Festspiele: "Der Prozess" trifft den Nerv

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Energisch verteidigt sich Josef K. (Ronny Miersch, re.) vor dem Gericht.

Tosenden Applaus gab's für den Auftakt der 69. Bad Hersfelder Festspiele.

Bad Hersfeld.  Einen furiosen Auftakt der 69. Bad Hersfelder Festspiele bot am Freitag die Premiere von „Der Prozess“. Intendant und Regisseur Joern Hinkel hatte im Vorfeld nicht zuviel von seiner Neufassung des Kafka-Romans versprochen. In neuem, zeitgemäßen Gewand wird das Werk zu einer wahren Achterbahnfahrt der Gefühle, das auch mit knapp drei Stunden Spielzeit keine Langeweile aufkommen lässt.

Dazu trägt natürlich der spannende Stoff bei, der von beklemmender Aktualität ist. Dies zu verdeutlichen hat Hinkel das Original (wo das Gericht an geheimen Orten, in Rumpelkammern und auf Dachböden tagt) zeitgemäß angepasst und das Geschehen in ein normales Gericht verlegt – die nüchterne Behörden-Atmosphäre der modernen Diktatur ist mitunter gruseliger als die banale Brutalität der Gefängnisse und Lager. Riesige Aktenschränke bilden in wechselnden Kombinationen den Großteil des Bühnenbildes und verleihen dem bürokratischen Apparat Gestalt. Zudem sind die Szenen stets von einer anonymen Masse der Statisten bevölkert – seien es die Arbeitskollegen, Passanten auf der Straße oder die Zuschauer bei Gericht, immer sind sie von der gleichen, unpersönlichen Art, mehr Roboter als Menschen. Selbst in der Menge ist Josef K. so stets allein.

Ebenso sorgt ein hervorragendes Ensemble für ein gelungenes Stück. Mit Ronny Miersch (als Josef K.), Corinna Pohlmann (dessen Verlobte Felice) und Lou Zöllkau (Leni, Assistentin und Geliebte des Advokaten) sind drei eindrucksvolle junge Schauspieler in den tragenden Rollen zu sehen. Jürgen Hartmann als jovialer Vorgesetzter, Günther Alt als wohlmeinender, aber unbedarfter Onkel und Thorsten Nindel als Paparazzo-Reporter glänzen in ihren Rollen. Und nicht zu vergessen die beiden großartigen „Grandes Dames“ Marianne Säge­brecht und Ingrid Steeger sowie ein überragender Dieter Laser, der als wortgewaltiger Advokat Huld bleibenden Eindruck hinterließ. Die Favoriten beim Publikum zu bestimmen, war bei dem tosenden Applaus am Ende kaum möglich. Und auch wenn einige dieser Charaktere in ihrer skurrilen Überzeichnung auch für Heiterkeit sorgen, bleibt der Ernst des Ganzen stets fassbar. Der stellvertretende Direktor mag mit seiner jovialen Art als Witzfigur erscheinen, doch obwohl er Josef K. stets in den höchsten Tönen lobt, lässt er ihn alsbald fallen. Und Advokat Huld bringt trotz seiner großspurigen Reden eigentlich nichts zu Wege und ist in dem undurchsichtigen Justizsystem, dessen Teil er selbst ist, mehr Problem als Lösung. Stimmungsvoll ist auch die klangliche Untermalung von Jörg Gollasch, die Musik, Geräusche und ferne Stimmen zu einem einzigartigen Klangteppich webt, stetig im Fluss wie die Handlung, die dennoch zielsicher auf das düstere Ende zusteuert: „In dubio pro reo“ – „Im Zweifel für den Angeklagten“ steht am Ende höhnisch auf dem Sockel der verhüllten Justitia-Statue. Doch für Josef K. gibt es keine Gerechtigkeit.

Hier gibt's noch mehr Bilder vom Stück.

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