Leserbrief zu „Schrumpfen fast gestoppt“: „Freudenschrei des Landrats ist fehl am Platze“

Unser Titel-Thema vom Mittwoch, 18. Juli 2012
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Unser Titel-Thema vom Mittwoch, 18. Juli 2012

Zum "Freudenschrei" unseres Landrates zum Geburtenüberschuss (Artikel "Schrumpfen fast gestoppt: Landkreis Hersfeld-Rotenburg stabilis

Zum "Freudenschrei" unseres Landrates zum Geburtenüberschuss (Artikel "Schrumpfen fast gestoppt: Landkreis Hersfeld-Rotenburg stabilisiert seine Einwohnerzahlen") einige objektive Anmerkungen:

Das eine solche "Momentaufnahme" politisch genutzt und hochgespielt wird, bedingt keine dauerhafte Realität für eine entwicklungsbedürftige Region. Uns fehlt jedwede Form von Arbeitsplätzen, von einfachen bis qualifizierten. Die Einsicht, dass das, was Familien füreinander tun, für alle getan ist, stößt sich an der Flexibilisierung beruflicher Tätigkeit und dem damit verbundenen Weggang.

Eltern werden zu "Hinterbliebenen", letztlich zu Solisten, die dann eventuell mit einer "angemessenen" Wohnungsgröße von 50 Quadratmetern vorlieb nehmen dürfen. Für den Besuch der Kinder ist kein Platz mehr. Zerfallene Familien, Singlehaushalte und zunehmende Veralterung prägen bereits unser Gemeinwesen.

Da hilft auch nicht, wie bei uns noch vor einiger Zeit: Wir haben Natur, wir haben Fachwerk – Rotenburg 50 plus. Das Schließen der Entbindungsstation am hiesigen KKH war eine fast ironisch-sarkastische Folge, denn ab diesem Alter braucht man sie nicht mehr.

Es geht nicht um Verhaltensweisen von Frauen und Männern, auch nicht um Moral, es geht um die evolutionär-biologische Programmierung und deren Faktoren und um die Frage, woher das soziale Kapital beschafft werden soll, um unsere Lebensform zu ermöglichen und zu erhalten.

Eine Gesellschaft ist in der Frage ihres Bevölkerungserhaltes oder -zuwachses kaum von der Zahl der Männer abhängig, sondern fast ausschließlich von der Zahl der Frauen – beweisbar in unserem Land nach dem Weltkrieg. Bereits J. D. Wolfensohn, Präsident der Weltbank, hat vor zehn Jahren formuliert: "Wenn man einen Jungen erzieht, erzieht man eine Person, wenn man ein Mädchen ausbildet, bildet man eine ganze Nation aus."

Hintergrund und Garant für gesellschaftliche Entwicklung und Überleben waren jedoch immer Familien. Ihnen ist und muss insgesamt eine gesicherte Perspektive gegeben werden, die sich nicht durch eine "Momentaufnahme" in prognostische Dauerhaftigkeit verwandelt.

Die weiter dramatische Zukunft bezüglich Demographie ist nachlesbar in "Die demographische Lage der Nation", Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, hier ab Seite 82 "Hessen". Ich darf zitieren, Seite 86 unten, 87 oben: "Noch düsterer sieht es allerdings in Nordhessen aus, der Problemregion des Bundeslandes. Der gesamte Norden schrumpft demografisch und ist bereits stark überaltert. So gehören die Kreise Werra-Meißner und Hersfeld-Rotenburg mit elf Prozent Hochbetagten zu den am stärksten überalterten Kreisen Deutschlands."

Bis 2030 wird im erstgenannten Kreis ein Drittel der Einwohner 65 Jahre und älter sein. Hersfeld-Rotenburg ist dann nicht mehr wesentlich jünger. Und wir Alten werden diese Kommune nicht mehr finanzieren können, außer es gibt ein Bußgeld für "Unterschreiten der Mindestgeschwindigkeit".

Diese Entwicklung hat Ursache in den achtziger Jahren. Momentaner Geburtenüberschuss ist kein Regulator, führt zu keiner Umkehr, wenn auch als politischer Identifikationspunkt benutzt.

Wenn vorgenanntes Berlin-Institut Recht bekommt, dann werden wir vielleicht in ab 30 Jahren manche Ortschaft "Renaturieren", denn alleine Landschaft reicht weder für Familie noch für Kinder.

Paul-Gerhard ExnerRotenburg

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Hier nochmal der Artikel, auf den sich dieser Leserbrief bezieht:

Schrumpfen fast gestoppt: Landkreis Hersfeld-Rotenburg stabilisiert seine Einwohnerzahlen (vom 17. Juli 2012)

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