Kommentar: Böses Erwachen nach dem Brexit-Schock

Flagge England
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Redakteur Philipp Ling zu den Zukunftsaussichten nach dem Referendum der Briten.

Es war zwar historischem Zufall geschuldet, doch tagesaktueller hätte der Festspiel-Auftakt kaum sein können. Während in der Stiftsruine die Verführbarkeit der Masse veranschaulicht wurde, sinnierte Europa über die ganz realen Auswirkungen einer unüberlegten Entscheidung: 17 Millionen Briten waren auf dumpfe Parolen und dreiste Lügen der Brexit-Kampagne hereingefallen.  Der Kater folgte selbst bei den eifrigen Antieuropäern auf dem Fuße. Es spricht für sich, dass das Ausscheiden im EM-Achtelfinale  gegen Außenseiter Island derzeit zu den geringsten Sorgen der Briten zählt.

Die aktuelle Regierung ist nurmehr Nachlassverwalter der Katastrophe, und auch die Opposition ist heillos zerstritten. Sogar die Brexit-Befürworter geben sich für Sieger seltsam kleinlaut und beschwichtigen, dass sich erst einmal nichts ändern werde. Sowieso, besonders eilig hat es mit dem Austritt nun plötzlich keiner mehr.Und das, obwohl der Druck von allen Seiten wächst: Die EU fordert die Briten auf, ihre Drohung jetzt auch wahr zu machen, nach der Devise "lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende".

Die pro-europäischen Landesteile von Schottland bis Gibraltar planen bereits den Austritt aus dem Vereinigten Königreich.Währendessen steht die Wirtschaft auf Halt – Investieren will in diesem Klima der Unsicherheit natürlich niemand.Der Pöbel fühlt sich bereits ermutigt, die Sache selbst in die Hand zu nehmen: Die Polizei vermerkt einen drastischen Anstieg von Übergriffen gegen Ausländer –  EU-Ausländer, wohlgemerkt. Auf der Insel denken derzeit nicht nur Migranten immer häufiger über einen Wohnortwechsel Richtung Festland nach.

Beide Seiten unter Zugzwang: Die Britische Regierung – egal welche das sein wird – wird um die Anerkennung des geäußerten Volkswillens kaum drumherum kommen. Forderungen nach einer Wiederholung der Abstimmung sind illusorisch und unter demokratischen Gesichtspunkten absurd. Jene gut drei Millionen Bürger, die jetzt bekunden, dass sie sich irgendwie verwählt haben oder ihr Fernbleiben von der Urne im Nachhinein bedauern, blamieren sich einfach nur.Auf Zeit zu spielen, bis sich die Wogen etwas geglättet haben,  scheint derzeit tatsächlich die beste Option für die Briten zu sein.  Die Hoffnung, die Bevölkerung würde irgendwann schon von alleine wieder zur Vernunft kommen, ist natürlich gewagt.

Europa auf der anderen Seite muss jetzt Entschlossenheit zeigen – eine Austrittsdrohung  kann man nicht ohne Konsequenzen durchgehen lassen.Auf Vorverhandlungen oder gar Vergünstigungen hoffen Optimisten wie Johnson wohl vergeblich. Denn nur die Vorteile der EU genießen und die Pflichten abgeben, das geht nun wirklich nicht. Wer rauswill, der soll dann auch gehen – und die Konsequenzen tragen.

Selbst wenn die offizielle Aus-trittserklärung noch auf sich warten lässt, seit Freitag ist Großbritannien Mitglied unter Vorbehalt: Die britische Ratspräsidentschaft im nächsten Jahr steht genauso zur Disposition wie die Teilnahme der Briten an den übrigen derzeit anstehenden Entscheidungen.Häme ist dabei fehl am Platz: Großbritannien und die EU werden auch weiterhin aufeinander angewiesen sein. Ein reibungsloser Übergang wäre in unser aller Interesse. Und dass es ohnehin nicht so leicht wird, wie sich so mancher Populist das vorstellt, das ist schon jetzt klar. Wenn zumindest diese Lehre aus demBrexit-Schock Bestand hätte, wäre für die Zukunft Europas immerhin etwas erreicht.

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