Keine stille Nacht

Blick nach Waldeck-Frankenberg: Als ich hier ankam, dachte ich: Das ist die Hlle! - Weihnachten im Trainingscamp Von RALF FE

Blick nach Waldeck-Frankenberg: Als ich hier ankam, dachte ich: Das ist die Hlle! - Weihnachten im Trainingscamp

Von RALF FELDMANN

Rhoden. Bewaffneter Raubberfall, Krperverletzung, Hehlerei, Drogenhandel, betrchtliche kriminelle Karrieren haben diese Jugendlichen bereits hinter sich, aber man sieht es ihnen nicht an.

Im Gegenteil: Alle sind hflich, freundlich und diszipliniert im Trainingscamp bei Lothar Kannenberg in Diemelstadt-Rhoden. Der Aufenthalt dort ist fr die meisten der zwanzig Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren die einzige und letzte Mglichkeit, dem Jugendgefngnis zu entgehen. Feste Regeln. Ein enger Programmablauf von 6 Uhr morgens bis 22 Uhr abends. Handy, Radio, Fernseher, Mp3 Player, Schmuck, Parfum und anderes sind tabu, Alkohol sowieso.

Abends fallen alle mde in die Betten, denn das Tagesprogramm ist schweitreibend, geht an die Grenzen und teils auch darber hinaus. Besonders fr Neuankmmlinge eine starke Herausforderung, und viele wollen nach dem ersten Tag sofort wieder abreisen, aber in den Knast will auch keiner. Darum bleiben sie und nehmen die Strapazen auf sich.

Als ich hier ankam, dachte ich: das ist die Hlle, sagt der 15-jhrige Hermon, der schon viel Mist gebaut hat. Der 18-jhrige Tolga hatte Schwierigkeiten, seine Aggressionen in den Griff zu bekommen.Nach sechs Monaten Aufenthalt sagt er: Ich habe Respekt, Disziplin und Hflichkeit gelernt und einen strukturierten Tagesplan einzuhalten.

Kevin ist 16 und kam bei einer Party mit Drogen in Kontakt. Es blieb nicht bei einem Joint. Hrtere Drogen kamen dazu. Kevin war total kaputt, als er im Camp ankam, erst nach ein paar Tagen kam langsam seine Orientierung wieder. Jetzt hat Kevin wieder einen klaren Blick.

Dies sind nur ein paar Schicksale von vielen, die Grnder und Leiter Lothar Kannenberg in den Jahren seiner Arbeit kennen gelernt hat. Die Jugendlichen gehen hier durch eine harte Schule, und sie lernen, dass es im Leben auch anders gehen kann, getreu dem Motto, das immer und berall laut ber das Gelnde schallt: Wir schaffen es.Und man geht es gemeinsam an. So bekommt jeder Neuankmmling zu Beginn einen Paten zugeteilt, der fr ihn und seine Integration die Mitverantwortung bernimmt. Verstt er gegen eine Regel, ist der Pate mit dran. Ganz oben auf der Liste der Sanktionen stehen Liegesttz. Bei Zusptkommen, schlechtem Benehmen, sonstigen Regelversten wird gepumpt. Bei hartnckigen Fllen gibt es auch schon einmal einen kleinen Crosslauf um den Twistesee. Wenn es sein muss auch mitten in der Nacht, und immer fr die gesamte Gruppe, wegen dem anhaltenden Merkeffekt.Doch bei aller Strenge beeindruckt auch eine entspannte, freundliche Atmosphre.

Auerdem gibt es beeindruckende Rituale, wie Willkommensritual, berlebensritual, Essensritual. Besonders symboltrchtig ist das Grabritual, bei dem das alte Leben symbolisch beerdigt wird.Die Respekttrainer teilen einen groen Teil ihres Lebens mit den Jungs, kmmern sich um die Trainingseinheiten, die Einhaltung der Regeln und auch um die persnlichen Belange.

Tino Gro ist einer von ihnen. Der Zweimetermann war sechsfacher deutscher Meister im Halbschwergewicht und Boxprofi, und er ist froh darber, dass er im Trainings-camp seine sportlichen Ambitionen und die Freude an der Arbeit mit Jugendlichen miteinander verbinden kann.Durch viele harte Trainingseinheiten wird das Selbstwertgefhl aufgebaut, aber auch Zeiten fr persnliche Reflexion und Gruppengesprche, Tages- und Wochenberichte helfen, die Jungs fit zu machen fr die Herausforderungen von Schule und Beruf.

Die meisten bleiben sechs Monate in Diemelstadt. Im nchsten Jahr beginnt der Bau der Nachfolgeeinrichtung in Vasbeck, wo fr die Jugendlichen die Mglichkeiten geschaffen werden sollen, nach dem Aufenthalt im Trainingscamp schulische und berufliche Karrieren aufzubauen. Alles soll die Jugendlichen vorbereiten, ihren Weg zuknftig alleine zu finden.

Fr viele ist es das erste Mal ohne Alkohol

Am Tag der offenen Tr haben sich alle schon einmal auf Weihnachten eingestimmt. Vor Freunden, Eltern, Nachbarn und Untersttzern gaben die Jungs in einem beeindruckenden, selbst geschriebenen Theaterstck spannende Einblicke in das Leben und den Alltag im Trainingscamp. An den Feiertagen wird das ganze Regelwerk dann fr ein paar Stunden auer Kraft gesetzt. Gefeiert wird traditionell und familir.

Lothar Kannenberg und seine Familie feiern mit den Jugendlichen zusammen. Es gibt gutes Essen, er liest eine Weihnachtsgeschichte vor, der Weihnachtsmann verteilt Geschenke, dann gibt es einen gemeinsamen Spieleabend. Viele haben das noch nie erlebt, fr viele ist es auch das erste Mal ohne Alkohol, sagt Kannenberg, da gehts auch in der Gefhlswelt ganz schn los. Da mssen wir da sein.Kino, Tanzen oder Eislaufen stehen vielleicht auch noch auf dem Programm, etwas Abwechslung in der sonst strengen Programmfolge. Stille Nacht ist jedenfalls nicht angesagt. Die gibt es nmlich schon das ganze Jahr immer ab 22.30 Uhr.

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