Flucht in eine virtuelle Welt

Hilfe bei Computerspielsucht Eltern sollten wachsam seinVon NICOLE KANNGIESSER Bad Hersfeld. Der Computer ist fr viele Jungendliche die

Hilfe bei Computerspielsucht Eltern sollten wachsam sein

Von NICOLE KANNGIESSER

Bad Hersfeld. Der Computer ist fr viele Jungendliche die beliebteste Freizeitbeschftigung. Doch der bergang vom harmlosen Spiel zum exzessiven Konsum ist oft flieend: Fast jeder sechste 15-jhrige Junge verbringt tglich mehr als 4,5 Stunden mit Computerspielen, drei Prozent der mnnlichen Neuntklssler gelten laut einer aktuellen Studie sogar als abhngig. In Hessen sind das nach Schtzungen der Techniker Krankenkasse (TK) knapp 1.000 Jugendliche. Weitere 4,7 Prozent der mnnlichen und 0,5 Prozent der weiblichen Neuntklssler gelten als gefhrdet. Demnach laufen in Hessen zustzlich zu den bereits Abhngigen mehr als 1.700 Jugendliche Gefahr, eine Abhngigkeit von Computerspielen zu entwickeln.

Auch Kevin aus Bad Hersfeld ist einer von ihnen, kann sich kaum von der flimmerden Kiste losreien. Oft tue ich erst so, als ob ich schlafe und dann spiele ich nachts noch etwas mit Kopfhrern weiter, gesteht der 16-Jhrige. Sein Lieblingsspiel ist World of Warcraft (WoW). Das Rollenspiel wird online mit vielen anderen Mitspielern gespielt. Man kann sich Charaktere aussuchen und mit seinen Freunden zocken, was ist daran so schlimm?, fragt sich der PC-Spiele-Fan. Das Kevin im Bann des Spiels, der Charaktere, der Vlker und Klassen wie beispielsweise dem Todesritter steht, glaub er nicht. Meinen Freunde spielen auch alle, soll ich etwa alleinen auf dem Fuballplatz stehen?!

Die reale Welt wird vernachlssigt

Computerspielschtige sind nach Erfahrungen von Wolfgang Schmidt, Leiter der Hessischen Landesstelle fr Suchtfragen (HLS), hauptschlich mnnlich: Gerade Online-Rollenspiele, wie World of Warcraft, die fast ausschlielich von Jungs und Mnnern gespielt werden, haben ein hohes Suchtpotenzial. Mdchen und Frauen hingegen verbringen bermig viel Zeit in Chatforen oder mit Online-Shopping.

Die Symptome der Computerspielsucht sind hnlich, wie man es von anderen Schten kennt. Schmidt: Die Betroffenen knnen einfach nicht mehr anders, sie mssen spielen. Tun sie es nicht, leiden sie an Entzugserscheinungen, wie etwa Schlafstrungen und Nervositt. Hinzu kommt, dass die Jugendlichen durch ihr exzessives Spielen soziale Kontakte, Familie, Freunde, Schule und Beruf vllig vernachlssigen. Auch alltgliche Dinge, wie Essen und Krperhygiene werden nebenschlich, so Schmidt weiter.

Derzeit entstehen in Hessen erste Beratungsangebote. Um Betroffene und deren Angehrige fr das Thema zu sensibilisieren und Hilfe bereitstellen zu knnen, hat die HLS mit Untersttzung der TK in Hessen im vergangenen Jahr das Projekt Netz mit Web-Fehlern? ins Leben gerufen.

Auch Christina Heimeroth von der Fachstelle Suchtprvention beim Diakonischen Werk Hersfeld u. Rotenburg wei, dass Jugendliche oft in virtuelle Welten flchten: Die Jugendlichen knnen neue Charaktere erstellen, mit Eigenschaften, die sie in der realen Welt nicht haben. Brenkrfte besitzen, ber Schluchten springen oder Feuerblle schleudern die Jugendlichen fhlen sich wie Superhelden mit Superkrften, die sie in der Schule bei Streitereien auch gern htten.

Eltern sind oft berfordert

Nadine Mller, Sprecherin der TK in Hessen: Eltern fhlen sich oft mit den neuen technischen Mglichkeiten berfordert. Sie haben Schwierigkeiten, ihren Kindern in der Mediennutzung kompetent zur Seite zu stehen. Ziel des Projekts ist es, Pdagogen, aber auch Kinder, Jugendliche und Eltern ber mgliche Suchtgefahren des Internets aufzuklren.

Hierzu fanden seit Projektbeginn in ganz Hessen 25 Informationsveranstaltungen fr Eltern, Lehrer und Jugendliche sowie vier Medienkompetenzseminare statt. Rund 2.500 Personen wurden erreicht. Dank der Veranstaltungen konnten Unsicherheiten bei vielen Eltern beseitigt werden. Denn nicht jedes Kind, das viel spielt, ist auch gleich schtig, so der Leiter der HLS. Insgesamt wurde das Thema Computer- und Internetsucht durch die Projektaktivitten in das Bewusstsein der Allgemeinbevlkerung getragen und die Schwelle, fr Betroffene, sich an Suchtberatungsstellen zu wenden, konnte sprbar gesenkt werden.

Aufgrund der groen Nachfrage werden die Informationsveranstaltungen auch in diesem Jahr fortgefhrt. Zustzlich werden in Kooperation mit der Landesanstalt fr privaten Rundfunk und neue Medien (LPR) Medienkompetenzprojekte angestoen. Die Broschren Stndig Stress um den PC und PC-Dauerfeuer, die im Rahmen des Projektes entstanden sind, bieten Informationen und Hilfestellungen zum Thema und stehen auf der Homepage der HLS (www.hls-online.org) zum Download bereit.

In Bad Hersfeld ist bezglich Computerspielsucht noch kein groer Zulauf zu verzeichenen, berichtet Christina Heimeroth. Dennoch vermutet die Expertin fr Spielsucht, dass bestehende Konflikte in der Familie ausgetragen werden: Nicht jedes Kind, dass Computerspiele spielt, ist schtig. Wenn jedoch Entzugserscheinungen auftreten, die Jugendlichen extrem gereizt, agressiv oder nervs reagieren, wenn sie mal nicht spielen oder sich von Freunden und der Familie total abschotten, sollte die Beratungstelle zur Sicherheit kontaktiert werden.

Fachstelle Suchtprvention, Ansprechpartnerin ist Christina Heimeroth, Diakonisches Werk Hersfeld u. Rotenburg, Kaplangasse 1, telefonisch unter: 06621 61 0 91, oder per E-Mail an: info@bbz-sucht.de zu erreichen.

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