Heute bleibt der Teller leer: Juliane S. infizierte sich mit dem Bakterium MRSA – jetzt bekommt sie kein Essen vom Lieferdienst mehr

Mansbach. Juliane S., die Mutter von Sabine Hofmann und Elisabeth Wolf, ist gerade 82 Jahre alt geworden. Die Dame darf ihr Alter allerdings alles and

Mansbach. Juliane S., die Mutter von Sabine Hofmann und Elisabeth Wolf, ist gerade 82 Jahre alt geworden. Die Dame darf ihr Alter allerdings alles andere als genießen. Juliane S. ist krank, muss in regelmäßigen Abständen ins Krankenhaus zur Dialyse. Bei einem ihrer Krankenhausbesuche im November des vergangenen Jahres infizierte sich die alte Dame mit dem Krankenhaus-Bakterium MRSA. "Mal ist unsere Mutter vom Bakterium befallen, mal nicht.  Jedesmal, wenn sie ins Krankenhaus muss, infiziert sie sich neu. Ihr Körper ist so geschwächt, kann einfach nicht dagegen ankämpfen", beschreiben ihre Töchter die Situation.

Jetzt, vor etwa vier Wochen, befiel das MRSA-Bakterium erneut den Körper von Juliane S. Nicht das einzige Problem der alten Dame: "Plötzlich sagte uns der Essenslieferdienst, das Haus Kreuzberg in Philippsthal, dass sie kein Essen mehr an unsere Mutter liefern – wegen des ansteckenden Bakteriums. Und das, obwohl dem Lieferdienst unsere Situation schon seit Monaten bekannt war. Einfach so, von heute auf morgen." Unverständlich für die Schwestern. Auf Rückfrage antwortete man ihnen, dass es eine Entscheidung von oben gewesen sei. Der Bitte um Rückruf kam der Entscheidungsträger nicht nach. "Drei Stunden wartete ich geduldig. Dann rief ich erneut an und kündigte das Geschäftsverhältnis. Im selben Telefonat sagte ich auch, dass ich mich an die Presse wenden würde", erinnert sich Elisabeth Wolf.

Tags darauf kam der erbetene Rückruf. "Plötzlich entschuldigte man sich und betonte, dass man schon eine Lösung finden würde. Wir sollten die Box, in der das Essen geliefert wird, aufwaschen, desinfizieren und in eine Tüte packen, dann wäre wieder alles in Ordnung", so Wolf. Ihre Schwester ergänzt: "Unsere Mutter hat sowieso nie aus der Box gegessen. Wir haben schon vorher das Essen immer auf  Teller gemacht und alle Gefäße des Lieferdienstes aufgewaschen und desinfiziert. Wir konnten die plötzliche Aufregung überhaupt nicht verstehen." Die Begründung des Lieferdienstes: Wenn die Essensbox wieder leer ins Auto geladen wird, werde das übrige Essen, das sich noch darin befindet, infiziert. "Völliger Quatsch", sagen die Schwestern. "Das Essen für die Menschen ist ja schließlich in separaten Boxen verpackt, kommt miteinander also gar nicht in Berührung."

Das Schlimmste für die Schwestern: "Unsere Mutter hat sich gefühlt wie eine Aussätzige. Ihr Glück ist es, dass sie fünf Kinder hat, die sich um sie kümmern. Wie geht es aber anderen alten Menschen, die niemanden haben, der sich für sie einsetzt? Eine Schande. So geht man nicht mit alten Menschen um", da sind sich die Schwestern einig. Mittlerweile kochen die Geschwister abwechselnd für ihre Mutter. Ein Dauerzustand soll das aber nicht bleiben, schließlich sind alle berufstätig. "Auf jeden Fall wäre es nicht so weit gekommen, wenn der Essenslieferservice sich korrekt verhalten hätte", da sind sie sich einig.

+++ Stellungnahme des Lieferdienstes +++

"Wir haben in der Sache Fehler gemacht... und bedauern, dass wir keine Einigung mit der Familie erzielen konnten"

Der KA fragte bei Hans-Joachim Kessler, Leiter des Hauses Kreuzberg in Philippsthal, nach den Hintergründen für die Entscheidung des Essenslieferdienstes. In dem Gespräch gibt Kessler zu: "Wir haben in der Sache Fehler gemacht. Vor allem dabei, wie das Gespräch mit den Kindern der Frau verlaufen ist. Hier liegt die Schuld klar bei uns."

Allerdings gibt er zu bedenken: "MRSA ist eine kritische Sache, die auch kritisch behandelt werden muss. Als bekannt wurde, dass Frau S. von dem Bakterium befallen ist, haben wir unsere Essenslieferanten im Umgang mit dem Bakterium schulen lassen und andere Sicherheitsmaßnahmen getroffen, damit das Bakterium nicht auf andere Essensbehälter übergreift".

Schließlich beliefere der Essenslieferdienst, neben älteren Menschen, auch Schulen und Kindergärten im Kreis. Eine Verbreitung des Bakteriums sollte deswegen mit allen Mitteln ausgeschlossen werden. Besonders kritisch: "Das Bakterium lag in diesem Fall im Mund- und Rachenraum vor", so Kessler. Deswegen sei eine Kontamination sehr leicht möglich gewesen. "Die Kinder von Frau S. haben uns versichert, dass ihre Mutter mit der Box nicht in Berührung kommt. Dennoch haben wir das Risiko für unsere anderen Kunden vor Augen gehabt. Aus diesem Grund haben wir der Familie mitgeteilt, dass eine Lieferung, während die Krankheit vorliegt, nicht möglich ist." Kessler weiter: "Das Gespräch mit der Familie von Frau S. war ein Fehler von uns. Wie wir mit der Krankheit umgegangen sind, war aber richtig".

Außerdem bedauere er es, dass mit der Familie keine Einigung erzielt werden konnte.

+++ EXTRA INFO +++

Was ist MRSA und wie sollte man damit umgehen?

Der KA fragte beim Fachdienst Gesundheit des Landkreises nach: Multiresistente Erreger (MRE) sind Keime, gegen die viele Antibiotika unwirksam sind. Dazu gehören unter anderem Methicillin-resistente Staphylococcus aureus Bakterien  (MRSA). "Normale" Staphylococcus aureus Bakterien finden sich auch bei vielen gesunden Menschen auf der Haut und auf Schleimhäuten. Wenn diese Erreger gegen die meis-ten Antibiotika resistent geworden sind, zum Beispiel durch übermäßigen und unkritischen Antibiotika-Einsatz in der Human- und Veterinärmedizin, werden sie MRSA genannt (20 Prozent der Isolate in der Bundesrepublik Deutschland). Wesentliche Übertragungswege sind Haut- und Händekontakte. Händehygiene ist deshalb die wichtigste Maßnahme zur Verhinderung der Weiterverbreitung.

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