Um Kindeswohlgefährdungen zu vermeiden, leisten die Jugendämter der Landkreise Präventivarbeit

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Jugendamtsleiterin Anette Kranz kümmert sich mit ihrem Stellvertreter Dirk Langheld und vielen weiteren Kollegen um das Kindeswohl im Landkreis Hersfeld-Rotenburg.

Wie gründlich bei den Jugendämtern gearbeitet wird, zeigt ein Gespräch mit Mitarbeitern des Jugendamtes im Landkreis Hersfeld-Rotenburg.

Hersfeld-Rotenburg. Früher hieß es oftmals, das Jugend­amt nehme einem die Kinder weg, wenn man sich als Eltern nicht angemessen verhält. Mit den Jahren wich diese Angst aber eher der Einstellung, dass das Jugendamt gar nichts mache, wenn man sich an dieses wende. Um mit diesen Vorurteilen einmal aufzuräumen, traf sich unsere Zeitung mit Mitarbeitern des Jugendamtes in der Kreisverwaltung Hersfeld-Rotenburg und legt im Gespräch den Fokus auf Sorgerechtsstreitigkeiten mit Kindeswohlgefährdung. „Bei jedem Fall, der uns gemeldet wird, müssen wir genau analysieren, welche Infos uns vorliegen. Dann entscheiden wir, ob Hausbesuche nötig sind, wir die betreffenden Personen zu uns einladen oder ein Telefongespräch zur Klärung erstmal ausreicht“, erklärt Jugend­amtsleiterin Anette Kranz das Vorgehen.

Wie schnell ein Fall behandelt wird, hänge auch davon ab, wie alt das betreffende Kind sei. Ein Säugling habe also Vorrang vor einem Teenager. „Es gibt aber auch Fälle, da kann ein 13-Jähriger Priorität erhalten“, ergänzt Kranz. Beim Kontakt mit den Familien kennen Kranz und ihre rund 15 Kollegen die ganze Bandbreite an Reaktionen. Einige seien überrascht, andere kennen die Besuche schon. „Teilweise haben wir auch Familien, mit denen intensiv gearbeitet werden muss, um einer Kindeswohlgefährdung vorzubeugen“, gibt Kranz zu bedenken. „Wir sprechen direkt mit den Eltern, um unsere Unterstützung anzubieten und zu helfen.“

Kleine Veränderungen können manchmal helfen

Manchmal könne eine kleine Veränderung im Alltag schon stark helfen, wie wenn ein Kind vorzeitig in die Krippe kommt und damit die Mutter entlastet wird. „Bei einer Kindeswohlgefährdung geht es darum, eine Veränderung herbeizuführen und die Familien zu begleiten, damit die Kindeswohlsicherung passiert“, erklärt Dirk Langheld, stellvertretender Jugendamtsleiter, „es kommt nicht gleich zu einer Herausnahme oder Inobhutnahme von Kindern. Lediglich in akuten Fällen kann so etwas auf kurz oder lang passieren. Im Anschluss wird geprüft, wann das Kind wieder zurück in die Familie kann.“ Doch macht Langheld auch deutlich, „für Eingriffe in das Sorgerecht muss schon viel passiert sein.“

Kranz ergänzt: „Das Jugendamt sorgt für den Schutz der Kinder, über das Sorgerecht entscheiden die Gerichte.“ Wenn das Kindeswohl nicht überprüft werden kann, etwa wenn die Sorgeberechtigten sich nicht kooperativ zeigen, kann das Jugendamt über das Familiengericht, Gerichtsvollzieher oder die Polizei um Unterstützung bitten. Martin Schäfer, Leiter der Pressestelle des Polizeipräsidiums Osthessen, erwähnt dazu: „Wenn solche Meldungen oder gar Anzeigen bei uns eingehen, wenden wir uns zunächst an das Jugendamt. Wenn Amtshilfe nötig ist, hilft die Polizei.“ Langheld ergänzt: „Die Polizei hilft nur bei Gefahrenabwehr oder wenn es um Leben oder Tod geht, sonst gilt die Unverletzlichkeit der Wohnung.“ Es bestehe kein Recht, jederzeit freien Zutritt zu bekommen.

„Das Jugendamt leistet hauptsächlich Präventivarbeit. Die Eltern sollen mitgenommen werden, um Veränderungen zu schaffen“, betont Kranz. Beratungsprozesse brauchen aber generell Zeit, um gemeinsam die Frage zu klären, wie das Wohl des Kindes positiv gestaltet werden kann. „Problematisch wird es, wenn Familienstreitigkeiten vorliegen, ein unbeteiligtes Kind dafür in den Mittelpunkt rückt und wir hinzugezogen werden“, macht Kranz deutlich, denn dann gehe es den Beteiligten mehr um ihren Streit, als das eigentliche Wohl des Kindes.

Meldungen werden gleichwertig behandelt

Ob eine Meldung zu einer potentiellen Kindeswohlgefährdung von Angehörigen, Dritten, Schulen oder Kitas kommt, spiele dabei aber keine Rolle – alle Meldungen werden gleichwertig behandelt. „In seltenen Fällen kommt die Meldung sogar von den Betroffenen selbst. Aber auch da müssen wir prüfen, ob etwas dran ist. So etwas passiert in der Regel aber nur von Jugendlichen“, gibt Kranz zu bedenken. Im Landkreis Hersfeld-Rotenburg gingen 2018 rund 250 Meldungen zur Kindeswohlgefährdung ein. Der Vogelsbergkreis hat 241 Eingänge an Kindeswohlgefährdungsmeldungen zu verzeichnen, wobei in 26 Fällen das Familiengericht hinzugezogen wurde. Wie viele davon mit Sorgerechtsstreitigkeiten und damit dem Familiengericht zusammenhängen, wird statis­tisch nicht erfasst. Zu beachten ist bei der Zahl, dass auch mehrere Meldungen zu einem Kind eingehen können, jede aber einzeln zählt.

EXTRA-INFO: Meldungen von Kindswohlgefährdungen im Landkreisvergleich

Während 2018 rund 250 Fälle von Kindswohlgefährdung über die Schreibtische des Jugendamtes Hersfeld-Rotenburg gingen, sieht es in den Nachbarlandkreisen anders aus. Eine Übersicht:

Kassel: 361

Landkreis Kassel: 511

Schwalm-Eder-Kreis: 136

Werra-Meißner-Kreis: 329

Waldeck-Frankenberg: 162

Fulda: 118

Vogelsbergkreis: 241

Dabei ist jedoch zu beachten, dass nicht jeder Fall innerhalb eines Jahres auch abgeschlossen wird.

Ebenso ist es möglich, dass abgeschlossene Fälle später wieder neu aufgegriffen werden. Wie oft Meldungen von Kindswohlgefährdungen mit Sorgerechtsstreitigkeiten zusammenhängen, wird von den Ämtern nicht gesondert erfasst.

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