Gewaltig und gewalttätig: „Martin Luther – Der Anschlag“:

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Dieter Wedel wirft in seinem festspiel-Stück ein neues Licht auf den Reformator

Bad Hersfeld. Endlich ist die Spannung gelöst: Trotz aller Schwierigkeiten im Vorfeld lieferte Intendant Dieter Wedel eine eindrucksvolle Premiere ab. Das Publikum spendete reichlich Applaus – auch wenn die Verarbeitung des Gesehenen bei Vielen noch einige Zeit nach dem Schluss in Anspruch genommen haben dürfte.

Nicht nur, weil Wedel sich Großes vorgenommen hatte und an einigen Stellen spürbar wird, wie er kämpfte, den Stoff in ein Theaterstück zu pressen. Die Premierenfassung mit drei Stunden Spielzeit war bereits deutlich gekürzt, und die entstandenen Lücken an einigen Stellen spürbar.

Auch handwerklich zieht Wedel alle Register, vor allem beim Einsatz der Video-Leinwände: Hier wechseln News-Collagen mit hektischen Hintergrundinfos im Stil moderner History-Dokumentationen (gekonnt und nicht ohne eine gewisse Doppelbödigkeit von Jan Hofer und Mareile Höppner präsentiert). Und bei den historischen Schlüsselszenen überträgt sogar die Kamera auf der Bühne das Geschehen ‘live’ auf den Bildschirm. Der Anschlag aus dem Titel ist gewissermaßen auch ein Anschlag auf die Sehgewohnheiten des Publikums.

 Hauptmotiv ist dabei von Anfang an religiöse Verblendung, wozu im Hintergrund eindringlich die Gräueltaten im Namen der Religion, vergangene und zeitgenössische, eingeblendet werden. Im Mittelpunkt steht Luthers Werdegang vom sinnsuchenden und auch zweifelnden Frömmler zum knallharten Fundamentalisten, der Verwünschungen und Obszönitäten in alle Richtungen ausspuckt: Gegen den Papst, die aufständischen Bauern, sogar seine Weggefährten – und immer wieder gegen Juden und Muslime. So schwer zu ertragen das mitunter ist, so hat doch Wedel hier nichts hinzugedichtet, es handelt sich durchweg um Original-Zitate. Reformation bedeutet hier vor allem Spaltung in blutige Religionskriege und den Zerfall eines geeinten Europa in kleingeistige Nationalismen. Das ist eine ungewöhnliche Herangehensweise für ein Porträt des Reformators, aber dass Wedel wohl kaum eine Hagiographie verfassen würde, war von vornherein klar.

Doch so kontrovers der Stoff auch sein mag, an der Ausführung gab es nichts zu bemängeln: Wedel präsentiert ein großartiges Ensemble in Top-Form. Besonderes Lob gab es natürlich für Christian Nickel, der seine kurzfristige Doppelbesetzung als Reformator und Wutbürger hervorragend meisterte. Auch die beiden anderen Luther-Darsteller, Maximilian Pulst (der Überhebliche) und Janina Stopper (der Verzweifelte) überzeugten mit ihrer Leistung, auch wenn ihre Auftritte knapp bemessen waren – Luthers Jugendjahre werden verhältnismäßig schnell abgehandelt und gegen den eifernden älteren Luther kommen seine jüngeren Ichs kaum mehr zu Wort.

Zum Publikumsfavoriten spielte sich Robert Joseph Bartl als bedachtsamer Kardinal Cajetan, dessen schlagfertiger Wortwitz stets für Erheiterung sorgte. Und weil Schauspieler Hartmut Volle verhindert war, kamen die Premierenzuschauer auch in den Genuss von Joern Hinkels denkwürdigem Auftritt als Luthers Vater. Unterm Strich hat Wedel gehalten, was er versprochen hat: Sein Luther ist alles andere als leichte Kost, aber unbedingt sehenswert – und bietet zum Reformationsjahr auf jeden Fall reichlich Diskus­sionsstoff.

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