Filmreife Flucht mit dem Ballon: Petra Wetzel sprach mit dem KREISANZEIGER über ihre waghalsige Flucht aus der DDR

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Die Familien Strelzyk und Wetzel starten den Ballon - Peter Strelzyk (Friedrich Mücke, l.), Doris Strelzyk (Karoline Schuch, r.) und Andreas Strelzyk (Tilman Döbler).

Die Familien Strelzyk und Wetzel starten im Sommer 1979 einen Fluchtversuch aus der DDR in einem selbstgebauten Heißluftballon. Als „Ballon“ läuft das lebensgefährliche Abenteuer, inszeniert von Michael „Bully“ Herbig, jetzt in den Kinos. Petra Wetzel, erzählt von den Ereignissen.

Bebra. Es war die wohl spektakulärste Flucht, die es je an der Ost-West-Grenze ­gegeben hatte. Im Sommer 1979 fassten die Familien Strelzyk und Wetzel den waghalsigen Plan, mit einem selbstgebauten Heißluftballon aus der DDR in den Westen zu fliehen. Petra Wetzel war eine der acht Personen, die damals in dem Ballon saßen. Interviews gibt sie heute nur sehr ungern – für den KREISANZEIGER machte sie aber eine Aus­nahme und traf sich zum Gespräch im ­Bebraer Biber Kinocenter. Dort läuft seit rund drei ­Wochen die Verfilmung der Geschichte, bei der Michael „Bully” Herbig Regie führte. „Es ist ein unglaublicher Film geworden”, verrät Petra ­Wetzel. Im Gegensatz zu einer Hollywood-Verfilmung aus den 80er Jahren zeige der neue Film „Ballon” , was wirklich passierte – mit allen ­dramatischen Momenten, die sie niemals vergessen wird.

Alles begann, als die Familien auf der Titelseite einer Zeitschrift einen Heißluftballon sahen. „Wir beschlossen, so in den Westen flüchten zu ­wollen”, erinnert sich Wetzel. Sie selbst wollte die DDR ­wegen ihrer Pflegemutter verlassen. „Sie lebte im Westen – da sie aber nicht meine leibliche Mutter war, durfte ich sie nie be­suchen. Auch nicht, als sie krank ­wurde.” Nach monatelanger Vorbe-reitung, vielen Rückschlägen und der ständigen Angst, von der Stasi entdeckt zu werden, entscheidet Papa Günter ­Wetzel am 16. ­September 1979: „Heute oder nie!”

Noch in der selben Nacht ­starten die Familien ihre gefährliche Flucht, die alles ­andere als reibungslos verläuft: Der selbstgenähte ­Ballon fängt beim Start Feuer, reißt später sogar und das Gas geht aus. „Ich lief wie auf ­Autopilot, ­klammerte mich an meine Kinder – den fünfjährigen ­Peter und den zweijährige Andreas”, berichtet Petra Wetzel. Am Ende sind wir mit dem Ballon heruntergestützt, mitten im Wald gelandet”, ­erinnert sie sich weiter. „Wir wussten nicht, wo wir sind.” Als sie merkten, dass sie in Oberfranken – im Westen – waren, sei das Gefühl überwältigend gewesen. „Es war unglaublich. Ich rannte mit meinen Kindern los, wir jubelten, weinten und rissen die Arme nach oben.” Später traf sie ihre Mutter, die ihr Glück kaum fassen ­konnte. Sie ­wusste nichts von den Fluchtplänen ihrer Familie. „Das ­erste, was meine Mutti sagte, war: ‘Ich bin böse auf euch, dass ihr meine gute Nähmaschine nicht mitgenommen habt’”, lacht Wetzel heute. Nach dem Bekanntwerden der erfolgreichen Flucht stürzten sich die Reporter auf die Familien, Disney kaufte die Rechte und drehte den Film „Mit dem Wind nach ­Westen”. Petra Wetzel findet den Film schrecklich. Dort stimme einfach nichts.

Als vor sechs Jahren jedoch die Sekretärin von Michael „Bully” Herbig anrief, war ­Petra Wetzel sofort klar: „Wenn jemand diese Geschichte verfilmen kann, dann er.” Später sprach sie lang mit den Drehbuchautoren, besuchte „Bully” am Set und bekam ­sogar eine kleine Rolle im ­fertigen Film. Bevor der Film aber im Kino anlief, lud der Kult-Regisseur die Familie nach München ein. „Er zeigte uns dann den gesamten Film, wollte bei ­jeder Szene wissen, ob wir damit einverstanden wären. Notfalls hätte er auch Szenen nachgedreht.” Doch Petra Wetzel war be­geistert; bei der Kinopremiere hatte sie den gesamten Film über Gänse-­haut. „Ich habe im ­Kino ­richtig mit der Film-Familie Wetzel mitgefiebert”, lacht sie heute.

Der Film ist ab sofort im Kino zu sehen, in seiner ersten ­Woche lockte er bereits 110.000 Zuschauer in die Lichtspielhäuser.

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