise in die späten 60er Jahre zu schicken. Dafür sorgen neben der mitreißenden Musik (wie immer von Christoph Wohlleben gekonnt in Szene gesetzt) authentische Kostüme und ein großartiges Bühnenbild.

Mehr Bilder gibt es HIER. (Fotos: Christopher Göbel)

Es ist die Zeit der Studentenbewegung, „Flower Power“ und Grasgeruch liegen in der Luft. Eine Gruppe von New Yorker Hippies leben ihren alternativen Lebensstil mit Drogengenuss und freier Liebe, stets auf der Suche nach dem kosmischen Sinn. Die Handlung ist fragmentarisch, ein Panorama jener bunten Zeit, angereichert mit zahlreichen Verweisen auf Zeitgeschichte und Populärkultur – Scarlett O‘Hara trifft auf Jimmy Hendrix (der natürlich seine legendäre Woodstock-Version der US-Nationalhymne präsentiert). Und obwohl das Stück nun schon 51 Jahre alt ist, hat es kaum an Aktualität eingebüßt: Krieg, Rassismus, Umweltzerstörung – die Themen, die die Blumenkinder umtrieb, stehen auch heute leider immer noch auf der Tagesordnung. Bei „Air“ – dem Song über die zunehmende Luftverschmutzung – kann man heutzutage genausogut an die „Fridays for Future“-Bewegung denken, und der Auftritt von maskierten Ku-Klux-Klan-Männern hat einen geradezu erschreckend zeitgemäßen Bezug zu aktuellen Ereignissen in den USA (wie auch bei uns). In anderen Bereichen gab es aber immerhin eine gesellschaftliche Weiterentwicklung, denn viele der Tabubrüche von damals sind heute keine mehr. Die Nacktszene rief seinerzeit noch die Zensur auf den Plan, doch Gil Mehmert hat von Anfang an klar gemacht, das dies dem heutigen Theaterpublikum zuzumuten sein müsse. So entsteht ein weiteres beeindruckendes Bild, wenn die friedlichen Demonstranten sich nur mit ihren nackten, ungeschützten Körpern den Polizeiknüppeln der Staatsgewalt entgegenstellen. Aus dem umfangreichen Ensemble kann man kaum jemanden gesondert hervorheben, denn die Inszenierung lebt von dem harmonischen Zusammenspiel. Das kommt besonders in der Choreografie von Melissa King zum Tragen. Auf der Bühne herrscht ständig Bewegung, alle tanzen und toben scheinbar wild durcheinander, von einer Nummer zur nächsten. Zusammen mit der bombastischen Lichtshow wird daraus schnell auch für die Zuschauer ein rauschhaftes Erlebnis. Den Zwischenapplaus nach fast jedem Song haben sich die Darsteller redlich verdient – fast scheint es so, als wolle das Publikum ihnen wenigstens ab und zu eine kleine Atempause gönnen. Und auch nach zweieinhalb Stunden ist noch immer nicht Schluss: Unter frenetischem Applaus und Standing Ovations ließ es sich das Ensemble nicht nehmen, einige Zugaben zu präsentieren. Als dann zum zweiten Mal „Let the Sunshine in“ erklang, hielt es die Zuschauer nicht mehr auf den Plätzen und animiert von den Darstellern tanzten die Wagemutigeren auf der Bühne mit.

Die Hoffnung von damals auf Frieden, Liebe und Harmonie unter den Menschen hat sich leider nicht erfüllt, doch der Wunsch danach ist immer noch lebendig – dafür liefert diese bewegende Aufführung den Beweis.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Auffahrunfall auf der A5

Am heutigen Samstag kam es zu einem Auffahrunfall auf der A5 bei Bad Hersfeld.
Auffahrunfall auf der A5

Täter zerkratzt Audi in Bad Hersfeld

In der Nacht zum heutigen Sonntag wurde ein Audi in Bad Hersfeld zerkratzt.
Täter zerkratzt Audi in Bad Hersfeld

Ein Abend für Poesie und Musik

Eine Hommage an die jüdische Dichterin Rose Ausländer gestaltete Sabine Kampmann in Wort und Ton am Samstagabend in der Bad Hersfelder Martinskirche.
Ein Abend für Poesie und Musik

Erlebnisreiche Nacht in den Bad Hersfelder Museen

Zahlreiche Besucher nahmen an der ersten Bad Hersfelder Museums- und Erlebnisnacht teil und erlebten ihre Stadt aus einem neuen Blickwinkel.
Erlebnisreiche Nacht in den Bad Hersfelder Museen

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.