Festspiele: Märchen ganz modern

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Die Bad Hersfelder Festspiele zeigen "Das tapfere Schneiderlein" in neuem Gewand

Bad Hersfeld.  Mit der Premiere von „Das tapfere Schneiderlein“ im Theaterzelt haben in dieser Woche die 67. Bad Hersfelder Festspiele begonnen. Und das Märchenstück kommt einigermaßen entstaubt daher. Das fängt schon beim Titel an, denn von Tapferkeit ist bei dem Helden in dieser Fassung zunächst nichts zu spüren, ganz im Gegenteil: Schneidermeister Fritz Zwibbel (Sasha Bornemann) ist ein netter, schüchterner Mann, der lieber jeder Konfrontation aus dem Weg geht. Das nervt seine Bekannte, die resolute Studentin Elli (Neele Pettig).

Als er dann einigermaßen heroisch sieben Fliegen mit einem Schmetterlingsnetz einfängt (denn Zwibbel tut natürlich auch keiner Fliege etwas zuleide), fertigt sie ihm den Gürtel an, um ihn daran zu erinnern, dass auch er Großes leisten kann. Dass die Menschen ihn fortan wegen der Aufschrift „7 auf einen Streich“ stets für einen mächtigen Kriegshelden halten, bleibt aber auch auf ihn selbst nicht ohne Wirkung.

Diese Umdeutung macht das Schneiderlein freilich auch viel sympathischer als sein Vorbild aus dem Märchen, denn statt der fragwürdigen Botschaft, dass man es mit Angeberei und Betrug zu etwas bringen kann, zeigt das Märchenstück, wie man seine Ängste überwinden kann. Weil die Menschen ihm plötzlich etwas zutrauen, steigt sein Selbstbewusstsein, bis er am Ende schließlich in einem actionreichen und spannenden Finale wirklich eine Heldentat vollbringt. Und das Schneiderlein ist nicht der Einzige, der von Angst beherrscht wird: So versteckt sich der junge König (Yorick Tortochaux) aus Angst vor imaginären Bedrohungen am liebsten in seinem Schrank, worunter freilich die Regierungsgeschäfte etwas leiden. Und die Hofintrigen zwischen den beiden mächtigen Beratern, der Finanz- ministerin (Elisabeth Degen) und dem schneidigen General (Andrés Mendez) versetzen ihn zusätzlich in Panik. Zum Glück kann das Schneiderlein auch hier vermitteln, und nachdem alles aufgeklärt ist, schenkt er dem König seinen Gürtel, damit dieser auch in Zukunft etwas mehr Mut fasst.

Autorin und Regisseurin Franziska Reichenbacher präsentiert eine gelungene Neufassung des Grimmschen Märchens, die viele Aspekte des Originals aufgreift und modern umdeutet. So sind die Riesen hier auch nur Menschen, die aufgrund ihrer Stärke oder Macht nur übermenschlich erscheinen. Und dass der Held wie im Märchen üblich als Belohnung die Hand der Prinzessin versprochen bekommt, spricht in diesem Fall eher für die Wunderlichkeit des Königs – die Prinzessin darf selbstverständlich selbst entscheiden, wen sie heiraten will. Ein herausragendes Ensemble trägt das Stück entscheidend mit viel Spielfreude. Roland Schreglmann spielt sich als Metzger „August der Starke“ gleich zum Publikumsliebling empor und Sarah Elena Timpe versteht es, der zunächst als oberflächliche Zicke auftretenden Prinzessin auch Tiefgang zu verleihen.

Aber das Stück fordert auch und ist für jüngere Kinder (empfohlen ab 5 Jahre) nur bedingt geeignet; wie beispielsweise die Angst des Königs zum Rüstungswettlauf unter den benachbarten Ländern führt, dürfte für sie wohl eher zu abstrakt sein. Dafür können aber durchaus auch erwachsene Begleiter an dem turbulenten Märchen ihren Spaß haben.

Fotos: Sennewald

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