GDL-Jugend Bebra sauer

Ein Güterzug, beladen mit Sattelaufliegern, Containern und sogenannten Wechselbrücken, allesamt für den Transport auf Schiene wie Straße geeignet.	Foto: Patrick Rehn/nh
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Ein Güterzug, beladen mit Sattelaufliegern, Containern und sogenannten Wechselbrücken, allesamt für den Transport auf Schiene wie Straße geeignet. Foto: Patrick Rehn/nh

„Verkehrsminister Alexander Dobrindt schiebt die Schiene auf’s Abstellgleis“

Bebra. Die Ortsjugend Bebra der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer kritisiert das von Verkehrsminister Dobrindt vorgestellte Positionspapier zur Mobilität in Deutschland auf das Allerschärfste und bezieht sich dabei auf den Artikel in der "Welt am Sonntag" vom 1. Februar.

Ralf Tann, der Ortsjugendleiter hierzu: "In diesem Sechs-Punkte-Papier geht es darum, wie sich Verkehrsminister Dobrindt langfristig eine Verbesserung der Mobilität in Deutschland vorstellt. Die darin enthaltenen fünf Kernbereiche spielen sich allesamt jedoch auf der Straße ab: Selbstfahrende Autos, Elektromobilität, Carsharing, Fernbusse und Lang-Lkw (sogenannte Giga-Liner). Von den anderen Verkehrsträgern zu Schiene, Wasser oder Luft keine Silbe. Selbst das Fahrrad oder Fußgänger kommen nicht vor."

Während man den Projekten zu Elektromobilität (Förderung von Elektro-Autos und entsprechenden Ladestationen) und Carsharing (nicht jeder Bürger benötigt 24 Stunden am Tag einen Pkw...) noch Gutes abgewinnen mag sieht dies bei den anderen drei Projekten - der Förderung der Fernbussen und Lang-Lkw sowie der Forschung und Inbetriebnahme von selbstständig fahrenden Pkw - gänzlich anders aus. Tann hierzu: "Wir haben bereits zu einem früheren Zeitpunkt gefordert, dass auch die Fernbusse eine Maut entrichten müssen um sich an den Aufwendungen und Kosten zur Sanierung der Verkehrswege und dem Bau von entsprechenden Bushaltestellen zu beteiligen."

Bislang tragen Städte und Gemeinden - meistens hochverschuldet - derzeit die alleinige Last bei der Sanierung der Verkehrswege in den Innenstädten oder dem Aus- oder Neubau von entsprechenden Verkehrsstationen an denen die Fernbusse einen Halt einlegen. Im Gegensatz hierzu müssen Personenzüge auf dem Netz der Deutschen Bahn, welche sich ebenso wie die Straßen weiterhin komplett in staatlicher Hand befindet, ein Nutzungsentgelt für die Fahrt über die Schienen und den Halt an Bahnhöfen, die sogenannten Trassen- und Stationsgebühren bezahlen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es ein Zug von einem privaten Unternehmen (beispielsweise cantus, Hessische Landesbahn, Metronom oder RegioTram) oder um ein DB-Unternehmen handelt. Tann weiter: "Für die Fahrt eines ICE von Hamburg nach München war dies im vergangenen Jahr beispielsweise ein Betrag jenseits von 7000 €. Rechnet man dies nun auf alle Fahrten der Deutschen Bahn und deren Mitbewerber im gesamten deutschen Schienennetz hoch ist dies eine einseitige Wettbewerbsverzerrung zugunsten des Fernbus."

Was ebenfalls harsche Kritik hervorruft ist die geplante Ausweitung von Transporten mit Lang-Lkw: "Dem Pilotversuch haben längst nicht alle Bundesländer zugestimmt und die Straßen sind ebenfalls längst nicht alle für die Aufnahme solcher Lastwagen geeignet. Schon heute sind die Rast- und Parkanlagen komplett überlastet, so dass die Fahrer der Sattelzüge ihre Fahrzeuge in den Bereichen von Ein- und Ausfahrten abstellen müssen. Parkplätze für Giga-Liner gibt es nur sehr wenige, und spätestens wenn solch ein Lang-Lkw durch einen Kreisel fährt dürfte in den meisten Städten das Chaos perfekt sein. Auch die Nothaltebuchten an Autobahnen oder in Tunnel sind für die über 25 Meter langen Lkw nicht geeignet, Überholvorgänge auf Bundes- und Landstraßen verlängern sich ebenfalls.

Den Ausbau dieser Verkehrswege wird - wie immer - letztlich der Steuerzahler finanzieren dürfen, während man in den letzten 20 Jahren beim staatseigenen Unternehmen Deutsche Bahn mit vollkommener Gelassenheit zugeschaut hat, wie Gleisanschlüsse abgebaut, Rangiermöglichkeiten eliminiert, Lokomotiven verschrottet hat und somit viele Güterverkehrskunden an die Straße verloren hat. Die Bahn sollte ja mit Gewalt an die Börse gebracht werden, alles was sich nicht rechnet wurde abgeschafft, Kunden der Vertrag gekündigt und Mitarbeiter in die Wüste des konzernweiten Arbeitsmarkt geschickt."

Ralf Tann und seine Kollegen sind sich sicher, dass es eines Tages Standard sein wird, dass bei der Fahrt mit dem Pkw die Technik einen großen Teil der Fahrt übernehmen wird. Doch es wird hier aus dem selben Grund wie auf der Schiene kein vollautomatisiertes Fahren geben können: "Die Verkehrswege, sprich die Straßen, und auch die Fahrzeuge werden irgendwann so gut miteinander vernetzt sein, dass Gefahren schon früher erkannt werden können, als es das menschliche Auge erkennen kann. Doch bis dahin ist es noch ein weiter und langer Weg. Das wird vermutlich zuerst auf Autobahnen möglich sein, doch bis das digitale Auto in jeder Stadt und auf jeder Landstraße ankommt sind gewaltige Investitionen notwendig."

Das die deutsche Verkehrsinfrastruktur unterfinanziert ist streitet mittlerweile niemand mehr ab. Doch Kosten und Nutzen müssen in einem vernünftigen Verhältnis zueinander stehen. Tann: "Mit der Bahn steht bereits heute ein extrem leistungsfähiger Verkehrsträger zur Verfügung, an seiner Weiterentwicklung und Forschung sind tausende Menschen auf der ganzen Welt beschäftigt. Von Seiten der Bundesregierung soll jedoch künftig weiter lieber in glatten Asphalt, künftig gespickt mit Sensoren, als in innovative Konzepte für die Schiene investiert werden."

Was den jungen Gewerkschaftern der GDL Sorge bereitet ist die Tatsache, dass scheinbar der Aspekt der Arbeitskräfte vollkommen aus dem Blick verloren wurde: "Die für den Bus- und Güterverkehr auf der Straße zuständigen Verbände beklagen seit Jahren den Mangel an geeigneten Fachkräften für die Position hinter dem Lenkrad eines Busses oder Lkw. Die Schiene kann hier eine Lösung sein: Ein einzelner Lokführer kann einen Güterzug steuern, auf welchen 40 Sattelauflieger oder alternativ über 100 Container verladen werden können. Es liegt an der Politik dieses Potential auszuschöpfen, denn an noch volleren Ortsdurchfahrten und Landstraßen kann niemand ein ernsthaftes Interesse haben."

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