Festspiele: Mediale Selbstsuche mit Peer Gynt

Moderne „Peer Gynt“-Inszenierung eröffnet die Festspiele

Bad Hersfeld. Mit „Peer Gynt“ starteten die 68. Bad Hersfelder Festspiele mit einer kontrovers diskutierten Inszenierung. Für so manchen Premierengast war die moderne Inszenierung wohl nicht ganz das Erwartete. Allzu überschwänglich war der Applaus dann am Ende nicht und einige Plätze blieben nach der Pause gleich ganz leer. Denn auch in der entschlackten und aktualisierten Fassung von Soeren Voima ist „Peer Gynt“ kein einfacher Stoff, und in der gestrafften Handlung (werkgetreue Inszenierungen dauern bisweilen zwischen fünf und acht Stunden lang) bleibt zwangsläufig Einiges auf der Strecke. Und was übrig bleibt, ist immer noch genug, um eine Weile darauf herumzudenken.

Wie versprochen wurde das Stück für die aktuelle Inszenierung umfassend modernisiert. Wo Henrik Ibsen den Nationalismus seiner Zeit aufs Korn nahm, befasst sich die moderne Fassung vor allem mit dem Internetzeitalter – was freilich perfekt auf den Titelhelden passt, der sich stets neu erfindet und doch nie seinen wahren Kern entdeckt. In dem Poser und Schaumschläger erkennt man leicht den zeitgenössischen Youtube-„Star“ wieder. Im angesagten Strandresort, in dem das Stück beginnt, ist er damit jedenfalls der Coolste und seine ‘Follower’ saugen begierig seine Phantasiegeschichte vom Bocksritt über den Gendingrat auf. Vielleicht spielt diese Episode aber auch schon im Irrenhaus, in das Peer Gynt später wegen seiner Phantastereien eingewiesen wird, denn in diesem Stück ist nichts so, wie es scheint. Das Reich der (Netz-) Trolle ist heutzutage ein virtuelles und auch ob Peer Gynts zahlreiche Frauengeschichten Wirklichkeit sind oder nur Fake-Profile auf einer Datingseite, bleibt offen. Da das Stück in der Mitte ansetzt, werden außerdem viele Episoden in wechselnden Rückblenden erzählt, was einerseits den Handlungsstrang verkompliziert und andererseits auch die Realität all dieser Begebenheiten weiter in Frage stellt. Am Ende hat Peer Gynt so viele verschiedene Fake-Persönlichkeiten erstellt, dass sie sogar ein Wahlduell untereinander bestreiten können; Wer hat in der Gunst der Wähler die Nase vorn – Peer Gynt, der Abenteuerlustige oder Peer Gynt, der Visionär? Zusammengehalten werden all diesen verwirrenden Entwicklungen von einem großartigen Ensemble. Chris-tian Nickel ist als Hauptdarsteller einmal mehr in seinem Element und hat mit Nina Petri als Psychiaterin/Mutter und Anouschka Renzi als mysteriöse Unbekannte zwei hervorragende Gegen- und Mitspielerinnen. Corinna Pohlmann besticht als außerordentlich andersweltliche Trollprinzessin. Ebenfalls in die Herzen der Zuschauer spielte sich Leena Alam als Solveig, die mit zeitaktuellem Bezug in dieser Fassung eine Geflüchtete ist. Die visuellen Effekte mittels LED-Leinwänden unterstützten das zeitgemäße Ambiente beispielsweise mit der Einblendung von Twitter-Kommentaren, manchmal wurde es dabei aber auch zuviel des Guten und lenkte unnötig von der eigentlichen Handlung ab.

Unterm Strich steht aber eine Inszenierung, die auf jeden Fall für reichlich Gesprächsstoff sorgt und auch ein mehrmaliges Ansehen lohnt, bis man alle Facetten aufgenommen hat.

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