Hahne-Briefwechsel nach dem 4:4: „Tipp an Löw: Bitte das Undenkbare denken“

Rainer Hahne, Chefredakteur der ET-Mediengruppe.
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Rainer Hahne, Chefredakteur der ET-Mediengruppe.

Sehr geehrter Joachim "Jogi" Löw,Sie sind seit Jahren Bundestrainer. Gemeinsam mit Jürgen Klinsmann haben Sie die Nationalmannschaft vor d

Sehr geehrter Joachim "Jogi" Löw,

Sie sind seit Jahren Bundestrainer. Gemeinsam mit Jürgen Klinsmann haben Sie die Nationalmannschaft vor der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland übernommen, als alle mit einer Katastrophe im eigenen Land gerechnet haben. Die deutschen Rumpelfußballer hatten jeglichen Respekt verspielt. Ein Kritiker der Süddeutschen hatte damals den schönen Spruch geprägt "solange deutschen Fußballern der Ball beim Stoppen weiter wegspringt, als Portugiesen schießen können, können wir uns vom Gedanken an erfolgreichen Fußball verabschieden."

In erstaunlich kurzer Zeit haben Sie, Herr Löw, es geschafft, eine Mannschaft zu formen, die wieder für große Ziele gehandelt wurde.

Doch so ist es in Deutschland eben. Erst werden Sie gefeiert wie ein neuer Messias und beim ersten Rückschlag gibt’s aufs Jack. Die Niederlage gegen Italien bei der Europameisterschaft hat allen Ihren Kritikern und Neidhammeln Rückenwind gegeben. Und jetzt dieses 4:4 gegen Schweden.

Natürlich steckt das allen echten Fußballern noch tief in den Knochen. 4:0 geführt, und dann gefühlt noch verloren. Grausam.

Aber warum können wir nicht sagen: "Genau das macht Fußball aus. Darüber wird geredet. Welttore des Jahrhunderts werden gleich wieder vergessen, das Wembley-Tor ist eine Legende geworden. 16 Siege am Stück in Qualifikationsspielen. Na und? Aber das 4:4 gegen Schweden? Richtig! Legende!

Aber ganz unter uns. Der Zukunftsforscher Opaschowski hat mal einige wichtige Dinge ausgesprochen: "Risikoforscher müssen lernen, dass ein Restrisiko Realität werden kann. Man muss das Undenkbare denken, mit dem Unberechenbaren rechen und das Unwahrscheinliche für wahrscheinlich halten. Auch die wildesten Szenarien können eintreten – denken Sie an Fukushima."

Hätten Sie Ihren Opaschowski gelesen und auf Uli Hoeneß gehört, hätten die "toten Augen von Berlin" nicht diese Ratlosigkeit ausgestrahlt. Sie hätten auch beim 4:0 noch mit dem Schlimmsten gerechnet.

Aber dafür müssen Sie kritikfähig sein, müssen mit Leuten sprechen, die Ihnen nicht unbedingt nach der Nase reden. Eine zu lange Erfolgsstory kann dazu führen, dass das nicht mehr passiert. Man lässt sich ja schließlich auch lieber loben.

Doch Trainer, die von sich glauben, dass Sie Gottes Antwort auf die Gebete aller Fußballfans sind, tragen den Keim des Versagens schon in sich. Wer glaubt, mit anderen nicht mehr reden zu müssen, erhält es nach einer gewissen Zeit schriftlich – die Kündigung nämlich. Dafür gibt es genügend Beispiele. Ihnen, Herr Löw, bleibt das hoffentlich erspart.

Mit spieltaktischen Grüßen

Rainer HahneChefredakteur

PS. Uli Hoeneß hat es mit Bayern München letzte Saison dreimal erlebt, was es heißt, sich zu sicher zu sein. Sie jetzt zweimal. Gespräche mit Hoeneß lohnen sich.

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